Eins der Wunder der Heiligen Nacht liegt in der Unbefleckten Empfängnis. Doch wie ist das zu verstehen? Stefan Kröger zeigt die Interpretation als Pfarrer auf.
„Als Elisabet im sechsten Monat war, sandte Gott den Engel Gabriel nach Nazaret in Galiläa zu einem jungen Mädchen mit Namen Maria. Sie war noch unberührt und war verlobt mit einem Mann namens Josef, einem Nachkommen Davids. Der Engel kam zu ihr und sagte: ‚Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen!‘ Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. Da sagte der Engel zu ihr: ‚Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und wird Sohn des Höchsten genannt werden. (...)‘ Maria fragte: ‚Wie soll das zugehen? Ich bin doch mit keinem Mann zusammen!‘ Er antwortete: ‚Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird das Wunder vollbringen. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und Sohn Gottes genannt werden. (...)‘ Da sagte Maria: ‚Ich gehöre dem Herrn, ich stehe ihm ganz zur Verfügung. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.‘“
Kernaussage
So wird im Lukasevangelium die Frohe Botschaft von Engel Gabriel verkündet. Die heilige Jungfrau Maria, wie es von katholischen Geistlichen gerne betont wird, soll Gottes Sohn empfangen und gebären. Stefan Kröger, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Erzingen-Schömberg, sieht das jedoch etwas anders. „Das ist so ein Mini-Aspekt, an dem sich so viele aufhalten“, führt er aus. „Natürlich ist es eine wunderbare Geburt, aber es steht nicht im Zentrum. Wenn man sich an dieser Stelle zu lange aufhält, geht man maßlos an der Kernaussage der Weihnachtsgeschichte vorbei. Nämlich, dass Gott selbst in diesem Menschenkind auf die Welt kommt.“
Experten der Theologie diskutieren übrigens, ob es sich bei dem Ausdruck „Jungfrau“ lediglich um eine Art Übersetzungsfehler handeln könnte. Der sachliche und textliche Befund besagt, dass es auch die „junge Frau“ sein könnte, jedoch unterstreicht Maria im Gespräch mit dem Engel selbst ihre Jungfräulichkeit.
Bedingungsloser Glaube
Hierzu meint Kröger: „Wer versucht, mit sprachlichen Brechstangen rauszukommen, geht auch am Kern vorbei. Für mich ist das eine Black Box. Ich war nicht dabei, traue es Gott aber zu, sage sogar: wahrscheinlich war es so. Aber für mich ist das nicht der Kern der Botschaft. Es besteht die Gefahr, sich an den Rändern aufzuhalten, ohne in die Mitte zu schauen.“
Mit Marias Jungfräulichkeit gehen einige interessante Aspekte einher. So beispielsweise ihr naiver und geradezu kindlicher Glaube, den sie den Worten des Engels entgegenbringt und sich in Gottes Führung begibt. Heutigen Erkenntnissen zufolge war Maria wirklich noch sehr jung, vielleicht 14 oder 16 Jahre alt. „Sie war schwanger? Puh, das war Sprengkraft“, merkt der Pfarrer an.
Soziale Spannung
Neben dem bedingungslosen Gottesglauben ist nämlich die soziale Spannung, die Marias Umstände mit sich bringen, ein weiterer wichtiger Aspekt. „Es bringt den Verlobten in eine unheimlich prekäre Situation“, erklärt Kröger. „Man hätte sie rausschmeißen können. Niemand nahm damals eine Frau zur Frau, die schon eines anderen Frau war. Aber Josef hat im Glauben an der Maria festgehalten und Jesus sogar adoptiert.“
Wie zentral dieser Punkt in der Gesellschaft war, zeigt sich auch darin, dass zu allen Kasualgesprächen, etwa Beerdigung und Taufe, der Pfarrer die Familie besucht – außer bei der Heirat. Da es in vergangenen Zeiten an diesem Punkt noch gar keinen eigenen Haushalt gab, suchten die Verlobten den Pfarrer in der Kirche auf und nicht andersherum.
Trend der „Traufe“
„Im Mainstream-Christentum spielt das Thema Jungfräulichkeit keine Rolle mehr“, so die Erfahrung des Geistlichen. Während eine Familie früher geächtet wurde, wenn Ehebruch stattfand, gibt es heute sogar das Phänomen, das umgangssprachlich „Traufe“ genannt wird. Dabei wird nämlich die Trauung und die Taufe eines bereits geborenen Kindes in einer gemeinsamen Zeremonie abgehalten.
Doch wie steht der Pfarrer dazu, dass die Jungfräulichkeit im Kurs fällt? „Es stellt heute keinen gesellschaftlichen Makel mehr dar, wenn ein Paar vor der Ehe zusammenlebt. Einerseits ist es schade, wenn ein Teil der Tradition verloren geht. Die Jungfräulichkeit steht auch dafür: Ich möchte mir etwas Wertvolles für meine Frau und meinen Mann aufbewahren – nicht nur seitens der Frau, sondern auch von männlicher Seite“, betont Kröger. „Andererseits war es ein Stück weit auch Heuchelei. Der Empörungsgrad bei Ehebruch war sehr, sehr hoch. Du sollst nicht lügen – wie gesellschaftsfähig ist das? Das waren Maßstäbe, die sowieso keiner erfüllt hat. Wenn ein Mensch das für sich als hohen Wert festgelegt hat, den würde ich beglückwünschen und unterstützen, aber das ist nichts, was man als Maßstab für jeden erheben kann.“