Eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art nimmt jedes Jahr in Glatten ihren Anfang – und endet mit dem Verteilen vieler Geschenkkartons in Bosnien, Moldawien, Rumänien, Serbien oder der Ukraine. Sie heißt „Weihnachten im Schuhkarton“.
15 Frauen fanden sich vor 25 Jahren in Glatten zusammen, um die Hilfsaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ zu unterstützen. Inzwischen organisiert die Gruppe die Sammelaktion für die gesamte Region.
Seit sechs Jahren stellt Christa Zierden-Kollmer, Inhaberin des „Blumenlädle“, den Frauen zwei große Nebenräume kostenlos zur Verfügung. Ein Besuch dort zeigt, dass diese besondere Weihnachtsgeschichte nicht im Advent, sondern bereits im April beginnt.
Dann starten die ersten Vorbereitungen: Flyer werden geordert, sortiert und gestempelt, Kartons, Aufkleber und Verpackungsmaterial beschafft, die Lagerflächen vorbereitet. Im September werden die Werbeflyer in jeden Haushalt verteilt, im Oktober die ersten Spenden abgeholt und angenommen.
Zehn Annahmestellen
Wichtig ist zudem die frühzeitige und enge Kommunikation mit den zehn Annahmestellen im Kreis, den Sponsoren und vor allem den vielen Helfern, die das ganze Jahr Materialien kaufen, basteln oder stricken, um die Schuhkartons üppig bestücken zu können.
Susanne Keck vom Organisationsteam berichtet über eine Unterstützerin aus Dornstetten: „Die alte Frau hat bestimmt schon mehrere tausend Schuhschachteln mit Geschenkpapier überzogen, sie macht das das ganze Jahr über.“
Was die Arbeiten im Jahresablauf anbelangt, zeigt Zierden-Kollmer lachend auf die vielen handgestrickten Schals und Mützen und ergänzt: „Eine Frau aus Glatten strickt das ganze Jahr über für unsere Aktion, immer dann, wenn ihr Mann Fußball schaut.“
Auch Kindergruppen beteiligten sich schon, indem sie von Haus zu Haus zogen, um ihre bemalten Steine gegen Spenden für „Weihnachten im Schuhkarton“ umzutauschen.
Dass die Spendenakquise auch dieses Jahr erfolgreich war, beweist ein Blick auf die vollen Regale: Da stehen Kisten mit Zahnpasta, Zahnbürsten, selbst gestrickten Socken und Schals, Stiften, Heften, Spielzeug und Kuscheltieren. Alles ist bereit, in Kartons verpackt zu werden.
Strenge Vorgaben
In einem anderen Raum stapeln sich bereits fertig gepackt abgegebene Schuhschachteln. Viele davon wurden von Unterstützern zuhause liebevoll befüllt, andere kaufen sich bei einer der zehn Sammelstellen eine bereits fertig gepackte Schuhschachtel. „Anfang Dezember ist hier alles leer“, sagt Heidi Weigold, die die Hilfsaktion koordiniert, beim Besuch unserer Redaktion.
Alle abgegebenen Schuhkartons – allein 225 davon spendete die Neuapostolische Kirche – werden genau durchgesehen. Denn die Vorgaben sind streng: Kriegsspielzeug, Flüssigkeit, gebrauchte oder verschmutzte Artikel und einige Süßigkeiten müssen aussortiert werden. Was dagegen im Päckchen enthalten sein sollte, steht auf einem Plakat im Arbeitsraum: eine Mischung aus Schulartikeln, Kleidung, Hygieneartikeln, Spielzeug und vor allem: ein Kuscheltier.
Wenn eine Schuhschachtel diesen Vorgaben nicht entspricht, wird diese, wie Michaela Nübel erklärt, aufgefüllt: „Wenn etwas nicht passt, tauschen wir es aus, und wenn etwas fehlt, legen wir es dazu.“ „Was wir auf jeden Fall beim Packen dazu legen, sind gute Gedanken und unsere Gebete“, ergänzt Keck.
Der Besuch in der Schuhkartonwerkstatt geht ans Herz. Einerseits der vielen liebevoll gepackten Päckchen wegen: Da enthält ein mit „Mädchen, fünf bis acht Jahre“ markierter Karton ein Kuscheltier, Zahnbürste und Zahnpasta, Buntstifte und Malbuch, Ringelsocken, eine rosafarbene Mütze und Turnschuhe. Einigen Kartons wurde auch ein Brief beigelegt.
Berührende Geschichten
Berührend sind auch die Geschichten, von denen die Gruppe erzählt. Etwa von dem jungen Mann, der eine Ausbildung als Altenpfleger im Oberlinhaus absolviert und nur schnell einen Blumenstrauß kaufen wollte. Dabei habe er die Schuhkartons entdeckt – und wiedererkannt. Mit Tränen in den Augen berichtete er, dass er als Kind nie ein Geschenk bekommen habe, bis eines Tages ein Lastwagen in sein Dorf kam und er einen Schuhkarton erhielt – unter anderem seien Turnschuhe drinnen gewesen. Zierden-Kollmer erinnert sich, dass er spontan ein fertig gepacktes Päckchen kaufte, um einem anderen Kind in Osteuropa dieses Erlebnis zu ermöglichen.
„Wir erhalten hin und wieder solche Rückmeldungen“, sagt Sabine Buhl. „Bei manchen Kindern hat der Schuhkarton ihr Leben verändert.“
1239 liebevoll gepackte Schuhkartons und 4750 Euro an Barspenden
Die Aktion
„Weihnachten im Schuhkarton“ ist die bekannteste und größte Geschenkaktion im deutschsprachigen Raum. Der Träger „Samaritan’s Purse“ ist ein zertifiziertes und mit Spendensiegel ausgezeichnetes Hilfswerk, Bescheinigungen für Bar- oder Sachspenden können ausgestellt werden. Dank der vielen Spenden werden jedes Jahr weltweit bedürftige Kinder zu Weihnachten beschenkt – und erfahren so zugleich, dass sie wertgeschätzt und geliebt sind.
Kooperationen
Im Rahmen der Geschenkaktionen arbeitet „Weihnachten im Schuhkarton“ eng mit den Kirchengemeinden unterschiedlicher Konfessionen vor Ort zusammen. Wer als offizieller Sammelpunkt an der Geschenkaktion teilnehmen will, muss zunächst eine Schulung absolvieren. Auch die ausländischen Kirchengemeinden, die Verteilpartner der Geschenkaktion sind, müssen vorab ein Training absolvieren und ein Berichtswesen einhalten.
Sammelergebnis 2024
Inzwischen wurden 1239 liebevoll gepackte Schuhkartons, verpackt in 124 großen Versandkartons, von Glatten aus auf die Reise nach Osteuropa geschickt. Dort werden sie in diesen Tagen über die örtlichen Kirchengemeinden verteilt. Hinzu kamen 4750 Euro an Barspenden, die unter anderem für Transport, Logistik und das Material verwendet werden, das den Kindern nach der Übergabe der Geschenke angeboten wird.