Sieglinde Bitzer war mehr als zwei Jahrzehnte lang eine Annahmestelle für Weihnachtspakete in Albstadt. Über die Jahre hat sie viel rührende Geschichten mitbekommen.
Im Eingangsbereich stapeln sich bereits erste Kartons, alle weihnachtlich verpackt. Da klingelt es auch schon an der Türe und ein weiterer Karton wird abgegeben. Auf dem Deckel klebt ein Zettel: „Boy“ (Junge) steht darauf geschrieben, außerdem drei Felder mit verschiedenen Altersspannen.
Im Feld „5 bis 9 Jahre“ hat jemand ein Kreuz gemalt. Sieglinde Bitzer stellt den Karton routiniert zu den anderen. Die 79-Jährige kennt das schon. 27 Jahre lang war sie eine Annahmestelle für „Weihnachten im Schuhkarton“. Die Idee ist simpel: Ein Schuhkarton wird mit Geschenken gepackt und an Kinder in verschiedenen Ländern der Welt verteilt, die in Armut leben.
Die Weihnachtsaktion wird seit 1993 von der christlichen Organisation „Samaritan’s Purse“ (Geldbörse der Samariter) durchgeführt. Sie lebt vom Engagement ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer wie Sieglinde Bitzer. „Zum ersten Mal habe ich in einer Zeitschrift davon gelesen“, erinnert sie sich zurück.
Sieglinde Bitzer war sofort begeistert
Damals war die Aktion in Deutschland noch ganz neu und deswegen noch nicht so bekannt. Sieglinde Bitzer war sofort angetan von der Idee, Kindern in der Weihnachtszeit eine Freude zu machen. Sie rief kurzerhand bei der angegebenen Telefonnummer an und landete bei der Zentrale in Berlin. „So habe ich erfahren, dass zwei Wochen später eine Referentin der Organisation in Meßstetten einen Vortrag über ‚Weihnachten im Schuhkarton‘ hält.“ Bitzer ging hin und hörte sich an, was dahinter steckt. Zu dieser Zeit gab es bereits die erste Annahmestelle in Meßstetten, später dann in Jungingen.
„Das war nicht so praktisch, weil man aus Albstadt extra hinfahren musste“, sagt Bitzer. Sie war ohnehin schon im Thema drin, packte selbst jedes Jahr Schuhkartons und entschied sich schließlich dazu, eine Annahmestelle in Tailfingen aufzumachen. Das war 1997. Trotz aller Anstrengungen habe es ihr immer viel Freude bereitet, betont Bitzer. Und sie hat einiges erlebt: „In einem Jahr kam die Meldung für die Abgabewoche auf der ersten Seite der Zeitung und dann wurden 600 Pakete bei mir angegeben“, erinnert sich Bitzer und lacht. Ihr ganzer Eingangsbereich sei voll gestanden mit Weihnachtspaketen. „Das sah dann richtig leer aus, als alle Kartons abgeholt waren.“
Klare Vorgaben
Wer einen Schuhkarton packen möchte, muss sich an ein paar Vorgaben halten. Die Artikel dürfen nicht gebraucht sein. Es werden fünf Kategorien vorgegeben: Neben alltäglichen Dingen wie Zahnpasta, Zahnbürste und Waschlappen (Hygieneartikel), sollten auch Schulartikel wie Buntstifte, eine Federmappe und Malbücher (Schulartikel) eingepackt werden. Außerdem empfiehlt die Organisation Kleidungsstücke, wie Handschuhe, Schal, Socken und Spielsachen, zum Beispiel ein Puzzle oder Springseil. „Aber die oberste Priorität hat das Kuscheltier“, sagt Bitzer. Jedes Kind soll etwas geschenkt bekommen, das individuell ist und nur ihm allein gehört.
„Die Kinder sind daran gewöhnt, ihre Spielsachen teilen zu müssen. Manchmal hatten es schon vier, fünf Geschwister vorher, das sieht man dem Kuscheltier irgendwann an“, sagt Ulrich Reimann. Er ist seit sieben Jahren Sammelstellenleiter in Albstadt. Die Aktion kennt er schon deutlich länger. „Bevor die Pakete weggeschickt werden, schauen wir in jedes einmal rein, ob alles passt. Wir schicken kein Paket los, ehe es nicht den Albstädter Wertestempel hat“, sagt Reimann und lacht. Klingt wie ein Scherz, ist aber ernst gemeint. „Ohne Kontrolle geht es nicht“, bestätigt auch Sieglinde Bitzer.
Nicht jede Person, die ein Paket packt, habe automatisch das richtige Gespür dafür, was rein kann. „Wir hatten mal einen Fall, da hat eine Person rund 40 Pakete gepackt, die wir alle nicht wegschicken konnten“, erinnert sich Reimann. Sie kamen aus einem Messie-Haushalt, und der Inhalt entsprach nicht dem vorgegebenen Standard. „Manchmal ergänzen wir Artikel, damit die Pakete bis oben hin voll sind. Oder wir tauschen Artikel aus, die nicht den Vorgaben entsprechen“, erklärt Reimann. Die zusätzlichen Artikel erhalten sie entweder als Sachspenden von Firmen oder kaufen sie selbst zu.
Jeder Karton wird geprüft
Reimann hilft schon seit vielen Jahren mit, die Pakete zu kontrollieren und für den Transport fertig zu machen. Hinter der Weihnachtsaktion steckt eine logistische Meisterleistung. „Jede Stadt hat ihre Annahmestellen“, erklärt Reimann. Jedes Jahr wird eine Woche festgelegt, in der die Pakete bei den Stellen abgegeben werden können – dieses Jahr ist es die Woche vom 10. bis zum 17. November. „Anschließend sammeln wir alle Pakete ein und bringen sie an einen Ort, meistens in ein Gemeindehaus oder eine Kirche“, erklärt Reimann weiter. Nun wird emsig gearbeitet, denn alle Kartons müssen einmal geöffnet, überprüft, gegebenenfalls umgepackt, in Geschenkpapier eingeschlagen und schließlich transportsicher verschlossen werden.
Den ganzen Tag beschäftigt
„Wir arbeiten den ganzen Tag, das kann von 9 Uhr morgens bis 18 Uhr abends dauern“, sagt Reimann. Die fertigen Kartons werden in große Versandkartons gepackt, aufgeteilt nach Altersgruppe und Geschlecht. Das muss auf jedem Paket klar gekennzeichnet werden. Im Schnitt passen zehn Schuhkartons in einen Versandkarton. Die gepackten Kartons werden zu einem vereinbarten Zeitpunkt von einer Spedition abgeholt und zu Sammelstellen gebracht. Mit Lkws geht die Reise schließlich los, bis in die entferntesten Dörfer, um Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.
Mit Herzblut bei der Sache
Ulrich Reimann ist mit Herzblut bei der Sache. Das sei auch wichtig, wenn man sich ehrenamtlich für die Aktion engagiere, um andere Menschen mit der Begeisterung anzustecken. Zu Spitzenzeiten kamen in Albstadt rund 1500 Pakete zusammen, das war 2014. In den vergangenen Jahren ist die Zahl zurückgegangen. 2024 waren es noch 666 Weihnachtspakete. Es werde immer schwerer, Werbung zu machen, bedauert Reimann. „Früher durften wir unsere Flyer an verschiedenen Stellen auslegen. Mittlerweile ist das kaum noch irgendwo erlaubt.“
Wunder an Weihnachten
Sieglinde Bitzer ist in diesem Jahr keine Annahmestelle mehr. Die Anstrengungen sind zu viel geworden. Diese Information hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen, noch immer werden Pakete bei ihr abgegeben. Für die Rentnerin ist das ok. Es sei ihr schwergefallen, nicht mehr mitzumachen. So ganz kann sie es auch nicht lassen. Sie möchte auf jeden Fall helfen, wenn die Pakete kontrolliert und für die Reise fertig gemacht werden.
Die Albstädterin erinnert sich gerne an die Geschichten, die sie über die Jahre mitbekommen hat. „Einmal hatte ein kleiner Junge noch keinen Schuhkarton erhalten, es war aber nur noch ein Paket für ein Mädchen übrig“, erzählt sie eine Anekdote. Dem Jungen machte das nichts aus, voller Begeisterung packte er den Schuhkarton aus. Darin waren unter anderem rosa Schuhe enthalten. Freudestrahlend schaute er die Schuhe an und verkündete, dass er sie seiner Schwester schenken wolle. Die hatte nicht zu der Geschenkübergabe kommen können, weil sie keine Schuhe besaß. Der Junge lief nach Hause und kam mit seiner Schwester zurück: Die Schuhe passten perfekt.
Gemeinsam etwas bewegen
Sitz der Organisation „Samaritan’s Purse“ ist in Berlin. Die Verkündung des christlichen Glaubens steht klar im Zentrum bei „Weihnachten im Schuhkarton.“ Das diesjährige Motto: „Am Ende geht’s um Jesus“. Die Planungen beginnen teilweise schon im Februar. Mitarbeiter der Organisation fragen Kirchengemeinden und Hilfsorganisationen in den Empfängerländern an, ob die Schuhkartons dorthin geliefert werden dürfen. Nicht überall lässt die politische Lage das zu. Die Kartons aus Deutschland werden unter anderem nach Rumänien, Moldawien, Weißrussland und in die Ukraine geliefert.
Über die Jahre haben sich die Strukturen laufend weiter entwickelt. Wer keine Zeit hat, selbst einen Karton zu packen, kann das mittlerweile online erledigen. Unter https://www.online-packen.org/ können verschiedene Produkte für einen Karton zusammengestellt und sogar eine persönliche Botschaft für das beschenkte Kind hinzugefügt werden. „In den Wochen vor Weihnachten mietet die Organisation große Lagerhallen, in denen die Kartons gepackt werden“, berichtet Ulrich Reimann – „Wie große Weihnachtswerkstätten.“
In Albstadt treffen sich die Helferinnen und Helfer am Dienstag, 18. November, von 13.30 Uhr an im evangelischen Gemeindehaus in Lautlingen, um die Schuhkartons für die Reise bereitzumachen. Interessierte sind herzlich eingeladen, vorbeizuschauen, mitzupacken und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Selbstgepackte Kartons können noch bis zum 17. November abgegeben werden, zum Beispiel in der Stadtbücherei in Ebingen. Weitere Informationen gibt es unter https://www.die-samariter.org/projekte/weihnachten-im-schuhkarton/.