Der Hebelhof an der Passstraße ist einst ein Hotel gewesen. Foto: Heiko Potthoff

Ganze Generationen von Schülern haben an der Jugendherberge am Feldberg Ski fahren gelernt. Jetzt herrscht beim Personal und bei den letzten Gästen Wehmut.

Um sechs Uhr in der Früh wird auf dem Gang schon herumgegeistert, klopft es an Türen, knarrt der Fußboden. Die Achtklässler der Schubart-Realschule in Geislingen/Steige sind tatsächlich Frühaufsteher. Überhaupt ist in der Jugendherberge am Feldberg gerade eine Menge los. Außer den drei Achten sind noch zwei Grundschulklassen aus Kirchzarten und Lörrach abgestiegen. Gerade checken Fünftklässler aus Titisee-Neustadt ein. Am Wochenende haben sich eine Tanzgruppe, ein Kirchengemeinderat, ein Musikverein und eine Jugendfeuerwehr angekündigt. Dazu kommen Wanderer und Familien. In Norddeutschland sind ja schon Herbstferien.

 

Julia Behrendt (45), seit viereinhalb Jahren Herbergsmutter in Deutschlands höchst gelegener Jugendherberge, wird wehmütig, wenn sie die vielen Kinder durchs Haus lärmen sieht, Geld für den Getränkeautomat wechselt und Tischtennisschläger ausleiht. Bald wird es still werden in dem 1907 als Hotel erbauten Gebäude an der 1200 Meter hohen Passhöhe. Zum Monatsende wird es dicht gemacht, nach sieben Jahrzehnten als Jugendherberge. Das liegt auch an sinkenden Gästezahlen. Bis zu 75 000 Übernachtungen pro Jahr waren es auf dem Höhepunkt in den 1970er Jahren. Zuletzt, 2024, lag man noch bei 26 800. Die Belegungsquote sank auf ein knappes Drittel – weit unter dem Landesschnitt von 42,5 Prozent.

Herbergsmutter Julia Behrendt heißt den Titisee-Neustädter Lehrer Konstantin Scharfenberg willkommen. Foto: Eberhard Wein

Hauptsaison kommt, Jugendherberge am Feldberg schließt

Auf der anderen Seite der Passstraße erhebt sich die Grafenmatt. Zum Lift auf den Seebuck ist es nicht weit. Generationen von Schülern sind hierher gekommen, um Skifahren zu lernen. Dass die Jugendherberge nun kurz vor Beginn der Wintersportsaison schließt, ist aber kein Zufall. Gerade in der Hauptsaison im Hochschwarzwald bleiben die Gäste weg. Immer noch sei die technische Beschneiung im höchst gelegenen Skigebiet des Landes lückenhaft, räumt der Feldberger Bürgermeister Johannes Albrecht ein. „Viele Schulklassen buchen den Feldberg nicht mehr, weil es kein verlässliches Schneeangebot gibt.“

Das Jugendherbergen-Sterben geht weiter. Foto: StZN/Oliver Biwer

Eigentlich habe man den Anspruch, jede Jugendherberge alle 25 Jahre zu modernisieren, sagt die Sprecherin des Landesverbandes, Pia Bah. Am Feldberg wurde die Frist verpasst, nicht zum ersten Mal. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Allein die Dämmung und der überfällige Austausch von Heizung und Fenstern hätten einen zweistelligen Millionenbetrag verschlungen, sagt Bürgermeister Albrecht. Die zunächst angedachte Sanierung ist längst vom Tisch. Jetzt sucht man einen Käufer.

Jugendherberge am Feldberg: Ein Deja-vu mit den 1980er Jahren

Die letzten Besucher sind dennoch begeistert. „Das ist eine klassische Jugendherberge mit Tischtennisplatte vor der Tür, Getränkeautomat im Keller und ohne Wlan im Zimmer“, sagt der Geislinger Lehrer Dominik Neuwirth. Es sei ein Déjà-vu mit den 1980er Jahren. „Das ist genau das Schullandheim, das wir wollten.“

Vom Einbuch durch Corona haben sich die Jugendherbergen noch immer nicht ganz erholt. Foto: StZN/Oliver Biwer

Sogar eine kleine Sporthalle gibt es. Das einstige Hallenbad im Haus ist zwar außer Betrieb, wird aber als Disco genutzt.

Neuwirth hat es schon gebucht – auch wenn das eine weitere lange Nacht bedeutet. „Das sind hier fünf 24-Stunden-Schichten.“ Auch ältere Semester bedauern das Ende. Günter Bielfeldt aus Berlin ist zusammen mit seiner Frau fünf Tage auf dem Westweg gewandert. Mit kleinem Gepäck ging es von Pension zu Pension und zuletzt in die Jugendherberge. „Das ist hier eigentlich wie im Hotel“, sagt er. Es gebe Frühstücksbuffet und eine Nasszelle im Zimmer. Das obligatorische Doppelstockbett stört den 80-Jährigen nicht. „Wenn man so weit wandert, schafft man es auch da hoch.“

„Wir werden das spüren“, sagt der Bürgermeister

Alle 18 Mitarbeiter hätten inzwischen eine neue Arbeit gefunden, sagt die Herbergsmutter. Insofern habe sich auch bei ihr die Anspannung gelöst. Die Gemeinde werde die Schließung allerdings spüren, befürchtet Bürgermeister Albrecht - schon bei der Kurtaxe. Immerhin fünf Prozent des Aufkommens steuerten die Jugendherbergsgäste bei. Auch Skischulen, erlebnispädagogische Angebote und das Haus der Natur oben am Feldberger Hof müssten sich auf Umsatzrückgänge gefasst machen. Für viele Kinder und Jugendliche sei die Jugendherberge der erste Kontakt mit dem Feldberg gewesen. Später kämen sie dann mit ihren Familien her, sagt Albrecht. „Dieser first touch mit dem Berg wird fehlen.“

Viele freie Betten

Gemeinnützig
Das Jugendherbergswerk gilt als gemeinnützig und muss deshalb keine Köperschafts- und Gewerbesteuer zahlen. Sanierungsprojekte wurden vom Land in der Vergangenheit immer wieder unterstützt. Dennoch hat sich die Zahl der Jugendherbergen seit der Jahrtausendwende fast halbiert.

Belegungsquote
Von den 42 Jugendherbergen im Land kommen nur wenige auf eine Belegungsquote von mehr als 50 Prozent. Die höchste verzeichnete Ortenberg bei Offenburg mit 67,2 Prozent, gefolgt von Stuttgart international mit 63,1 Prozent und Konstanz mit 54,6 Prozent. Am schwächsten war die Belegung in Walldürn mit 20,3 Prozent.