Große Teile des dritten Verhandlungstages fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Foto: Felix Biermayer

Ein 58-jähriger aus dem Kreis Calw ist am Tübinger Landgericht wegen des sexuellen Missbrauchs dreier Jungen angeklagt. Die Opfer hatte er teilweise im Umfeld der Zeugen Jehovas kennengelernt. Im Prozess kommt nun der Verdacht auf, dass der Mann dramatische Aspekte seiner Biografie erfunden hat.

Ein 58-jähriger Mann aus dem Kreis Calw soll drei Jungen im Alter von zwölf bis 14 Jahren sexuell missbraucht und die Taten teilweise gefilmt haben. Er soll den Opfern im Schlaf in die Unterhose gegriffen und im Intimbereich manipuliert haben.

 

Die Vorfälle ereigneten sich laut Staatsanwaltschaft zwischen 2020 und 2024. Die jüngsten Taten liegen knapp ein halbes Jahr zurück. Ein mutmaßliches Opfer hat er demnach in seiner Tätigkeit als Schulbegleiter kennengelernt, die anderen bei den Zeugen Jehovas. Dieser Glaubensgemeinschaft gehört der Täter an. Er hat sich dort um Kinder und Jugendliche gekümmert. Einer dieser Jungen hat im Prozess vor dem Tübinger Landgericht bereits ausgesagt.

Am jüngsten Verhandlungstag kamen nun die beiden anderen mutmaßlichen Opfer zu Wort: ein zur Tatzeit zwölfjähriger Junge aus der Glaubensgemeinschaft und ein damals 13-jähriger Junge, den der Angeklagte an einer Pforzheimer Schule kennenlernte.

Beide sagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, da die Befragung ihre Intimsphäre berührt. Trotzdem brachte der Verhandlungstag neue Erkenntnisse. Denn die Eltern erklärten, warum sie dem Angeklagten ihre Kinder anvertrauten.

„Wir haben nichts gemerkt“ Die Mutter des Schülers berichtete, dass der Angeklagte Kontakt zu vielen Jugendlichen und Kindern gehabt habe. Diese hätten den Mann immer wieder besucht. Ihr Sohn hätte dies auch gewollt, so die Mutter. Sie wollte den Angeklagten deshalb kennenlernen. Der habe viel erzählt: dass er Handwerker war, sein Sohn Suizid begangen und seine Frau ihn verlassen habe. Ihr Eindruck von dem Mann sei „ganz normal“ gewesen. Sie habe ihrem Sohn dann erlaubt, mit ihm Zeit zu verbringen.

Die Familie stammt aus Serbien. Dort sei es nicht normal, dass ältere Männer mit fremden Kindern allein Zeit verbringen. Der Angeklagte habe ihr aber versichert, dass das in Deutschland normal wäre. Über die Zeit sei eine Freundschaft zwischen der Familie und dem Angeklagten entstanden. „Wir haben nichts bemerkt“, sagte sie. Übernachtungen seien aber tabu gewesen – bis in die Sommerferien im vergangenen Jahr. Da hatte der Mann die Kinder der Familie in den Urlaub nach Serbien begleitet.

Die Kinder verbrächten dort immer den Sommer bei Verwandten. Sie und ihr Mann hätten nicht so viel Urlaub. Weil dort auch andere Personen dabei waren, der Mann und die Kinder in unterschiedlichen Wohnungen geschlafen hätten, habe sie sich keine Gedanken gemacht. Außerdem habe sie jeden Tag mit ihren Kindern – und auch mit dem Angeklagten – telefoniert. Trotzdem kam es dort zu den Taten, die der Mann bereits gestanden hat. In sieben Nächten hat er den Jungen dort im Schlaf attackiert.

Schilderungen gleichen sich Die Familie des anderen Jungen schilderte ähnliches: Kontakt zum Angeklagten über die Kinder, der Sohn verbringt Zeit mit dem Angeklagten, besucht ihn, es entsteht eine Freundschaft zur Familie und übernachtet schließlich.

„Ich hatte keine Bedenken“, sagte die Mutter. Der Angeklagte hatte den Jungen laut Anklage in dessen Kinderzimmer in die Hose gegriffen. „Man macht sich Vorwürfe“, so die Mutter zur jetzigen Situation. Sie habe immer an das Gute im Menschen geglaubt. Zudem zeigen alle drei Fälle eine Parallele: Der Mann hat den Kontakt zu eher introvertierten Jungen in einem bestimmtem Alter gesucht.

Dramatische Lebensgeschichte? Der Prozess nährt Zweifel an der Lebensgeschichte des Angeklagten. Richter Dirk Hornikel, Oberstaatsanwältin Rotraud Hölscher und der psychiatrische Gutachter Thomas Ethofer fragten bei den Zeugen immer wieder nach der Familie des Angeklagten.

Allen hatte er vom Suizid seines Sohnes erzählt sowie von einer eigenen Krebserkrankung. Zum Verbleib der Frau gab es unterschiedliche Angaben. Sie sei weggelaufen – oder gar tot. Auch sein beruflicher Werdegang ist unklar. Die Fragen lassen den Schluss zu, dass nicht alle im Gerichtssaal diese Geschichten glauben – sprich: es diese Familie überhaupt gab. Der Mann selbst äußerte sich dazu bisher nicht.

Die Auswirkungen der Geschichte sind aber klar: Der Mann erzeugte damit bei den Familien Mitleid. Verschiedene Zeugen erzählten, dass der Angeklagte den gesuchten Kontakt zu den Jungs damit erklärte, dass er seinen Sohn vermisse. Die Familien wollten ihm helfen, dachten, dass der Umgang mit den Kindern bei der Überwindung der Trauer helfen könnte. Daran, dass er einmal Interesse an erwachsenen Frauen oder Männern hatte, konnte sich niemand erinnern.