Frauen haben heute einen anderen Umgang mit der Menopause. Viele nehmen selbstverständlich Hormone als Ersatz ein oder stehen öffentlich zu den Symptomen, die die Wechseljahre mit sich bringen.
Nächtliche Schweißausbrüche, stundenlanges Wachliegen, Schwindelanfälle und das Bedürfnis, ihrem Mann einen Kochtopf an den Kopf zu werfen. „Wer ist diese übernächtigte Furie?“, hat sich die Berliner Journalistin und Autorin Miriam Stein irgendwann gedacht – und festgestellt: Das war ihr neues Leben. Nicht, weil sie zu viel Stress hatte, wie viele ihr in ihrem Umfeld unterstellten. Es waren schlicht die Wechseljahre.
Unterstützung bei Ärzten fand sie kaum. „Meine Ärztin meinte nur, da müsse ich durch“, erzählt Stein am Telefon. Die Wechseljahre sind ein Tabuthema. Frauen leiden leise vor sich hin. Doch das reichte Stein nicht. Sie informierte sich selbst und schrieb das Buch „Die gereizte Frau – was unsere Gesellschaft mit den Wechseljahren zu tun hat“. „Einfach zu sagen, alle Symptome kommen von Stress – das ist immer eine billige Diagnose“, sagt Stein.
Frauen machen im Internet auf sich aufmerksam
Für Arztpraxen sei der finanzielle Anreiz, eine fundierte Diagnose zu stellen, wohl eher gering. „Für die dringend notwendigen Beratungsgespräche zum Thema Wechseljahre gibt es kein Geld“, sagt sie. Tatsächlich bekommt ein Frauenarzt pro Quartal eine Pauschale von 16,59 Euro für eine Kassenpatientin. Damit seien alle Standardleistungen abgedeckt, so ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Es gebe aber auch Leistungen, die separat abgerechnet werden könnten.
Inzwischen wollen sich viele Frauen weder mit ihren Symptomen verstecken noch sich mit der schlechten Versorgung abfinden. Unter dem Hashtag #wirsindneunmillionen machten kürzlich Frauen in sozialen Netzwerken auf ihre Beschwerden aufmerksam.
Marsch zum Bundestag
Stein und die Gynäkologin Sheila de Liz organisierten ein Treffen mit Bundestagsabgeordneten in Berlin. Mit rund 150 Frauen marschierten sie in den Bundestag unter dem Motto „Die Wechseljahre sind politisch“. „Es ist ein volkswirtschaftliches Problem, wenn Frauen in dem Alter häufig krank sind“, sagt Stein. Laut einer Umfrage der britischen Frauenrechtsorganisation Fawcett Society kündigt jede zehnte Frau ihren Job wegen Wechseljahresbeschwerden.
Die Ökotrophologin Susanne Liedtke wiederum hat den Slogan „Don’t Menopause like your mother“ ins Leben gerufen und das Start-up „Nobody told me“ gegründet. „Meine Mutter hat über zwei Jahre gelitten in den Wechseljahren“, sagt Liedtke. Sie habe ihren ganz persönlichen „Tsunami“ erlebt. „Und diesen Tsunami möchte ich Frauen ersparen“, sagt Liedtke. Sie hat den Kurs „Body Reset“ konzipiert, der Frauen bei einem gesunden Lebensstil in der zweiten Lebenshälfte unterstützen soll.
Nicht jede Frau braucht Hormone
„Nicht jede Frau braucht Hormone in der Zeit“, ist ihre Auffassung. Auch eine gesunde Ernährung und viel Bewegung könnten helfen. Denn viele Frauen litten unter Gewichtszunahme am Bauch.
Auch Anke Sinnigen hat sich mit ihrem Start-up auf die Menopause konzentriert. „Wir wollen Frauen unterstützen, ihre Gesundheit in den Wechseljahren selbst in die Hand zu nehmen“, sagt die Geschäftsführerin des Unternehmens Wexxeljahre. Sie biete umfangreiche Informationen über Behandlungen und Symptome an, Unterstützung bei der Arztsuche, einen Menopause-Campus mit Ärztinnen und klärt in Unternehmen auf. „Viele Frauen haben unglaublich viele Fragen – und sie bekommen wenig Antworten“, so Sinnigen.
Etwa ein Drittel der Frauen hat laut aktuellen Statistiken so starke Beschwerden, dass sie im Alltag massiv eingeschränkt sind. Während manche das Klimakterium als emotional belastend empfinden, weil sie es als „Abschied von der Weiblichkeit“ interpretieren, leiden andere unter den körperlichen Folgen der Hormonumstellung. Eine Hormontherapie könnte Linderung bringen, doch die hat seit Jahren einen schlechten Ruf.
Dafür verantwortlich sei auch die US-amerikanische Women’s Health Initiative Study aus dem Jahr 2002, sagt die Stuttgarter Gynäkologin Katrin Gross (34), Frauenärztin am Marienhospital und Autorin des Buches „100 Fragen an deine Frauenärztin“. Die Studie bescheinigte der Hormontherapie gravierende Nebenwirkungen: Das Risiko für Thrombose, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Brustkrebs erhöhe sich, hieß es. Erst Jahre später haben die Autoren ihre Ergebnisse relativiert. Zudem wurden Frauen damals häufig noch künstliche Hormone verschrieben.
Vielen Frauen helfen Hormone während der Wechseljahre
„Keine Frau muss Angst haben“
Die umstrittene Studie hatte zu einem weltweit dramatischen Einbruch bei der Hormonersatztherapie geführt. „Die meisten Frauen sind heute hormonell unterversorgt“, sagt Gross. Dabei seien Hormone keineswegs per se gefährlich. „Es kommt auf die Darreichungsform, die Dosierung und die Dauer an“, sagt Gross. „Für viele Frauen ist die Hormontherapie ein großer Benefit.“
Die Ärztin betont auch: „Keine Frau muss Angst vor der Menopause haben.“ Aber es mangele an Wissen. Auch bei Ärzten. „Die Wechseljahre sind gar nicht Teil der Ausbildung“, sagt Gross. Oft fehle es vor allem an interdisziplinärer Vernetzung: „Viele Frauen haben Gelenkschmerzen und gehen erst einmal in orthopädische Behandlung.“ Ein Problem sieht sie auch darin, dass oft propagiert werde, dass die Wechseljahre „etwas Natürliches“ seien und man da einfach durchmüsse. „Viele haben da inzwischen so eine heroische Einstellung, die aber komplett falsch ist“, sagt Gross.
Dahinter steckt vermutlich der alte Gedanke, dass Frauen als hysterisch gelten, wenn sie sich allzu sehr über Beschwerden beklagen. Aber genau das wollen viele nicht mehr hinnehmen. Miriam Stein begann eine Hormontherapie, und ihre vermeintlichen Stresssymptome ließen schnell nach.
Wissenschaftliche Hintergründe zu den Wechseljahren
Studie I
Laut einer aktuellen Erhebung der Techniker Krankenkasse nehmen weniger Frauen Hormonpräparate – etwa 6,2 Prozent zwischen 45 und 65 Jahren. Dies sei ein neuer Tiefstand. Vor 20 Jahren hätte jede dritte Frau in dieser Altersgruppe ein Hormonersatzpräparat genommen – obwohl die damaligen Präparate mehr Nebenwirkungen hatten.
Studie II
Die Wahrnehmung der Wechseljahre sind teils kulturell verschieden. Zu dem Ergebnis kam 2007 eine Studie der Berliner Charité. 418 deutsche Frauen sowie 264 Migrantinnen türkischer und 260 Frauen asiatischer Herkunft nahmen daran teil. Deutsche Frauen werteten die Menopause positiver – als Lebensabschnitt mit neuen Möglichkeiten. Bei Beschwerden erwiesen sich die Asiatinnen am „tapfersten“. Die türkischen Frauen waren am wenigsten informiert.