Brainfog, Wut, Reizbarkeit Wie das Gehirn sich in den Wechseljahren verändert

Nina Ayerle , aktualisiert am 23.04.2025 - 10:48 Uhr
Kognitive Probleme hängen oft direkt mit der Menopause zusammen. Foto: KI/Midjourney//Montage: Ruckaberle

Viele Frauen leiden in der Perimenopause an plötzlicher Vergesslichkeit. Oft ist die Befürchtung, dies könne eine beginnende Demenz sein. Die Neurowissenschaftlerin Lisa Mosconi hat untersucht, welchen Einfluss Hormone auf das Gedächtnis haben.

Viele Frauen leiden in den Wechseljahren unter Gedächtnisproblemen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Lisa Mosconi erforscht die Auswirkungen von Hormonschwankungen auf das Gehirn. Im Interview erklärt sie, warum sich das weibliche Gehirn in der Menopause verändert und wie Frauen ihre Gehirngesundheit in dieser Lebensphase unterstützen können.

 

Frau Mosconi, Sie erforschen die Menopause und ihre Auswirkungen auf das Gehirn. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Ich leite das Alzheimer-Präventionsprogramm und die Women’s Brain Initiative am Weill Cornell Medicine in New York City. Im Laufe der Jahre habe ich ein Muster bemerkt: Viele Frauen in ihren 40ern und 50ern kamen zu uns, weil sie befürchteten, an einer frühen Form von Demenz zu leiden. Sie berichteten von Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisaussetzern und einem allgemeinen Gefühl geistiger Umnebelung. Einige hatten sogar Angst, sie hätten einen Gehirntumor oder eine neurologische Störung. Nach umfassenden neurologischen Tests, Gehirnscans und Hormonanalysen stellten wir oft fest, dass diese kognitiven Probleme direkt mit der Menopause zusammenhingen.

Die Professorin Lisa Mosconi ist promovierte Neurowissenschaftlerin und forscht in New York zu Gedächtniserkrankungen. Foto: PR/Lisa Mosconi

Was sind die häufigsten kognitiven Symptome, die Frauen in den Wechseljahren erleben?

Die bekanntesten Symptome der Menopause sind eigentlich Hitzewallungen und Nachtschweiß, aber viele Frauen wissen nicht, dass diese Symptome vom Gehirn gesteuert werden. Eines der am häufigsten berichteten Symptome ist das „Brain Fog“ – also Schwierigkeiten bei der Konzentration, Vergesslichkeit und geistige Erschöpfung. Frauen beschreiben es oft als das Gefühl, nicht mehr so klar denken zu können wie früher. Zudem treten häufig Stimmungsschwankungen wie erhöhte Ängstlichkeit, Depressionen, Reizbarkeit und sogar unerklärliche Wutausbrüche auf. Diese Veränderungen treten auf, weil Hormone wie Östrogen eine wichtige Rolle in der Gehirnfunktion spielen. Wenn der Östrogenspiegel schwankt und letztlich sinkt, durchläuft das Gehirn strukturelle und funktionelle Veränderungen, die sich vorübergehend auf Gedächtnis, Stimmung und Kognition auswirken können.

Warum gibt es so wenig Forschung zur Menopause und dem Gehirn?

Die Medizin hat die Frauengesundheit lange vernachlässigt, insbesondere in Bezug auf die Gehirngesundheit von Frauen. Historisch gesehen wurden medizinische Studien meist an Männern durchgeführt, und die Ergebnisse wurden einfach auf Frauen übertragen. Auch in der Hirnforschung gab es ein unglückliches Vorurteil: Männliche und weibliche Gehirne wurden oft verglichen, um stereotype Annahmen über die vermeintliche „Unterlegenheit“ des weiblichen Gehirns zu bestätigen, anstatt echte biologische Unterschiede zu untersuchen.


Häufig wird eine Hormonersatztherapie (HRT) zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden empfohlen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Die HRT kann für einige Frauen vorteilhaft sein, insbesondere für jene, die unter starken Symptomen wie Hitzewallungen oder Nachtschweiß leiden. Sie kann auch „off-label“ zur Unterstützung leichter depressiver Symptome und Schlafstörungen in der Menopause eingesetzt werden. Studien deuten darauf hin, dass HRT auch helfen kann, die Knochendichte zu erhalten und möglicherweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz zu senken. Die Datenlage ist jedoch uneinheitlich. Einige Studien deuten darauf hin, dass HRT neuroprotektiv wirken kann, wenn sie früh in der Menopause begonnen wird, aber wir haben noch keinen endgültigen Beweis, dass sie das Demenzrisiko senkt. Zudem ist HRT nicht für jede Frau geeignet, da individuelle Risikofaktoren eine Rolle spielen.

Gibt es Alternativen zur Hormonersatztherapie?

Ja, es gibt viele Alternativen. Eine ausgewogene Ernährung mit Antioxidantien, gesunden Fetten und magerem Eiweiß kann die Gehirnfunktion unterstützen. Regelmäßige körperliche Bewegung, insbesondere Ausdauer- und Krafttraining, verbessert nachweislich die kognitive Funktion und die Stimmungsregulation. Stressmanagement-Techniken wie Achtsamkeit, Meditation und Atemübungen können ebenfalls helfen. Zudem gibt es pflanzliche Präparate wie Traubensilberkerze, die untersucht wurden, um Hitzewallungen zu lindern.

Schlafstörungen scheinen ein häufiges Problem zu sein. Warum ist das so?

Östrogen und Progesteron helfen, den Schlaf zu regulieren. Wenn ihr Spiegel sinkt, leiden viele Frauen an Schlaflosigkeit oder wachen nachts häufig auf. Schlechter Schlaf kann kognitive Symptome wie Brain Fog und Stimmungsschwankungen verstärken und erhöht langfristig das Alzheimer-Risiko. Eine regelmäßige Schlafroutine, weniger Koffein und Entspannungstechniken können helfen.

Welche beruflichen Herausforderungen können diese Symptome mit sich bringen?

Viele Frauen fühlen sich während der Menopause am Arbeitsplatz isoliert oder nicht unterstützt. Brain Fog, Müdigkeit und Stimmungsschwankungen können die Arbeitsleistung beeinträchtigen, doch in vielen Unternehmen ist die Menopause immer noch ein Tabuthema. Frauen kämpfen oft im Stillen, aus Angst, als weniger kompetent wahrgenommen zu werden. Arbeitgeber müssen sich dieser Herausforderungen bewusster werden und flexible Arbeitsmodelle wie Homeoffice oder anpassbare Arbeitszeiten anbieten.

Was kann die Gesellschaft tun, um Frauen in den Wechseljahren besser zu unterstützen?

Zunächst einmal müssen wir die Menopause enttabuisieren. Frauen sollten sich nicht schämen oder isoliert fühlen, wenn sie diese Lebensphase durchlaufen. Mediziner müssen besser ausgebildet werden, um Frauen fundierte Ratschläge geben zu können. Außerdem brauchen wir mehr Forschung zur kognitiven Gesundheit von Frauen. Änderungen in der Arbeitswelt, ein besserer Zugang zu Behandlungen und eine stärkere Sensibilisierung können dazu beitragen, die Wahrnehmung der Menopause zu verändern – weg von einem Zustand, den man einfach „ertragen“ muss, hin zu etwas, das aktiv gemanagt werden kann.

Über Lisa Mosconi

Leben
Lisa Mosconi, PhD, ist Professorin für Neurowissenschaften und Direktorin des Alzheimer-Präventionsprogramms am Weill Cornell Medicine New York-Presbyterian Hospital. Mosconi promovierte in Neurowissenschaften und Nuklearmedizin an der Universität Florenz. Ihr Schwerpunkt ist, wie sich das Risiko für Gedächtnisverlust und Demenz durch eine Kombination aus medizinischer Betreuung und Lebensstiländerungen verringern lässt.

Bücher
Sie ist Autorin von „The Menopause Brain“ (2024), „The XX Brain“ (2020) und „Brain Food“ (2018). Ihr TED-Vortrag „How menopause affects the brain“ wurde seit seiner Veröffentlichung über 4 Millionen Mal angesehen. (nay)