Ihr Herz schlägt im Takt des Webstuhls: In ihrer Weberei in Zillhausen verbindet Anke van Bakel Tradition mit Moderne – und verwirklicht neue Ideen.
Wenn sich Anke van Bakel an den Webstuhl setzt, dann übt sie ein Handwerk aus, das zu den ältesten der Menschheit gehört. Auch in der Mythologie ist es eines der ältesten und mächtigsten Motive. Schicksalsgöttinnen wurden als Weberinnen dargestellt, die den Lebensfaden spinnen und weben. Und große Dichter haben die Metaphorik aufgenommen – man denke etwa an die „Odyssee“ von Homer und das legendäre Weben und Entwirren der Penelope, welches bis heute als Metapher für beständiges Schaffen gilt.
Blickt man auf die Webstühle, die im Wohnzimmer von Anke van Bakel stehen, liegt im Blick deshalb auch eine gewisse Ehrfurcht. Vor einem, so kann man mit Fug und Recht sagen, altehrwürdigen Handwerk. Als Handweberin für historisches Webhandwerk möchte sie dieses für die Zukunft bewahren und dafür Sorge tragen, dass der Faden nicht abreißt.
Sprichwörtlich aufgenommen hat sie diesen bereits in ihrer Kindheit, in der die Wurzeln ihrer Leidenschaft für textile Handarbeiten liegen. „Ich habe damals schon die Kleidung für meine Barbie-Puppen entworfen“, erzählt sie. Zum Weben selbst ist sie allerdings erst später gekommen – durch einen glücklichen Zufall. Eine Kollegin lud sie zum Kaffee ein und als sie in deren Wohnzimmer einen großen Webstuhl erblickte, sprach Anke van Bakel den Satz aus, der ihr Leben verändern sollte: „Kannst Du mir das Weben beibringen?“
Eine Frau - eine Mission
Mit ganz viel Herzblut widmet sie sich seither diesem historischen Handwerk. Im Jahre 2013 zog sie nach Deutschland und hatte „das Glück, von erfahrenen Webmeistern lernen zu können.“ Was sie am Zollernalbkreis fasziniert? „Hier“, sagt Anke van Bakel, „ruht Textil noch in der Seele.“ Auch wenn die Textilindustrie vielerorts Vergangenheit ist, seien ihre Spuren nach wie vor präsent. „Manche Leute haben sogar noch einen Webstuhl von früher auf dem Dachboden“, weiß sie.
Dafür zu sorgen, „dass das Handwerk bleibt“, sei deshalb „ihre heimliche Mission“, verrät Anke van Bakel mit einem Augenzwinkern.
Von 2021 bis April 2025 leitete sie die Web-Schule im Haus der Volkskunst in Dürrwangen. Sich irgendwann selbstständig zu machen, sei jedoch ihr großer Wunsch gewesen. „Ich habe es mir nur lange nicht zugetraut“, schiebt sie hinterher.
Doch nicht selten kommt alles anders als man denkt und als sich ihre familiäre Situation änderte und vieles neu geordnet werden musste, rückte dieser Wunsch wieder stärker ins Bewusstsein. „Warum dann nicht auch den Schritt in die Selbstständigkeit machen?“, habe sie sich gesagt. „Und als mich dann auch noch meine Mentorin darin bestärkte, habe ich es gewagt.“
Seither widmet sie sich mit viel Herzblut der Vermittlung des Webhandwerks – in Kursen, Workshops und als vorführende Handwerkerin in Museen.
Von der Idee zur eigenen Schmuckkollektion
In ihrer Weberei in Zillhausen haben die Kursteilnehmer die Möglichkeit, an ihrem eigenen Projekt zu arbeiten. „Und ich nehme sie dabei sozusagen an die Hand.“
Willkommen sind in den Kursen alle – vom blutigen Anfänger bis hin zu Menschen, die bereits Vorkenntnisse mitbringen, selbst aber vielleicht keinen eigenen Webstuhl besitzen.
Auch für Anke van Bakel hat die Selbstständigkeit die Chance eröffnet, neue Ideen umzusetzen. So bietet sie seit einiger Zeit etwa eine eigene Schmuckkollektion an. Die Rahmen aus recycelten Möbelstücken werden von einem Bekannten von ihr angefertigt, sie selbst steuert die handgewebten Stoffe bei. Für die Gestaltung nimmt sie sich viel Zeit, prüft ausgiebig, welches der filigranen Motive den jeweiligen Rahmen zieren soll. Vom Anhänger über Ohrschmuck bis hin zum Ring ist am Ende jedes Stück ein Unikat.
Zur Ruhe kommen
Wie Tradition und Moderne auf kreative Weise miteinander verbunden werden können, zeigt auch ihr neuestes Projekt, bei dem die handwerkliche Arbeit als Gegengewicht zum stressigen (Berufs-)Alltag dient. Denn nichts, sagt Anke van Bakel, sei so entspannend wie das Weben. „Sobald man sich an den Webstuhl setzt, schaltet man komplett ab. Er gibt den Takt vor und man kann langsam runterkommen“, erzählt sie.
Auch ihre Kursteilnehmer kämen oft sehr gestresst an und würden dann ganz relaxt ins Wochenende starten – eine Erfahrung, die sie dazu bewogen hat, einen Webkurs im Kloster anzubieten.
Entspannte Atmosphäre
Dieser wird im Herbst Premiere feiern. Vom 22. bis 27. November kann man sich dabei im Kloster Heiligkreuztal in Altheim eine sechstägige Auszeit vom Alltag genehmigen, „eine Woche weben, abschalten und etwas mit den eigenen Händen erschaffen.“
Eine kleine Gruppe, in der Platz für maximal sechs Teilnehmer ist, sorgt dabei für eine entspannte Atmosphäre – passend zum persönlichen Leitspruch von Anke van Bakel, der auf Carl Honoré zurückgeht und da lautet: In einer Welt, die süchtig nach Geschwindigkeit ist, ist Langsamkeit eine Superkraft. „Und Weben ist meine Superkraft“, sagt sie aus vollem Herzen.
Welche Träume hat sie für die Zukunft? „Vielleicht irgendwann mal ein Atelier mit Platz für eine Schneiderecke zu haben.“ Im Idealfall in einem Gebäude, dessen textile Vergangenheit dadurch wieder zum Leben erweckt werden kann.
Mehr über das historische Handwerk
... und zu den Angeboten von Anke van Bakel gibt es unter www.historische-weberei.de.
Neben ihren wöchentlichen Webkursen bietet sie in ihrer Werkstatt in Zillhausen auch mehrtägige Intensivkurse sowie vom 22. bis 27. November eine sechstägige Auszeit mit Webkurs im Kloster Heiligkreuztal in Altheim an.
Neu ist die „Faden-Post“; ein Newsletter, in dem man unter anderem einen Blick „hinter die Kulissen“ ihrer Werkstatt werfen kann.