Der regenreiche Frühwinter hat für einige Entspannung in den Reservoiren gesorgt. Doch angesichts des Klimawandels stellt sich schon die Frage: Wer darf eigentlich wie viel Grund- und Flusswasser entnehmen – und zu welchem Preis?
Thomas Gudera ist derzeit einigermaßen entspannt, was in den vergangenen Jahren eher selten vorkam. Aber der Grundwasser-Experte der Landesanstalt für Umwelt freut sich über die häufigen Regenschauer der zurückliegenden Monate, denn endlich liegen die Pegel wieder im – wenn auch noch unteren – Normalbereich. Das ist gut. Aber regional ist die Lage ganz verschieden; auf der Ostalb etwa, wo die Landeswasserversorgung (LW) das Trinkwasser für drei Millionen Menschen gewinnt, sei „noch so gut wie kein Effekt“ zu erkennen, sagt LW-Sprecher Bernhard Röhrle. Und auch Gudera betont: „Es sollte weiter regnen, denn die derzeitigen Mengen reichen als Vorrat für den Sommer nicht aus.“
In der Tat wird das Grund- und auch das Flusswasser im Südwesten tendenziell immer weniger. In den vergangenen 20 Jahren gab es lediglich vier Jahre, in denen die Niederschläge im oder über dem Durchschnitt des langjährigen Mittels rangierten. Verschärfend kommt hinzu, dass die sinkenden Mengen aufgrund des Klimawandels mit wachsenden Entnahmen kollidieren – in der Landwirtschaft etwa hat sich die Entnahmemenge, um Felder zu beregnen, zwischen 2010 und 2020 verdoppelt.
Nur ein Viertel der Menge wird als Trinkwasser genutzt
Deshalb ist es sehr wichtig zu wissen, wer eigentlich wie viel Wasser entnimmt. In Bayern hatten die Grünen vor kurzem versucht, ein zentrales Grundwasserregister einzuführen, damit alle größeren Nutzer öffentlich bekannt sind. Der Vorstoß scheiterte aber. In Baden-Württemberg gibt es dagegen laut Auskunft des Umweltministeriums eine Datenbank, in der alle privaten Firmen und Einrichtungen stehen, die jährlich mindestens 4000 Kubikmeter entnehmen. Zum Vergleich: ein Vierpersonenhaushalt verbraucht jährlich etwa 150 Kubikmeter.
Besonders erstaunlich ist, dass auf die öffentliche Trinkwasserversorgung – und damit auf uns Privatmenschen – nur rund ein Viertel der Menge entfällt. Insgesamt werden 2,4 Milliarden Kubikmeter pro Jahr genutzt, davon 663 Millionen Kubikmeter fürs Trinkwasser.
Kühlwasser macht den Löwenanteil aus
Aber man muss differenziert auf die Zahlen schauen. Beim Grundwasser macht die Entnahme für Trinkwasser drei Viertel aus, nämlich 500 Millionen Kubikmeter. Das Grundwasser wird also vor allem durch die normale Trinkwasserversorgung belastet. Bei den privaten Nutzern steht die Miro Mineralölraffinerie in Karlsruhe mit 23,5 Millionen Kubikmeter an erster Stelle; das ist die größte Raffinerie Deutschlands. Sie entnimmt also rechnerisch so viel Grundwasser, wie alle Privathaushalte Stuttgarts verbrauchen.
Dahinter kommen die Badischen Stahlwerke und Roche Vitamine mit jeweils rund 9,4 Millionen Kubikmeter im Jahr. Die 25 Mineralwasserfabriken im Südwesten nutzen übrigens zusammen drei Millionen Kubikmeter, also gerade zwei Prozent des privaten und 0,5 Prozent des gesamten Grundwasserverbrauchs.
Beim Flusswasser sieht es umgekehrt aus. Öffentliche Versorger entnehmen für das Trinkwasser „nur“ 138 Millionen Kubikmeter, private Unternehmen dagegen 1,6 Milliarden Kubikmeter, also fast zwölf Mal so viel. Größter privater Nutzer ist die Energie Baden-Württemberg (EnBW) mit der Hälfte der genannten Menge. Man kann daran schon erkennen, wofür dieses Wasser vornehmlich genutzt wird: zur Kühlung von Kraftwerken. Berücksichtigt man die anderen Energieversorger im Land, macht Kühlwasser satte 78 Prozent des genutzten Flusswasser aus.
Wasserverbrauch steigt wieder an
Da aber ein stattlicher Teil davon ja wieder in die Flüsse zurückgeleitet wird, kann man nicht von einem dauerhaften Verbrauch reden. Allerdings: Matthias Schmid, der Sprecher des Umweltministeriums, kann nicht sagen, welcher Anteil des verwendeten Flusswassers verdampft und welcher wirklich in die Flüsse zurückkehrt.
Wichtig sei bei der Überwachung eher, wie stark das aufgewärmte Kühlwasser das Öko-System verändere, so Schmid. Dafür gebe es Regelungen, damit die Kraftwerke etwa in heißen Sommern nicht zu viel Wasser entnähmen.
Wichtig zu wissen ist auch, dass sich die Menge, die die Kraftwerke nutzen, gegenüber früher halbiert hat, weil etwa Atomkraftwerke vom Netz gingen und bessere Kühltechniken zur Verfügung stehen. Da gibt es also eine große Entspannung bei der Nutzung des Flusswassers.
Allerdings hat das Land in einem Bericht zur Erhebung des Wasserentnahmeentgeltes von 2021 dargelegt, dass es schon wieder eine Trendwende gibt. Die Bewässerung von Feldern, das Besprühen von gelagertem Holz oder im Frühjahr das Einfrieren der Obstblüten zum Schutz vor Spätfrösten treibt die Mengen wieder in die Höhe. Bei der Trinkwasserversorgung hat sich die genutzte Menge seit 2010 um 15 Prozent erhöht.
Klar ist auf jeden Fall, dass das Land zumindest an heißen Sommertagen immer öfter in einen Wassermangel hineinschlittern kann. In einer Strategie zum Umgang mit diesem Wassermangel vom Juli vergangenen Jahres sagt dies Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) ganz deutlich: „Die Konflikte bei der Wassernutzung werden steigen, denn die verschiedenen Nutzungsinteressen konkurrieren um ein zeitweise eingeschränkt verfügbares Gut.“
Ein Zwölf-Punkte-Plan soll das Problem mildern, es geht dabei um den Aufbau eines besseren Informationsnetzes, um den Schutz der Gewässer oder um die Entsiegelung von Flächen, damit wieder mehr Wasser versickern kann. Für LW-Sprecher Röhrle sind viele der Punkte aber reine Absichtserklärungen, denen zu wenig konkrete Schritte folgten.
Daneben arbeitet das Land seit längerer Zeit an einem Masterplan, bei dem für jeden Landkreis einzeln untersucht wird, wie gut oder schlecht dort die Wasserversorgung aufgestellt ist. Wegen der aufwendigen Untersuchungen werde es noch mindestens bis 2025 dauern, bis dieser Masterplan vorliege, sagt Matthias Schmid. Weil die Zeit aber drängt, schließen schon jetzt zum Beispiel viele Wasserversorger ihre Netze zusammen, damit sie sich bei akutem Wassermangel gegenseitig helfen können.
Trinkwasserversorger zahlen deutlich mehr
An den – zuletzt 2019 erhöhten – Preisen für das Wasser soll dagegen vorerst nicht gerüttelt werden. Interessant ist dabei, dass die Trinkwasserversorger derzeit zehn Cent pro Kubikmeter an das Land bezahlen, Privatentnehmer dagegen für Flusswasser nur 1,5 Cent und für Grundwasser nur 5,1 Cent. Landwirte erhalten das Wasser sogar umsonst.
Der Grund für diese ungleiche Behandlung: Trinkwasser müsse besonders hohe Qualitätsanforderungen erfüllen, so Schmid, weshalb die Trinkwasserversorger in besonderem Maße von den staatlichen Wasserschutzmaßnahmen profitierten. Ganz nebenbei: Der Endverbraucher zahlt derzeit für einen Kubikmeter Trinkwasser (ohne Abwassergebühr) im Landesschnitt 2,33 Euro.