Der renaturierte Kraichbach fließt mitten durch die Innenstadt von Hockenheim. Foto: Stadt Hockenheim

Bei Bächen und Flüssen hat man jahrhundertelang den Blick nur auf die Bekämpfung von Hochwasser gelenkt. Jetzt steht man bei Niedrigwasser vor ganz neuen Herausforderungen. Aber zumindest entstehen erste Ansätze.

Politiker wollen eines auf keinen Fall: ratlos oder gar ohnmächtig wirken. Insofern ist es bemerkenswert, wenn Sylvia M. Felder, die Präsidentin des Regierungspräsidiums Karlsruhe, ganz offen sagt: „Es gibt keine kurzfristigen Maßnahmen gegen Niedrigwasser. Wir können nicht verhindern, dass Flüsse austrocknen, Fische sterben, die Schifffahrt beeinträchtigt wird oder Ökosysteme versagen.“

 

Diese Worte klingen nur deshalb nicht ganz so hart, weil Felder sie direkt am Ufer des Kraichbachs ausspricht, der mitten durch Hockenheim im Rhein-Neckar-Kreis fließt: Der Bach wurde vor einiger Zeit auf 800 Metern Länge renaturiert, er darf durch eine künstlich geschaffene Aue mäandern und ist links und rechts üppig bewachsen. Eigentlich ging es auch dabei vor allem darum, das Hochwasser einzudämmen und den Bach erlebbar zu machen – aber jetzt merkt man, dass dieser Bach Vorteile bei Niedrigwasser besitzt. Denn zum einen wurde bei den Arbeiten der Kraichbach mit dem nahen Mühlbach zusammengelegt, sodass ein Bach mit größerer Wassermenge entstanden ist. Und zum anderen wurden Vertiefungen und Rückzugsräume geschaffen, wo das Wasser länger stehen bleibt. So seltsam es sich anhört: Diese Wassergumpen können zu Rettungsinseln für Fische und Insekten werden.

Die Situation vieler Gewässer ist prekär

Tatsächlich hat der Mensch in den vergangenen 150 Jahren auch in der Rheinebene unbewusst alles dafür getan, um die Situation bei Niedrigwasser extrem zu verschärfen. Bei allen Eingriffen in die Gewässer war es immer nur darum gegangen, Böden trockenzulegen und als Äcker zu nutzen, die Auen zu beschneiden für den Wohnungsbau sowie das Hochwasser schnell abzuleiten. Oft fehlt die Beschattung durch Bäume, wegen der vielen Wehre verlanden Abschnitte und heizen sich auf. „Jede zusätzliche Belastung, etwa die Einleitung von Reinigungsmitteln oder die Entnahme von Wasser, kann heute zum Kippen des Gewässers führen“, sagt der Experte Andreas Heuser vom Regierungspräsidium.

Nun gilt es, die Quadratur des Kreises zu bewerkstelligen. Denn einerseits muss man sich weiter verstärkt auf Hochwasser vorbereiten, die mit dem Klimawandel eher zunehmen werden. Andererseits soll das Wasser in den Flüssen zurückgehalten werden, damit sie nicht so schnell austrocknen. Für Sylvia M. Felder sind naturnahe Flüsse der wichtigste Schlüssel. „Wir können zwar nicht mehr Wasser machen, aber wir können Gewässer so entwickeln, dass sie widerstandsfähiger werden“, sagt sie.

Neben der Renaturierung gehe es darum, bei heißen Sommern natürliche Rückhalteflächen zu schaffen, etwa im Wald, betont Andreas Heuser. Dann bleibe das Wasser vor Ort. In diesem Punkt widersprechen sich die Maßnahmen gegen Hoch- und Niedrigwasser ausnahmsweise nicht: Direkt am Rhein hat man – teils gegen erheblichen Widerstand der Bevölkerung – Retentionsflächen geschaffen, um einen Teil eines Hochwassers „zwischenzuparken“, damit es flussabwärts nicht ganz so schnell zu steigenden Pegeln kommt.

Eine Studie soll Handlungsoptionen eruieren

Wichtig sei es auch, die Hauptgewässer zu stärken, so Heuser weiter. Wenn diese nicht trockenfielen, könnten Tiere und Pflanzen von dort aus die kleineren Bäche zurück erobern. Wie das geschehen könnte, weiß er allerdings auch nicht genau. Ein Ausbaggern verbiete sich, weil das den Stress der Flüsse noch erhöhe. Und Bäume zu pflanzen zur Beschattung sei oft nicht möglich, weil diese Vegetation bei Hochwasser zum Problem werden könnte.

Eine Studie im Regierungsbezirk soll deshalb Antworten liefern – womöglich gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und weiteren Partnern sollen Handlungsoptionen ergründet werden. Wegen der „vielfältigen, komplexen und stark miteinander zusammenhängenden Problemstellungen“ werde es aber mehrere Jahre dauern, bis erste Ergebnisse vorlägen, so Regierungspräsidentin Felder. Auch die Renaturierung der Bäche und Flüsse werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Das Umweltministerium in Stuttgart hebt allerdings hervor, dass bereits „Bausteckbriefe“ für die Flüsse erarbeitet seien – man wisse, wie man „Kältepools für Fische, Niedrigwasserrinnen oder Unterstände“ schaffen könne. So werde die Resilienz der Gewässer bei Niedrigwasser gestärkt, sagt Steffen Becker, Sprecher des Ministeriums.

Eine Wassermangelstrategie hat das Land im vergangenen Jahr vorgelegt. Darin geht es mit Blick auf die Flüsse unter anderem darum, ein „Niedrigwasserinformationszentrum“ bei der Landesanstalt für Umwelt aufzubauen. Mithilfe von besseren Prognosen sollen die Kommunen möglichst früh reagieren können, etwa mit dem Verbot der Wasserentnahme. Die Personalstellen sollen laut Steffen Becker noch in diesem Jahr besetzt werden.

Insofern tut sich doch einiges im Kampf gegen Niedrigwasser. Und am Ende hört sich die Ratlosigkeit zumindest nicht mehr ganz so dramatisch an, wenn Sylvia M. Felder schließt: „Wir kümmern uns. Aber wir können nicht zaubern.“