Graue Wolken ziehen am Fischinger "Mühlenhimmel" auf. Laut einem Schreiben vom 6. Dezember kündigte die Betreiberfirma Oehler Wasserkraftwerke aus Aidlingen die Schließung der Wasserkraftanlage in der Fischinger Ortsmitte in der Burg-Wehrstein-Straße 21 an.
Sulz-Fischingen - Der Firmenbesitzer Eberhard Oehler begründete seine Entscheidung durch eine hohe Reparaturanfälligkeit der Anlage und die damit verbundenen hohen Investitionskosten. Wie Oehler berichtet, kann das Wasserkraftwerk wegen Niedrigwasser an 136 Tagen pro Jahr nicht produzieren und damit auch keinen Strom an das Stromnetz abgeben.
In einer weiteren Stellungnahme vom 28. Dezember an das für den Hochwasserschutz zuständige Referat beim Regierungspräsidium Freiburg (RP) führte die Firma Oehler weitere kritische Punkte auf. Daraufhin wurden vom RP Randbedingungen für die Abschaltung der Stromkraftanlage festgelegt.
Geplant ist, dass der Kanal als Kleingewässer auf seiner kompletten Strecke erhalten bleibt und mit einer Restwassermenge aus dem Neckar beschickt wird. Ob diese Randbedingungen durch die Höhenverhältnisse der an den Kanal angrenzenden Grundstücke realisiert werden kann, wäre zu klären.
Noch keine Stellungnahme möglich
Da aufgrund der Komplexität aller neuen Fakten die Auswirkungen auf den Treibwerkskanal noch nicht abgeschätzt werden können, hat die Ortsverwaltung Fischingen das RP darauf hingewiesen, dass der Ortschaftsrat im Moment nicht in der Lage sei, eine geforderte Stellungnahme abzugeben. In der Zwischenzeit hat das RP vorgeschlagen, die Themen zu den Wasserkraftanlagen an einem "Runden Tisch" mit allen Beteiligten unter unabhängiger Moderation des Kompetenzzentrums "Energie" zu bearbeiten.
Die Planung und Organisation einer solchen Veranstaltung sei bereits beantragt, informierte Ortsvorsteher Jürgen Huber. "Ich möchte die Fischinger Bürgerschaft mit einer ähnlich gelagerten Perspektivwerkstatt wie schon zur Hallenerweiterung mit ins Boot nehmen, aber erst nach dem Runden Tisch", betonte er.
Auch das Fischinger Ortschaftsratsmitglied Hubert Breisinger ist derselben Meinung: "Eine Entscheidung ist eine endgültige Festlegung und kann in diesem Fall nicht mehr korrigiert werden." Der Fischinger Ortschaftsrat sprach sich einstimmig dafür aus, den Tagesordnungspunkt auf eine spätere Sitzung nach dem Runden Tisch zu vertagen.
Wechselvolle Geschichte
Die Mühle in Fischingen hat eine wechselvolle Entwicklung mitgemacht. Außergewöhnlich ist ein Kleindenkmal mit Bismarck, König Wilhelm I. und Moltke als in Sandstein gehauenes Monument über der Eingangstür. Bis 1912 diente das markante Gebäude in der heutigen Burg-Wehrstein-Straße, angetrieben von fünf Wasserrädern, als Säge-, Reib- und Ölmühle.
Bei einer Brandkatastrophe der Mühle im Jahr 1912 überlebten aus der Familie nur die Brüder Christian und Georg Linsenmann. Bereits im Folgejahr 1913 wurde die Mühle wieder neu aufgebaut. Christian Linsenmanns Sohn Werner baute 1959 eine Wasserkraftanlage zur Stromerzeugung ein. Im Jahr 1962 wurde der Mahlbetrieb dann endgültig eingestellt. Am 110-jährigen Bauwerk nagt mittlerweile der Zahn der Zeit.
Zukunft der zweiten Anlage unklar
Über einen 510 Meter langen Kanal durch die Ortsmitte wird die Wasserkraftanlage mit einer Maximalwassermenge von 3000 Litern pro Sekunde versorgt. Die erzeugte Energie von circa 420 000 Kilowattstunden wird in das öffentliche Netz eingespeist. Eine Trennung vom Mutterfluss (Neckar) zum Kanal erfolgt am Wehr bei der zweiten Wasserkraftanlage des Betreibers.
Beide Anlagen werden sequentiell betrieben, das heißt, die Wasserkraftanlage 2 läuft im Dauerbetrieb, während die Anlage 1 je nach Wasserangebot zu- und abgeschaltet wird. Was mit Oehlers zweiter Anlage am Wehr passieren wird, kann der Besitzer im Moment noch nicht sagen. Die Entscheidung, ob diese erhalten bleibt, wird unter anderem von den ihm auferlegten Maßnahmen im Zuge des Hochwasserschutzes im Sulzer Stadtteil abhängen.
Eberhard Oehler erklärte in einer früheren Begegnung am oberen Wehr, als er zwangsläufig noch in eine neue Betonsohle investieren musste: "Mein Sohn hat kein Interesse an der Fortführung der Anlagen, und ich bin jetzt in ein Alter gekommen, wo man nicht mehr groß investieren möchte."