Hilfe beim Sterben statt aktiver Sterbehilfe

Von Claudia Lepping Berlin. Uwe und Krista sind todkrank. Pfleger und Ärzte bemühen sich, die beiden möglichst schmerzfrei aus dem Leben zu begleiten – ihre Bedürfnisse könnten unterschiedlicher kaum sein.

"Zigarette?" Katja zuckt zusammen. Sie hat nicht damit gerechnet, dass abends jemand auf der Dachterrasse ist. Drinnen werden die Patienten zur Nacht gebettet. Katja hockt auf dem Geländer. Luft tanken. Kurz allein sein. Seit fünf Stunden glaubt sie, dass Uwe jeden Moment stirbt. Uwe, der Freund ohne Angehörige. Seine Hände sind kalt, an seinen hageren Armen und Beinen breiten sich dunkle, fast schwarze Flecken aus. Der Körper stirbt sichtbar Zentimeter für Zentimeter.

Zehn Minuten raus, ein Becher Tee und frische Luft. Außerhalb ihrer Pausen rauchen die Schwestern und Pfleger der Hospiz-Station nicht. Wer ist das mit der Zigarette? "Hallo? Also keine Zigarette. Können Sie mir bitte mit dem Feuerzeug helfen? Weil ich diesen verdammten Knochenkrebs habe, krieg ich das Ding nämlich nicht mehr an. Keine Kraft in den Fingern."

Besucherin Katja darf durch den Liefereingang kommen und Uwe besuchen, wann immer ihr Job es erlaubt

Katja erkennt die Stimme von Krista. Sie wohnt zwei Zimmer neben Uwe. Tagsüber sitzt sie meistens auch hier auf der Sonnenterrasse. "Wollste nicht wieder rein zu ihm?", fragt Krista. "Mach ruhig."

Uwe liegt auf der linken Seite, seiner Lieblingsseite. Nachtschwester Magdalena ist da. Sie bettet das Kissen so, dass er gut Luft holen kann – können sollte. Doch er stirbt, da hört das Röcheln nicht auf. Seit etwa fünf Stunden ist das letzte Aufbäumen vorüber. Nur dieses flache ringende Atmen und dieser Blick, der sie bei ihm hält. Unter der Woche kann Katja erst abends kommen. Die Schwestern haben ihr gezeigt, wie sich der Liefereingang öffnen lässt; seither kann sie kommen, wie sie es neben dem Job einrichten kann. Schwester Magdalena lächelt. "Ich lass euch jetzt mal, bin sofort da, wenn was ist", sagt sie und geht leise. Sie ist 27. Ein Schatz. So wie Grit, Christine, Jörn, all jene, die den Menschen beim Sterben helfen.

Das Hospiz-Personal leistet Sterbehilfe jenseits der Art Sterbehilfe, wie sie von Politik und Verbänden diskutiert wird: Jenseits vom aktiven Gift spritzen und von Pillen, die Schwerstkranke in den Tod hinübergleiten lassen. Völlig legale Sterbehilfe im Sinne der sogenannten Palliativmedizin, die den Patienten Schmerzen nimmt. Mit Menschlichkeit und Fürsorge.

Denn auch ein ausgemergelter Körper wie Uwes gibt dem Verstand, der Seele der Sterbenden ein Zuhause. Auch wenn sie zu erschöpft und kraftlos zum Sprechen sind. "Wer sagt denn, dass diese Menschen nicht alles empfinden und genau wissen, was geschieht?", fragt Schwester Magdalena. "Ich möchte ihnen die Gewissheit geben, sie zu verstehen und zu helfen, wo es nur geht." Die Palliativmediziner versuchen, die Sterbesymptome zu lindern: Atemnot. Übelkeit. Unruhe. Schmerzen. Und die große Angst, die sich in einem Menschen aufbaut, der diese Symptome spürt; der das Sterben zu ertragen hat.

"Gehen Sie den Weg", hatte Monika W. am Mittag gesagt und Uwe fest angeschaut. Die Ärztin steht neben seinem Bett und fragt ihn: "Haben Sie Schmerzen?" Die beiden haben sich längst darauf verständigt, dass Uwe die Augenbraue hochzieht, wenn er Ja meint. Uwe hatte einen Fahrradunfall. Von jetzt auf gleich aus dem Leben geschossen, als er einem anderen Radfahrer die Vorfahrt nahm. Schädel-Basis-Bruch, Hirntrauma. Drei Operationen am Hirn, ein Augenlid ist erlahmt. Heute stirbt Uwe am Krebs, der ein Jahr später so plötzlich und rabiat seinen Körper in Besitz nahm.

"Kein Mensch stirbt wie ein anderer. Jeder folgt seinem eigenen Tempo", sagt die Ärztin. "Ich habe Patienten, die nach medizinischem Ermessen längst tot sein müssten. Und dann leben sie noch Woche um Woche." Die Palliativmedizinerin betreut Patienten in Heimen und in deren Wohnungen. "Ich kann todkranken Menschen das Sterben nicht ersparen, aber sie können Lebensqualität gewinnen, indem sie keine Schmerzen erleiden müssen."

Schmerzfrei zu sein, bedeutet ein erträglicheres Ende – auch ohne den vorzeitig herbeigeführten Tod

Wer diese Ärztin und das Hospizpersonal beobachtet, erkennt in der Diskussion um die Sterbehilfe einen tiefen Graben zwischen Theorie und Praxis. Der kann kaum verstehen, dass die politische Debatte um Sterbehilfen geführt wird, als ginge es um Leben oder Tod. Der begreift, dass es um Leben UND Tod geht. Dass ein möglichst schmerzfreies Leben das Sterben erträglicher macht, ohne dass das Leben vorzeitig aktiv beendet wird.

Nachtschwester Magdalena räumt Teller in die Spülmaschine und muss dann Protokolle schreiben – minutiös festhalten, wann sie welchem Todkranken welche Medizin gibt, ihn im Bett umlagert, um Druckstellen zu vermeiden, wann sie ihn kämmt und wäscht. Katja unterschreibt, dass alles in Ordnung ist. Dann ist es vorbei: Uwe stirbt um 20.45 Uhr.

"Wo ist mein Feuerzeug?" Krista kommt im Rollstuhl aus ihrem Zimmer und sieht die brennende Kerze in der Tür zu Uwes Zimmer. Das Sterbelicht. "Oh", sagt sie. Draußen sieht sie Katja: "Zigarette?" – "Feuer?", fragt Katja und zündet die Zigarette für Krista an. Kein Wort über Uwes Sterben. Nicht mit jemandem, den dasselbe erwartet.

Beim Abschied verabreden sich die Frauen. Krista liebt Ausflüge. Knochenkrebs, Brustkrebs, Schmerzen, Atem- und Schlucknot – sei’s drum. "Komm, ich muss hier raus", sagt sie. Die Schwestern geben ihr die anderthalbfache Tagesration Morphium mit und weitere Tabletten für den Notfall.

Katja wuchtet den Rolli ins Auto und Krista auf den Beifahrersitz. Sie preschen los. Pizza, eine Bootstour, ein Altstadtbummel, die Promenade am See. Krista hat einen Lebensmut, eine schiere Lebenswut. Sie will eben leben, so lange sie lebt. "Wir sind froh, dass sie rauskommt. Die Ärztin gibt ihr alles, damit sie das tun kann", sagt Schwester Christine. Aber Krista schluckt nicht alle Tabletten, will immer wissen, was sie aushalten kann und gerät darüber in Streit mit ihrer Palliativärztin, die ihr doch Schmerzen ersparen will.

Dabei stirbt Krista auch schon eine ganze Weile. "Wenn ich mich hinlege, steh’ ich nicht mehr auf", hat Krista mal beteuert. Freitagmorgen legt sie sich hin, lässt Katja ausrichten, sie solle nicht kommen. Am Sonntag brennt die Kerze in ihrer Tür.