Ob ein Wolf das Pferd in Steinen schwer verletzt hat, musste aufwendig untersucht werden. Foto: Pixabay

Auf der Gemarkung Steinen wurde kürzlich ein Pferd schwer verletzt. Vermutet wurde ein Wolf. Jetzt gibt es ein Ergebnis. Wir befragten einen Experten rund ums Thema Wolf.

Es wäre dies der erste Fall in Südbaden gewesen, bei dem ein Wolf ein Pferd tödlich verletzt hat. Ob es tatsächlich ein Wolf war, musste aufwendig untersucht werden. Nun kam das Ergebnis: Der Fall war am 28. November der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) gemeldet worden. Der Tierkörper wurde am CVUA Freiburg pathologisch untersucht. Genetische Abstrichproben wurden am Senckenberg Zentrum für Wildtiergenetik untersucht.

 

Nach Abschluss aller Untersuchungen konnten keine Hinweise auf die Beteiligung eines Wolfes gefunden werden, so die Mitteilung des Umweltministeriums. Doch auch wenn es kein Wolf war: Die Bevölkerung in der Regio ist sensibilisiert – und gespalten. Bis zu 1200 Meldungen angeblicher Wolfssichtungen erreichen pro Jahr die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FAV) in Freiburg, bei der die Fäden zum Wolfsmonitoring zusammenlaufen. Wir wollten von Dr. Micha Herdtfelder wissen, wie man sich verhält, falls man tatsächlich einem Wolf begegnet.

Freuen Sie sich, dass der Wolf wieder in Deutschland ist?

Ich habe da eine sehr nüchterne Einstellung. Wir sind als Forschungseinrichtung und Behörde damit beauftragt, diese Entwicklung wissenschaftlich zu begleiten. Einerseits erfüllen große Beutegreifer wie der Wolf wichtige Funktionen im Ökosystem, andererseits sind mit der Rückkehr große Herausforderung für die Weidetierhalter verbunden. Meine Einstellung zum Wolf ist eigentlich sehr unaufgeregt. Ich finde Wildtiertiere prinzipiell faszinierend, und gebe da keinem den Vorzug.

Dr. Micha Herdtfelder Foto: C. Hanner

Es gibt aber wenige Tiere, die so krasse Emotionen hervorrufen wie der Wolf: Es gibt begeisterte Fans und unversöhnliche Gegner.

Für ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben mit dem Wildtier Wolf es ist sehr wichtig, sich neben den realen Herausforderungen wie dem Herdenschutz auch mit diesen Emotionen auseinanderzusetzen. Es interessiert mich sehr, wie wir Menschen mit solchen Situationen umgehen und wie wir miteinander kommunizieren, wenn es um solch emotionale Themen geht. Konfliktfelder gut zu bearbeiten, die Menschen wieder zusammenzubringen: Dafür schlägt mein Herz.

Es gibt immer wieder Bürger, die fragen: Kann ich noch mit meinen Kindern in den Wald gehen?

Zunächst kann man die Bedenken verstehen. Der soziokulturelle Rucksack, den der Wolf mit sich trägt – von Rotkäppchen über den Werwolf bis zur Verteufelung des Wolfs in der Inquisition prägt unseren heutigen Blick auf den Wolf stark. Aber natürlich war der Wolf auch früher eine reale Bedrohung für die kleinbäuerliche Existenz. Der Riss von Nutztieren hat das Überleben einer Familie gefährdet. Früher gab es sehr viel weniger wildlebende Beutetiere in unseren Wäldern und keinen technischen Herdenschutz, weswegen der Druck auf die Nutztiere sehr hoch war. Und Wölfe wurden dem Menschen auch unmittelbar gefährlich, z.B. sie von einem tollwütiger Wolf gebissen wurden – da gab es keine Rettung mehr. Die Geschichten über die Wölfe wirken nach. Wir selber haben ja wenig Erfahrung mit dem Wolf. Die wenigsten haben in ihrem Leben einen freilaufenden Wolf auch nur gesehen. So prägen überwiegende Erzählungen unsere Haltung zum Wolf. Aufgrund er Datenlage können wir ganz klar Entwarnung geben. Der Wolf ist natürlich ein wehrhaftes Tier. Es kann im Einzelfall natürlich schon mal zu einem Vorfall zwischen Mensch und Wolf kommen. Das gab es beispielsweise im vergangenen Sommere in den Niederlanden. Dann muss schnell reagiert werden und der Wolf geschossen werden. Zu solche gefährlichen Situationen kommt es aber in aller Regel nur dann, wenn Wölfe durch Anfüttern einen positiven Reiz haben, zum Menschen zu gehen. Das müssen wir unbedingt verhindern. Wer einem Wolf im Wald begegnet, sollte nicht versuchen, ihn anzulocken, um ein schönes Foto hinzubekommen. Solange Wölfe keine positive Erfahrungen mit Menschen machen, meiden sie den Kontakt.

Wölfe haben ja auch eine Art Urangst durch den Menschen durch die jahrhundertelange Bejagung?

Es gibt wenige Wildtiere, die keinen Respekt vor dem Menschen haben. Denn der ist ja seit Jahrtausenden ein wehrhaftes Beutegreiftier. Erwachsene Wölfe entwickeln sehr früh, ohne dass man ihnen das beibringen müsste, Distanz zum Menschen und halten sich fern. Junge Wölfe hingegen sind neugierig. da gibt es Situationen, dass Welpen oder Jährlinge so wie Jugendliche mal gucken, was ist denn da los. Dann kommt unter Umständen eine Gruppe von drei jungen Wölfen daher, bei denen man als Waldspaziergänger zunächst nicht erkennen kann, dass es sich um Jungtiere handelt. Eine Gefahr stellt das nicht dar. Das gibt es bislang allerdings nur in anderen Bundesländern, wo es tatsächlich Wolfsrudel gibt. Das ist bei uns ja bislang nicht der Fall. Eine wirklich gefährliche Situation mit einem Wolf gab es in Deutschland noch nicht – und wir haben immerhin seit 25 Jahren wieder Wölfe im Land. Im Wolfsmonitoring behalten wir die Entwicklungen sehr genau im Auge, und die zuständigen Behörden würden schnell tätig werden, falls sich bei einem Wolf eine gefährliche Entwicklung anbahnen würde.

Es wurde jetzt entschieden, dass Wölfe geschossen werden dürfen. Eine richtige Entscheidung?

Das ist eine politische Entscheidung. Es ist wichtig, dass Wölfe, die dem Menschen zu nahe kommen und den Herdenschutz überwinden, möglichst schnell entnommen werden müssen. Die Bestandsregulierung ist eine politische Entscheidung: Mit wie vielen Wölfen kann und will unsere Gesellschaft leben?

Wie verhalte ich mich korrekt, wenn ich im Wald auf einen vermeintlichen Wolf treffe?

Wenn ich in der Nähe einen Wolf sehe, sollte ich stehen bleiben, gerne auch ein Foto machen und uns das melden. Dann sollte man auf sich aufmerksam machen, falls der Wolf einen nicht bemerkt hat. Das sollte man auch bei einem Wildschwein so machen. Dann ziehen sich Wildtiere zurück. Wenn der Wolf sich ungewöhnlicherweise annähert – vielleicht aus Neugier, weil man einen Hund dabei hat – dann sollte man ihm klar durch lautes und dominanten Verhalten signalisieren, dass er hier nicht erwünscht ist – quasi als Erziehungsmaßnahme. Damit der Wolf nicht denkt: Ach, das ist ja nett hier beim Menschen.

Erkenne ich als Laie sofort, ob das ein Wolf ist, oder besteht Verwechslungsgefahr?

Es gibt ja Menschen, die sich gut mit Wölfen auskennen. Da kann man einen Blick dafür entwickeln. Für Laien ist es schwieriger. Wir haben viele Meldungen von Personen, die so ein Tier filmen. Wir sehen dann oft auf den ersten Blick: Das ist ein Husky oder beispielsweise ein tschechoslowakischer Wolfshund. Charakteristisch beim Wolf ist beispielsweise der federnde Gang, aber es gibt kein einzelnes Merkmal, von dem sicher der Wolf sicher vom Hund unterscheiden lässt. Es ist immer das Gesamtbild, das zählt.

Haben die Meldungen zugenommen?

Wir haben in den letzten zehn Jahren seit dem ersten Wolf im Land angestiegene Zahlen, die sich aber in den vergangenen drei Jahren eingependelt haben, so um die 1200 Meldungen. Die meisten sind Sichtungsmeldungen, häufig ohne Foto. Auswertbares Material ist in deutlich weniger Fällen vorhanden. Da zeigt sich dann aber, dass es viele Verwechslungen gibt.

Wo meldet man sich?

Das Monitoring ist so aufgegleist, dass es in jedem Landkreis einen Wildtierbeauftragten gibt. Bei dem kann man sich melden. Das läuft dann alles bei uns zusammen. Wir sind für ganz Baden-Württemberg zuständig, und man kann sich auch direkt bei uns melden. So war das auch im Steinener Fall.

Wo sind die meisten Wölfe?

Aktuell haben wir im Land nur vier territoriale Wölfe, das bedeutet, dass sich der Wolf hier niedergelassen hat. Solche Tiere bleiben nicht unbemerkt, dafür gibt es inzwischen zu viele Fotofallen. Es gibt noch zwei Tiere, die seit einer Weile in einer ähnlichen Region im Schwarzwald sind. Es könnte sein, dass die territorial werden. Das kann man nach etwa einem halben Jahr ausmachen. Nach so einer Zeitspanne wird der Wolf die Region nicht mehr verlassen. Es gibt einen auf der Baar, einen am Schluchsee und zwei im Nordschwarzwald. Einer der beiden im Nordschwarzwald hat jetzt eventuell eine Partnerin gefunden.

Das heißt aber bei uns im Südschwarzwald leben derzeit keine territorialen Wölfe?

Nur in der Schluchseeregion. In der Region, in der jetzt der Fall mit dem Pferd war, gibt es derzeit keine Hinweise auf einen territorialen Wolf. Es gab dort einmal einen Wolf, der mehrfach Nutztiere getötet hat. Der ist aber wieder verschwunden. Was mit ihm passiert ist, wissen wir nicht. Ebenso wie bei einem Tier, das eine Zeit lang am Feldberg gesichtet wurde. Wir gehen davon aus, dass der Wolf nicht mehr lebt.

In unserer Regio hängen teilweise Plakate mit großer Ablehnung des Wolfs.

Dort gibt es derzeit keinen Wolf. Aber natürlich können jederzeit und im ganzen Land Wölfe auftauchen, gerade in attraktiven Lebensräumen wie dem Schwarzwald. Darum fördert das Land auch in Regionen, in denen noch kein Wolf gesichtet wurde, prophylaktisch Herdenschutzmaßnahmen. Die Tierhalter sollen so unterstützt werden. Teilweise gibt es aber leider auch Plakate, die Panik machen. Die vorm Spazierengehen oder Joggen warnen. Das macht Angst, das irritiert Touristen. Und da hat niemand etwas davon.

Wie sehen die Wolfsbestände bei unseren Nachbarn aus?

In den Vogesen gibt es relativ geringe Wolfsbestände. In der Schweiz mehrere Rudel. Dort wird der Wolfsbestand teilweise stark reguliert. Die stärkste Verbreitung haben wir in den nördlichen Bundesländern. Brandenburg etwa ist flächendeckend besiedelt. Auch von dort wie aus der Alpenregion wandern dann auch einzelne Tiere zu uns.

Meldungen zu Wolfssichtungen unter www.fva-bw.de/top-meta-navigation/fachabteilungen/fva-wildtierinstitut/luchs-wolf