Bringt ein Handy-Verbot wirklich etwas? Foto: Annette Riedl/dpa

Daniel Ott kennt sich aus mit der Sucht, auch mit der Digitalen. Er arbeitet bei der Villa Schöpflin in der Präventionsarbeit. Von Verboten hält er wenig, von Gesprächen viel.

Martina ist genervt. Ihre zwölfjährige Tochter ist kaum ansprechbar. Der Blick festgeklebt am Display ihres Handys. Trotz Family Link und eingeschränkter Apps hat sie das ungute Gefühl, dass ihre Tochter zu viel am Smartphone daddelt. Darauf angesprochen gibt es meist hitzige Diskussionen, endend in Geschrei und Türenknallen.

 

Bei Stefanie lief es noch extremer. Sie wusste sich keinen anderen Rat mehr, als das Handy ihrer Tochter einzukassieren – auf unbestimmte Zeit. Das Mädchen reagierte befremdlich hysterisch.

Nur zwei Beispiele aus Lörrach, die zeigen, wie hilflos viele Eltern sind. Zumal sie auch selbst oft kein gutes Vorbild in Sachen Handy-Abstinenz sind und dementsprechend ein schlechtes Gewissen plagt.

Überall Menschen, die auf Handys starren

Menschen, die auf Handys starren, gehören zum Alltagsbild. Mittlerweile fast generationenübergreifend. Dennoch liegt der Fokus bei der Mediennutzung derzeit auf der Jugend. Seit Länder wie Australien die Social-Media-Nutzung erst ab 16 Jahren erlauben und andere Nationen überlegen, nachzuziehen, ist auch bei uns die Diskussion darum entbrannt, was für unsere Kinder noch tolerierbar ist. Und ob Verbote helfen können.

Daniel Ott arbeitet in der Prävention.

Daniel Ott von der Villa Schöpflin kennt sich aus. Er ist stellvertretender Leiter in der Präventionsarbeit Sucht. Und ja, Algorithmen können Sucht auslösen, bestätigt er auf Nachfrage. Besonders bei Streaming-Angeboten, Spielen, auch bei Pornografie. „Das sind diese fiesen, miesen Tricks, die dazu führen, dass wir zu viel Zeit und oft auch Geld investieren.“ Ein paar mal geklickt, schon bekommt der Nutzer nonstop Video-Vorschläge. Personalisiert auf die gezeigten Interessen werden Inhalte zugeschickt, erläutert Ott im Gespräch mit unserer Redaktion.

Beispiel TikTok

Dem könne man sich kaum entziehen. Beispiel TikTok. Das Ganze funktioniere wie eine Art Belohnungssystem. „Da werden Dinge zugespielt, die uns sehr gefallen, dann wird ein Video dazwischen geschoben, das nicht so toll ist. Der User macht aber weiter, weil er hofft, dass wieder etwas Faszinierendes aufploppt. Ein Kreislauf, aus dem viele kaum mehr herausfinden. Sie bekommen Angst, etwas zu verpassen.“

Enge Beziehungen zu Influencern

Potenzielle Gefahren sieht der Experte für Prävention zum einen in den nicht gefilterten Inhalten, die Jugendliche zu sehen bekommen, aber auch dann, wenn Geld im Spiel ist. „Gerade Jugendliche, die vielleicht wenige Freunde haben, in der Klasse Außenseiter sind, entwickeln zuweilen eine extrem enge Beziehung zu Influencern. Und kaufen dann auch die entsprechend beworbenen Produkte. „Das kann bis zur Verschuldung gehen.“

Welche Gefahren lauern im Netz? Foto: Pixabay

Und natürlich gebe es noch eine weitere Gefahr, wenn Nutzer in einer bestimmten Bubble hängen bleiben: „Besonders wenn es um Schönheitsideale geht. Da werden oft falsche Botschaften gesendet, was beispielsweise zu Essstörungen führen kann, erklärt Ott.

Völlig sinnfreie Challenges auf TikTok

Weiteres Problem: Die sogenannte, meist völlig sinnfreien Challenges. So kam es auch in Lörrach dazu, dass quasi nach Anleitung aus TikTok eine Schultoilette in Brand gesetzt wurde. Wie aber kann man Jugendliche von solchen vermeintlich coolen Mutproben abhalten, wollen wir wissen. Das Problem: „Bevor die Lehrkräfte solche Challenges mitbekommen, ist es meist schon gelaufen“, weiß Ott. Einziges Mittel: Prävention.

Mit den Kids reden

Das fange im Elternhaus an. Man müsse mit den Kids darüber sprechen, reflektieren, klarstellen: Was ist der moralische Kontext. Aber: „Viele Eltern sind ratlos, kommen mit den Trends nicht mehr mit.“ Aufgeben sei indes keine Option. Es braucht Kraft und Durchhaltevermögen. Denn die Fragen werden immer größer, es gebe immer mehr Spiele und Plattformen, sie würden immer perfekter, immer süchtig machender.

„Ein komplettes Social-Media-Verbot bringt nichts“, findet Ott. „Wie will man das kontrollieren?“ Aber, dass darüber inzwischen debattiert werde, das sei gut. Doch warum kein Verbot? Wenn das Nutzerverhalten der Kinder komplett ins Heimliche wechsle, werde eine gewisse Kontrolle umso schwieriger, argumentiert er.

Was am besten hilft: Darüber reden. „Man muss den Kindern vermitteln, dass man sie mit den Regeln der digitalen Nutzung nicht ärgern, sondern schützen möchte.“ Man muss sie ernst nehmen, auf Augenhöhe.“

Neue App freei wird bundesweit genutzt

In der Villa Schöpflin gibt es zahlreiche Hilfsangebote: für alle Seiten und kostenlos. In 5. und 6. Klassen gibt es Präventionsangebote zum Umgang mit dem meist ersten Smartphone. An Elf- bis 15-Jährige richtet sich das Online-Angebot freei, eine App, in der es um den bewussten Umgang mit Medien geht, und wie man den in Einklang mit seiner Freizeit bringt und die jetzt sogar bundesweit zum Einsatz kommt. Mittlerweile sei das alles aber bereits in den Kindergärten ein Thema, weiß Daniel Ott.

Lösungsorientierte Beratungsgespräche

In die lösungsorientierten Beratungsgespräche der Villa Schöpflin kommen Eltern, die sich Sorgen machen. Manchmal mit ihren Kindern, manchmal einzeln. Alles ist möglich. „Wir sprechen auf Augenhöhe, haben gute Methoden entwickelt und berücksichtigen alle Perspektiven“, erklärt der Experte. Er betont aber auch: „Es gibt auch viele Jugendliche, die sehr bewusst und vernünftig digital konsumieren.“ Und: Jugendliche, die Hobbys haben, Sport machen, seien viel weniger suchtgefährdet. Sein Appell: „Zeigen wir den Kindern und Jugendlichen, wie attraktiv die analoge Welt ist.“