Das klassische Sparbuch kommt wohl nicht wieder in Mode. Foto: Daniel Karmann/dpa

Sparzinsen steigen derzeit auf breiter Front. Was hat das für Sparer und Anleger zu bedeuten? Lohnt sich der Bausparvertrag wieder? Sind die klassischen Sparbücher erneut in Mode? Und was hat es mit der Anlage in Legosteine auf sich? Wir haben mit drei Banken im Nordschwarzwald gesprochen.

Nordschwarzwald - Am 21. Juli des vergangenen Jahres hat die Europäische Zentralbank die Zinsen im Euroraum das erste Mal seit elf Jahren wieder erhöht. Mit den Zinsanhebungen soll die rekordhohe Preissteigerung eingedämmt werden. So lagen im Euroraum die Verbraucherpreise im Mai 2022 um 8,1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonates. Wie sehen die Banken im Nordschwarzwald die Zins-Entwicklungen? Und was raten sie Sparern? Wir haben nachgefragt.

Welche Auswirkungen hatte der gestiegene Leitzins bisher auf die Kredite und wie könnte sich das Ganze noch bis zum Jahresende entwickeln?

Große Auswirkungen hätten die deutlich gestiegenen Leitzinsen auf die Baufinanzierungen gehabt, berichtet Tobias Mohn, Leitung Privatkundenbank von den Raiffeisenbank im Kreis Calw. "Der Wunsch, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen, ist für viele kurzfristig nicht mehr möglich gewesen", so Mohn. "Mit den Leitzinserhöhungen im vergangenen Jahr sind auch die Zinsen für Baufinanzierungen angestiegen", kann auch Sven Eisele, Vorstandsmitglied der Sparkasse Pforzheim Calw, berichten. Es bleibe abzuwarten, ob sich dieser Trend auch in diesem Jahr fortsetzt. Eisele: "Sinkende Zinsen hingegen sind eher unwahrscheinlich, da im Kampf gegen die Inflation davon auszugehen ist, dass die Leitzinsen weiter angehoben werden." Mohn sieht das etwas anders: "In 2023 gehen wir noch im ersten Halbjahr von leicht steigenden Zinsen aus, danach wird sich das Zinsniveau einpendeln, vielleicht sogar durch rückläufige Inflationsraten wieder leicht sinken." Eines ist auf jeden Fall sicher: "Die Entwicklung hat sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht", schätzt Michael Rapp, Regionalvorstand der Volksbank Calw, die Lage ein.

Sind Investitionen in Wertpapiere vor dem Hintergrund einer schwächelnden Wirtschaft noch sinnvoll?

"Langfristiges Investieren im Aktienmarkt sehen wir weiterhin als sehr attraktiv", sagt Mohn. Rapp rät Sparern: "Eine ratierliche Besparung, also zum Beispiel monatlich, kann Risiken abfedern." Entscheidend bei Investitionen am Aktienmarkt sei sowieso vielmehr der Anlagezeitraum, weniger der Zeitpunkt des Einstiegs, informiert Eisele. Mit einem Wertpapier-Sparplan könnten Anlegende die Schwankungen der Märke sogar nutzen. Bei gleichbleibenden Sparraten würde demnach gelten: Sind die Preise hoch, werden automatisch weniger Anteile gekauft, sind die Preise niedrig, dementsprechend mehr, so das Vorstandsmitglied der Sparkasse Pforzheim Calw.

Wie sieht es mit den klassischen Sparbüchern aus? Kommen die wieder in Mode?

"Das klassische Sparbuch, wie wir es als Buch kennen, sicher nicht. Aber vergleichbare Bank-Anlageprodukte wie Termingelder sind wieder im Kommen", sagt Rapp. Mohn berichtet, dass klassische Zinsanlagen eher für konservative Anleger wieder in Mode gekommen seien. "Da gibt es lukrativere Geldanlage-Alternativen", äußert sich Eisele zu diesem Thema. Denn auch wenn klassische Geldanlagen wie eben das Sparbuch wieder Zinsen bringen, so würden diese Zinssätze meist weit unter der Inflationsrate liegen und den Anlegern häufig einen realen Vermögensverlust bescheren. Eisele: "Für viele Menschen hat das klassische Sparbuch vielmehr einen gewissen emotionalen Wert."

Haben die gestiegenen Zinsen bisher zu mehr Kreditausfällen oder zu einer Änderung der Zahlungsmoral der Kunden geführt?

"Bei Kunden, die beispielsweise erst vor einem Jahr finanziert haben, nicht. Aber bei Neuanfragen merken wir etwas, weil die Kunden sich beispielsweise den ursprünglichen Finanzierungsumfang nicht mehr leisten können oder wollen", sagt der Regionalvorstand der Volksbank Calw. "Stand jetzt können wir nicht erkennen, dass sich die Anzahl der Kunden, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können, verändert hat", gibt Eisele an.

Sind die Nachfragen nach Baukrediten zurückgegangen?

Rapp: "Ja, das ist spürbar. Und die Kunden, die nachfragen, können wie gesagt nicht immer alles finanzieren". Eisele habe ebenfalls eine Veränderung bei der Nachfrage feststellen können: "Baukosten, Materialengpässe und das steigende Zinsniveau erschweren aktuell eine nachhaltige Kostenkalkulation. Deshalb beobachten wir seit einiger Zeit, dass die Nachfrage nach Finanzierungen zurückgegangen ist". Bauvorhaben oder Renovierungen in der Region würden teilweise zurückgestellt werden.

Ist der klassische Bausparvertrag wieder ein empfehlenswerter Finanzierungsbaustein?

"Durch die gestiegenen Bauzinsen erlebt das Bausparen seit dem vergangenen Jahr tatsächlich ein Revival", weiß Eisele zu berichten. Wer erst in den nächsten Jahren ein Haus bauen oder eine Wohnung kaufen wolle, der könne sich mit einem Bausparvertrag ebenso niedrige Zinsen für die Zukunft sichern wie jemand, der bereits eine Immobilie besitzt und in einigen Jahren beispielsweise eine energetische Sanierung plant. Auch Rapp hält den Bausparvertrag für einen sinnvollen Finanzierungsbaustein: "Vor allem Darlehensverträge, die während der Niedrigzinsphase abgeschlossen wurden, können jetzt vor den höheren Zinsen abgesichert werden. Zudem können Sie Bauvorhaben oder Modernisierungsmaßnahmen, die erst in beispielsweise zehn Jahren erfolgen, mit Bausparverträgen absichern", sagt er. "Wir hatten 2022 unser bestes Bauspar-Jahr seit langem". Um den Traum der eigenen vier Wände realisieren zu können, würde das Thema Eigenkapital immer wichtiger werden, so Mohn. Der Bausparvertrag sei im vergangenen Jahr wieder richtig "in Mode" gekommen. Mohn: "Er eignet sich hervorragend zum Ansparen von Eigenkapital und vor allem zur Sicherung von noch sehr attraktiven Finanzierungszinsen".

Gibt es einen generellen Tipp, den man Sparern in diesen Tagen geben kann?

"In erster Linie Streuung der Anlageformen, nicht nur auf ein Pferd setzen", sagt der Regionalvorstand der Volksbank Calw. "Und vor allem raten wir von Panikverkäufen bei Wertpapieren ab." Eisele hebt hervor, dass hierbei eine Form der Geldanlage gefragt sei, die eine hohe Produktqualität, Flexibilität, Verlässlichkeit, Transparenz und Nachhaltigkeit in sich vereint. Regelmäßiges Wertpapiersparen, beispielsweise mit Investmentfonds, biete hier eine komfortable Lösung. "Sparer sollten dennoch weiterhin ihre Geldanlagen breit streuen, das heißt sowohl auf klassische Zinsanlagen sowie Bankanleihen setzen und aber auch verschiedene weitere Anlagen wie breit gestreute Investmentfonds beimischen", empfiehlt Mohn von der Raiffeisenbank im Kreis Calw. So könne man höhere Renditechancen nutzen und einen Inflationsausgleich erzielen.

Lohnen sich alternative Anlagemöglichkeiten wie zum Beispiel Lego?

Ja, richtig gelesen. Wissenschaftler der Hochschule für Wirtschaft in Moskau haben die finanziellen Renditen von alternativen Anlagemöglichkeiten wie LEGO-Sets untersucht - mit dem überraschenden Ergebnis, dass die LEGO-Sets teilweise sogar höhere Renditen einbringen, als herkömmliche Anlageformen wie Gold, Aktien oder Anleihen. "Eine Anlage in alternative Anlagen kann sehr attraktiv sein, allerdings benötigt man hier sehr viel Expertise, Lagerplatz, Zeit und auch ein bisschen Glück, aufs Richtige gesetzt zu haben", so Mohn zu diesem Thema. Eisele bezeichnet das Ganze eher als "Liebhaberei". Als Kreditinstitut könnten sie keine seriöse Aussage dazu treffen, ob sich Lego auch als Geldanlage eignet, so der Finanzexperte. Rapp sieht das entspannt: "Das kann jeder für sich entscheiden, vor allem wenn man für eine dieser Anlagemöglichkeiten affin ist", sagt er.