Leute behaupten, man dürfe nicht mehr sagen, was man denkt. Das Gegenteil ist der Fall. Wir reden viel Zeugs, das nie hätte gesagt werden müssen – verschärft in der Politik.
Wenn die Menschen vor sich geschrieben sähen, was sie den lieben langen Tag daherreden, würden sie vor Scham erblassen. Dieser kluge Satz, den ich vor einiger Zeit las, gab mir zu denken. Sieht man davon ab, dass Scham ein seltenes Gut geworden ist, steckt viel Wahrheit drin. Seither nehme ich mir immer wieder mal vor, wenig zu reden, am besten gar nicht. Doch das Schweigen ist selten von Dauer. Davon abgesehen, dass Menschen unterschiedlich temperiert sind, hat das Plaudern und Schwatzen Gründe, die aus grauer Vorzeit herrühren. Schließlich versichern sich auch Tiere durch Lautbildung gegenseitig, dass sie nicht allein sind. So wäre es im menschlichen Umgang mitunter hilfreich, anstatt zu quasseln lediglich ein wenig zu brummen, zu brabbeln oder zu grunzen. Wer erinnert sich nicht mit Schrecken jener verwandtschaftlichen Kaffeerunden oder alkoholseligen Vereinsfeste, wo jeder redet, aber keiner zuhört – und alle einander ins Wort fallen.
Sprache verändert sich. Mein Vater – ich darf nochmals die Ich-Perspektive einnehmen – fluchte gotteslästerlich, wann immer er zuhause tapezierte, Kabelschlitze in die Wand schlug oder Böden verlegte. Unvergessen bleibt eine Episode, die hier nur in Stichworten angedeutet werden soll: Christbaum, Christbaumständer, Beil, Hand, Verband. Heute sind solche in Flüche gekleidete Leidensbekundungen fast vergessen. Was auch als Zeichen der Säkularisierung zu verstehen ist. Wo kein Gott mehr ist, macht Gotteslästerung keinen Sinn. An deren Stelle sind Obszönitäten von A. bis W. getreten, die angesichts allgemeiner körperlicher Entblößungsfreude auch nicht mehr recht ziehen.
Die rechtsautoritäre Welle hat die Sprache in Politik und Medien verändert. Sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen sinnierte in jener flüchtlingsbewegten Zeit, in der die AfD in die Parlamente einzog, ob man nicht „wieder härter diskutieren“ müsse. Er hatte schon lichtvollere Ideen. „Merkel muss weg“, „die Ampel muss weg“ – dass jemand einfach so „weg muss“, ist eine Formulierung, die in ruhigeren Zeiten das Niveau einer Fußball-Kreisklasse-C-Konversation gehabt hatte. An Nazi-Ideologie knüpfen diejenigen an, die ständig das Wort „Remigration“ plärren. „Merkel muss weg“ grölten auch jene, die auf ihren Demos handliche Mini-Galgen herumführten. Als Bundesverkehrsminister redete Alexander Dobrindt (CSU, heute Bundesinnenminister) von „Ausländermaut“ – ein Appell an den nationalistischen inneren Schweinehund der Deutschen. Die Bundes-FDP organisierte den Austritt aus der Ampel als „D-Day“ mitsamt „offener Feldschlacht“. Die rhetorische Aufrüstung mündete in die Stunde Null. Ähnlich war es bereits 2002 Olaf Scholz ergangen, als sich der damalige SPD-Generalsekretär über den Ausbau der Kinderbetreuung mit den Worten freute, damit gewinne die SPD „die Lufthoheit über den Kinderbetten“. Das klang bedrohlich nach einem Stuka-Angriff aufs Kinderzimmer.
Beim Nachdenken über die Frage, weshalb Kanzler Friedrich Merz und seine rechtsbürgerlichen Weggefährten bei den Menschen wenig Sympathie finden, kommt ebenfalls recht schnell deren Sprachgebrauch in den Sinn. Nein, kein weiteres Wort an dieser Stelle zum „Stadtbild“. Der Methode, mit scheinbar unschuldigen Formulierungen bestimmte Assoziationen auszulösen, befleißigen sich ja sonst AfD-Leute. Typisch für Merz oder seinen Parteiadlatus Carsten Linnemann ist die Sprache des Dezisionismus: ein schneidiger Ton, der verspricht, Probleme auf die harte Tour zu lösen. Merz gab sich immer als das Gegenteil von Angela Merkel, deren windungsreiche Satzkaskaden zwar wenig Erkenntnisgewinn erzeugten, dafür aber das schöne Gefühl, dass alles gut werde. Merkel hatte immerhin die Bankenkrise, die Eurokrise, die Flüchtlingskrise und am Ende die Coronakrise am Hals – das war auch nicht wenig. Sprüche machen allein führt noch nicht zu guter Politik. Für Merz, der auf der Verliererstraße Fahrt gewinnt, ist diese Erkenntnis neu.
Wenn die Sonne untergeht
In der Landespolitik besetzt der FDP-Hoffnungsträger Hans-Ulrich Rülke die Rolle des rüstigen Musketiers, der mit der Feder am Hut und dem Degen in der Hand auf dem Wirtshaustisch tanzt. Er beruft sich auf das Widerstandsrecht gegen Bürokratie und redet von „demokratischer Notwehr“ gegen die „sektenhaften Radikalen in Brüssel“ – gemeint ist die „Blase“ um Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). Eine weitere wichtige Forderung Rülkes: die Aufhebung der Schonzeit für die sich im Land rasch vermehrenden Waschbären. Da liegt der Gedanke an den großen Sprachkritiker Karl Kraus nahe. Mit Blick auf die FDP lässt sich sagen: Wenn die Sonne untergeht, werfen auch kleine Parteien lange Schatten.