Eine echte Frohnatur: Reinhold Boschert denkt gerne an seine Karriere zurück. Foto: Privat

Was macht eigentlich ...: der ehemalige Weltklasse-Weitspringer aus Freudenstadt?

Sein Name dürfte nur noch wenigen ein Begriff sein. Doch mit Reinhold Boschert kommt ein Mann aus Freudenstadt, der eine Sternstunde der Leichtathletik im Wettkampf live miterlebt hat. Die Rede ist vom Weitsprung-Finale der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko City.

Als Deutscher Vizemeister des damals zweigeteilten Deutschland hatte sich Boschert in jenem Jahr für die Olympischen Spiele qualifiziert. Doch seine sportliche Geschichte beginnt lange vor diesen Olympischen Spielen.

Talent zeigt sich früh

Als neunjähriger Bub ging Boschert mit seinem drei Jahre älteren Bruder Heinz zum Sportplatz. Jener wollte für die Bundesjugendspiele noch ein wenig trainieren. Bei den kurzen Sprints und den Sprüngen zeigte sich aber, dass der kleine Reinhold fast schon gleich schnell war und auch ähnlich weite Sätze in die Weitsprunggrube brachte wie sein Bruder.

Es war auch die Zeit der großen deutschen Namen in der Leichtathletik. "Damals waren Athleten wie Armin Harry, Heinz Fütterer und Martin Lauer die Superstars ihrer Zeit und ich saugte alles, was mit Leichtathletik zu tun hatte, auf wie ein Schwamm. Jeder von uns Kindern wollte sein wie Armin Harry", beschreibt Reinhold Boschert den damaligen Heldenstatus des Olympiasiegers und seinerzeit schnellsten Mannes über 100 Meter. Boschert begann, sich das Weitspringen aus Lehrbüchern selbst beizubringen.

Erste Erfolge beim TSV

Den ersten großen Erfolg feierte der junge Mann im Trikot des TSV Freudenstadt bei den Württembergischen B-Jugend-Meisterschaften, heute die Altersklasse U16. Mit 6,63 Metern gewann er überlegen. Im ersten A-Jugend-Jahr wurde er zwar nur Dritter bei den "Württembergischen", stellte in jenem Jahr aber mit 7,29 Metern einen Württembergischen Jugendrekord auf. Im zweiten A-Jugendjahr musste Boschert verletzungsbedingt passen. Verletzungen waren sowieso ständiger Begleiter in seiner Karriere.

Großen Traum erfüllt

Zwei Jahre sollten folgen, in denen sich Boschert in der Welt der Springer einen Namen machte. Im Jahr 1968 platze endgültig der Knoten: Der Freudenstädter erfüllte sich mit der Qualifikation zu den Olympischen Spiele seinen größten Traum. In jenem Jahr wurde er auch Deutscher Meister der Junioren und Deutscher Vizemeister der Aktiven.

Um sich an die Höhe Mexiko Citys zu gewöhnen, organisierte der Deutsche Leichtathletikverband damals für die Nationalmannschaft ein Trainingslager im US-amerikanischen Flagstaff (Arizona). Dort bereiteten sich neben den Deutschen viele weitere Athleten auf die Spiele vor, Testwettkämpfe standen daher auf dem Programm. Bei einem dieser Tests sprang er mit neuem Deutschen Rekord von 8,01 Metern endgültig in Weitspringer-Weltklasse. Dieser Sprung aber sollte sein einziger über acht Meter bleiben.

Die Olympischen Spiele kamen für Boschert dann allerdings etwas zu früh. Mit gerade einmal 21 Lenzen und zuvor nur einem Einsatz im Nationaltrikot beherrschte ihn bei den Spielen große Nervosität. Boschert, der normalerweise kaum Fehlversuche produzierte, übertrat gleich beim ersten Sprung. Im zweiten Versuch gelangen ihm 7,79 Meter und damit auch die Endkampfqualifikation.

Sportgeschichte miterlebt

Dort allerdings sollte dann die Welt völlig auf den Kopf gestellt werden. Auch im Endkampf hatte Boschert den ersten Versuch übertreten. Direkt nach ihm war ein gewisser Bob Beamon aus den USA an der Reihe. Auch jener Beamon hatte in der Quali Probleme und sich nur mit Müh und Not im dritten Versuch die Finalteilnahme ersprungen. Als Boschert nach seinem "Ungültigen" zurücklief und auf Höhe des Absprungbrettes war, hob Beamon zu seinem Flug in die Geschichte ab. "Ich sah ihn abspringen und dachte nur für mich: ›Wow, wie der abhebt, der Kerl ist Wahnsinn‹", erinnert sich Boschert.

Halbstündige Ungewissheit

Ein Raunen ging durchs Stadion, Beamon war um ein Haar über die Sprunggrube hinausgesprungen, die elektro-optische Weitenmessung ging nur bis 8,50 Meter. "Keiner von uns Springern wusste so genau was los war, Beamon selbst, der in den US-Maßeinheiten Inch und Fuß rechnete, war natürlich noch ratloser. Als ich die anderen Favoriten mit ganz bedröppelten Blicken dasitzen und auf die Weite warten sah, wurde mir dann auch schnell klar, da ist was Großes passiert", so Boschert.

Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis die Weite mit einem herkömmlichen Maßband vermessen war, und der Weltrekord stand plötzlich bei 8,90 Meter, mehr als einen halben Meter weiter als noch vor Beamons Sprung. Das IOC berief diesen Moment später zu einem der drei größten olympischen Momente im Sport – und Reinhold Boschert aus Freudenstadt war hautnah dabei. Nach der ganzen Verzögerung ging der Wettkampf allerdings weiter. Boschert steigerte sich noch auf 7,89 Meter, belegte am Ende Platz zwölf im Olympischen Finale.

Ein Jahr später wurde Boschert auch erstmals Deutscher Meister bei den Aktiven mit einer Weite von 7,80 Metern. In diesem Wettkampf dominierte er derart, dass er mit jedem seiner fünf Sprünge gewonnen hätte. Zwar hatte der seit 1967 für die Stuttgarter Kickers startende Boschert sich auch 1969 für die Europameisterschaften qualifiziert, doch ein Boykott Westdeutschlands machte einen Start unmöglich.

Abruptes Karriereende

Eine langwierige Knieverletzung war es dann, die 1970 Boscherts viel zu frühes Karriereende einläutete. Laut der Ärzte war eine Knie-OP an der Patellarsehne unbedingt nötig. Allerdings kam er nach dieser OP sportlich nie mehr richtig in Tritt – so verschwand der Name Boschert aus den Ergebnislisten.

Der Freudenstädter blickt dennoch auf eine tolle Zeit zurück. "Aus den Lehrbüchern von Toni Nett brachte ich mir das Springen bei, ganz ohne Trainer. Mein Mathelehrer Lukas Kempter fragte mich einmal im Unterricht, was ich da so eifrig arbeite? Ich war ehrlich und sagte ihm, ich schreibe gerade meinen Trainingsplan. In der Turn- und Festhalle trainierte ich im Winter. Zwei alte Kanonenöfen gab es und ich teilte mir die Halle mit den Handballern vom TSV, bei denen ich auch öfter mitgespielt hatte. Allerdings war ich ein schlechter Verlierer und entschied mich letztenendes fürs Springen", sagt er.

Neue Heimat gefunden

Heute lebt der 73-jährige Reinhold Boschert in Kornwestheim, gar nicht weit weg vom Stadion des Traditionsvereins Salamander Kornwestheim. Sportlich konnte Boschert nach seiner Karriere aufgrund einer chronischen Krankheit nicht mehr allzu viel machen, aber bis heute hält sich der ehemalige 8-Meter-Springer mit Radfahren und Wandern fit.

Auch zu den Wegbegleitern aus seiner aktiven Zeit hat der frühere Vermessungsingenieur bis heute Kontakt. In regelmäßigen Abständen treffen sich die ehemaligen Athleten der Stuttgarter Kickers für gemeinsame Unternehmungen, dabei auch klangvolle Namen wie die zweimalige Olympia-Starterin Karin Reichert-Frisch oder Hans-Jürgen Felsen. Zuletzt organisierte Boschert eine Wanderung für die sportlichen Senioren in seiner alten Heimat im Schwarzwald.

Pionierarbeit geleistet

Boschert ist ein echter Pionier seiner Sportart. Ein Autodidakt – und genau das macht seine Leistung noch beeindruckender: Allein über Selbststudien und ganz ohne Trainer auf ein solches Niveau zu kommen, zeugt von echtem Ausnahmetalent. Auf die Frage heutiger Sportler, ob seine damaligen Leistungen auch alle sauber waren, antwortet Boschert schmunzelnd: "Hätte ich damals nur ein Mal in der Woche die Physiotherapie gehabt, wie heutige Springer meiner Klasse, wäre das Doping genug gewesen."

Reinhold Boschert, bis heute eine Frohnatur und Zeuge eines der größten sportlichen Momente des modernen Sports. Bereits jetzt freut sich der Rentner auf die Zeit nach den momentanen Ausgangsbeschränkungen – dann ist nämlich wieder ein Ausflug nach Freudenstadt geplant.

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