Karin Leins (links) und Lisa Federle haben sich vor etwa zehn Jahren kennengelernt. Foto: Ines Rudel

Die Tübinger Notärztin Lisa Federle steht kurz vor ihrer Brustkrebsoperation. Den Anruf von Karin Leins, die Hilfe braucht, nimmt sie dennoch an. Wie daraus eine Freundschaft wurde.

Beide haben Berufe, bei denen sie verschwiegen sein müssen. Die Tübingerin Lisa Federle ist Notärztin. Bekannt wurde sie durch ihre Tübinger Coronateststrategie. Ihre Freundin Karin Leins berät unter anderem Frauen in Schwangerschaftskonflikten. Miteinander aber können sie reden. Wie ihre Freundschaft anfing, als es beiden richtig schlecht ging, erzählen sie hier. Und auch, was sie tun, wenn sie mal nicht gemeinsam die Welt in ihrem Verein „Bewegt euch“ besser machen wollen.

 

Frau Federle, Frau Leins, so schnell hat bisher keine Verabredung geklappt. Sehen Sie sich so oft?

Federle: Wir waren jetzt aktuell gerade fünf Tage zusammen in Berlin. Karin hat mich zur Premiere meines neuen Buches, das ich mit Boris Palmer geschrieben habe, begleitet. Da konnten wir dann gleich den Termin ausmachen.

Leins: Eigentlich hat die Lisa so gut wie nie Zeit. Und ich eigentlich genauso.

Umso erstaunlicher.

Federle: Ich glaube, wir sind einfach unkompliziert. Beide.

Leins: Und wenn die eine reden will, ist die andere sofort zur Stelle.

Federle: Egal wie.

Wie sind Sie sich überhaupt zum ersten Mal begegnet?

Federle: Die Initiative ging von dir aus. Vielleicht erzählst besser du.

Leins: Ich war auf der Suche nach einer Ärztin für eine schwangere Frau, die sich in einer sehr komplizierten Lebenssituation befunden hat, aber zu Ärzten kein Vertrauen hatte und Hilfe brauchte. Allen anderen Ärzten war es zu kompliziert. Immer hieß es: „Geht nicht!“. Bei Lisa war schon der erste Halbsatz klasse. Sie hat gesagt: „Sie soll vorbeikommen!“ Ich fand das großartig. Der Kontakt zu Lisa war kurz und intensiv. Dann war er aber auch erst mal vorbei. Aber wir haben uns gegenseitig für das interessiert, was die andere macht. Deshalb haben wir uns verabredet. Das ist jetzt schon über zehn Jahre her.

Frau Federle, warum haben Sie nicht gezögert zu helfen?

Federle: Ich konnte die Frau verstehen, da ich selbst mit 17 schwanger war. Wenn Menschen in Not sind, kann ich schwer nein sagen.

Leins: Als unsere Freundschaft gerade begann, ging es mir irgendwann selbst schlecht. Ich war nicht mehr in der Lage, zum Hausarzt zu gehen. Bei keiner Praxis bekam ich Hilfe. Da hatte meine Schwester die Idee, ich könnte doch Lisa anrufen. Obwohl sie selber gerade medizinisch versorgt wurde, ging sie an ihr Telefon und hat beim DRK Hilfe organisiert. Da dachte ich, das werde ich ihr nie vergessen.

Federle: Das war morgens, kurz bevor ich zu meiner Brustkrebsoperation in den OP geschoben wurde. Sonst hätte ich schon selber nach ihr geschaut.

Eine Ausnahmesituation für beide . . .

Federle: Ich weiß auch nicht, aber ich hatte immer das Gefühl, nichts ist schlimmer, als wenn jemand verzweifelt ist, und er bekommt keine Hilfe.

Leins: Zum Dank habe ich sie zum Essen eingeladen. Und das war so ein schöner Abend, und von da an trafen wir uns immer wieder. Dann kam Corona, da hat jeder mit angepackt. Da hatten wir dann viel miteinander zu tun. Da war ich mal bei Minusgraden beim Testen vor dem Rathaus dabei. Eigentlich wollte ich einkaufen, und Lisa hat gesagt, sie bräuchte dringend noch Hilfe.

Federle: Und du bist einfach eingesprungen.

Verbindet Sie, dass Sie gleich ticken?

Federle: Das ist ein Punkt von ganz, ganz vielen. Mir ist wichtig, dass wir uns austauschen können und unsere Seelen ähnlich sind, wir uns auf einer Ebene treffen, wo die andere sofort weiß, was das Gegenüber meint. Ohne immer erklären zu müssen. Wir wissen voneinander sofort, was die andere spürt und was sie braucht. Wir sind auch tolerant einander gegenüber.

Leins: Aber wir sind schon auch ehrlich.

Ich unterstelle mal, sie hatte beide keine Leerstelle, die zu füllen war.

Federle: Beide gar nicht.

Leins: Wir haben ja beide langjährige Freundinnen. Aber wir sind nicht teenagermäßig eifersüchtig, wenn die andere keine Zeit hat. Diese Freundschaft hat was wirklich Freies.

Wie oft sehen Sie sich denn?

Federle: Mal ganz intensiv und mal wieder weniger.

Leins: Was uns noch eint, ist, dass wir beruflich beide verschwiegen sein müssen. Deshalb tut es manchmal gut, sich auszutauschen und zu wissen, es bleibt bei der anderen.

Federle: Manche Sachen überschneiden sich auch. Ich habe zum Beispiel relativ viel mit Prostituierten in meinem Beruf zu tun. Das ist dann schon interessant, wenn wir über solche sozialen Themen diskutieren können. Wir haben auch öfters über soziale Themen im neuen Buch diskutiert.

Leins: Und dann haben wir ja viel im Verein „Bewegt euch“ zusammen gemacht. Am Anfang war es gar nicht so einfach, die ganzen Strukturen für einen Verein aufzubauen. In den ersten zwei Jahren gab es deshalb sehr hohen Gesprächsbedarf.

Federle: Bis wir uns mit dem ganzen Bürokratismus vertraut gemacht und klare Richtlinien entworfen haben. Immerhin haben wir es geschafft, weit über 1000 Kindern zu helfen und an die 400 000 Euro Spenden einzusammeln.

Schließt man mit 50 anders Freundschaft als mit sieben in der Schule? Ist man da anspruchsvoller?

Federle: Der Unterschied ist, dass meine Freundin, die ich seit dem siebten Lebensjahr habe, meine ganze Kindheit kennt. Wir waren Nachbarskinder, hatten einen ähnlichen Lebensweg mit unseren Kindern, kommen beide aus sehr christlichen Elternhäusern. Da verbindet die ganze Vergangenheit, auch wenn man sich natürlich unterschiedlich entwickelt. Trotzdem ist die Freundschaft stabil geblieben. So eine Vertrautheit herzustellen, dauert viele Jahre. Wenn man älter ist, setzt man bei Freundschaften andere Prioritäten.

Leins: Es gibt Zeitzeuginnen, die einen begleiten und die man fast kritiklos übernimmt. Man pflegt diese Beziehung, obwohl man sich unterschiedlich entwickelt und sich sonst aus den Augen verlieren würde. Ab Mitte 40 gibt es das Phänomen, jedenfalls nehme ich das so wahr, dass man bei anderen Teile der Persönlichkeit spannend findet, und anderes kann man ausblenden. Und dann gibt es eine Art Herzensmensch, bei dem die Teile nicht mehr interessant sind. Da überwiegt die Grundhaltung, dass man mit diesem Menschen befreundet sein will. Das gibt es selten. Vielleicht, weil man da gar keinen Blick für hat, weil man mit den bestehenden Beziehungen beschäftigt ist.

Federle: Früher habe ich vielleicht auch mal eher eine oberflächliche Beziehung gepflegt. Das mache ich jetzt gar nicht mehr. Die Zeit habe ich nicht mehr. Durch meine Präsenz in der Öffentlichkeit erlebe ich viel Small Talk. Unterm Strich ziehe ich einen Abend mit einer engen Freundin dem aber vor und setze klare Prioritäten.

Wie viel enge Freunde kann man überhaupt haben?

Federle: Ich würde es nicht schaffen, mich mit fünf Freundinnen und Freunden jede Woche zu treffen. Es gibt Phasen, da haben wir einen Monat oder länger keinen Kontakt. Ganz enge Freunde kann man an zwei Händen abzählen. Allerdings ist die Kategorisierung schwierig, und ich mag die Unterscheidung nicht so gerne.

Leins: Enge Freunde sind die, die wissen, wie es mir geht, wie ich lebe und was mich beschäftigt.

Kennen sich diese Freunde gegenseitig oder steht jeder für eine andere Welt?

Federle: Ich habe ganz verschiedene Welten. Die kennen sich teilweise überhaupt nicht. Zu einer Freundschaft gehört für mich auch, dass der andere andere Sachen im Fokus hat als ich. Ich könnte mir nicht vorstellen, ausschließlich mit Ärzten befreundet zu sein.

Leins: Bei mir ist mein Geburtstag der Tag, an dem alle zusammenkommen. Daher kennen sie sich.

Es verbindet Sie viel Fachliches. Gibt es auch etwas absolut Zweckfreies?

Federle: Ja, natürlich. Wir waren zum Beispiel in Berlin stundenlang Shoppen und Kaffeetrinken

Leins: Bummeln, Tratschen, die Leute beobachten.

Haben Sie gemeinsame Pläne, wenn Sie beide im Ruhestand sind?

Federle: Wir wollen öfter mal zusammen wegfahren und gemeinsam die Freizeit genießen.

Leins: Aber man muss auch das Hier und Jetzt gut gestalten.

Federle: In unserem Alter ist es Glück, wenn du sagen kannst, du lebst den Moment, genießt den auch und bist dankbar für das, was du hast. Übrigens auch für Freundschaften. Ich könnte mir nie vorstellen, mein Leben ohne Freundinnen und Freunde zu leben.

Zur Person

Sozialpädagogin
Karin Leins (63) arbeitet beim Landkreis Tübingen in der Abteilung Gesundheit. Dort ist die Sozialpädagogin unter anderem in der Schwangerschaftsberatung tätig.

Notärztin
Lisa Federle (63) hat nach Schulabbruch und Familienphase erst mit 25 Jahren Abitur am Abendgymnasium gemacht und danach Medizin studiert. Sie ist leitenden Notärztin und Pandemiebeauftragte des Landkreises Tübingen. Zusammen mit Karin Leins und anderen hat sie den Verein „Bewegt Euch“ gegründet.