Die Mitglieder des Mädchenbeirats, die entscheiden, welche Projekte Filia fördert Foto: Filia

Vor 20 Jahren gründete Ise Bosch, Enkelin von Robert Bosch, eine feministische Stiftung. Im Gespräch erklären sie und Beiratsmitglied Vani Veyel, wie man Mädchen stärktund warum Vermögen verpflichtet.

Stuttgart/Mannheim - Workshop zum bewussten Umgang mit Tiktok, Selbstverteidigungskurs in einer Moschee oder ein Covid-19-Notfallprogramm für die Betroffenen von häuslicher Gewalt: Seit 20 Jahren fördert die Frauenstiftung Filia Projekte von Frauen für Frauen. Mitgründerin Ise Bosch und Beiratsmitglied Vani Veyel erklären, was feministisches Stiften bedeutet, warum Diskriminierung auf Toiletten anfängt und wie ein DJane-Workshop Mädchen fördert.

 

Frau Bosch, Sie unterstützen seit den 90er Jahren nachhaltige Projekte mit Ihrem Geld – gibt es Ihrer Meinung nach eine Pflicht oder zumindest Verantwortung vermögender Menschen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben?

Bosch: Ja, so eine Verantwortung gibt es. Unser Grundgesetz sagt es in Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Es ist in meinen Augen aber nicht nur die Verantwortung, irgendetwas irgendwohin zurückzugeben. Durch diese Weitergabe sollte die Demokratie unterstützt werden. Demokratien ziehen ihre Legitimation aus einer gewissen sozialen Durchlässigkeit und vertragen deshalb sehr große Vermögensunterschiede nur schlecht.

Gab es für Sie einen Auslöser, sich zu engagieren?

Bosch: Es war eine Mischung aus geerbtem Vermögen, einer soliden lesbisch-feministischen Politisierung und etlichen Vorbildern in der Familie.

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Ihr Großvater verfügte per Testament die Gründung der Robert-Bosch-Stiftung. Spielte diese Tradition also eine Rolle?

Bosch: Das Engagement an sich ist in der Familie selbstverständlich. Für diese Selbstverständlichkeit bin ich sehr dankbar. Allerdings definiert jede Generation ihre Herangehensweise neu.

Sie haben mit Filia vor 20 Jahren zusammen mit anderen Frauen eine feministische Stiftung gegründet. Warum?

Bosch: In den USA gab es damals schon 100 Frauenstiftungen. Das hat uns inspiriert. Deutschland hatte damals keine einzige Stiftung mit starker Expertise zu diesen Themen.

Was bedeutet feministisches Stiften? Welche Vorbilder hatten Sie dafür?

Bosch: Wir haben uns mit Filia sofort dem Internationalen Netzwerk von Frauenstiftungen angeschlossen. Dort wurde feministisches Stiften als Marke entwickelt: basisnah, basierend auf vertrauensvollen Beziehungen, unter Mitsprache der Geförderten, an Lebensrealitäten orientiert, aber mit politischem Bezug. Wer als weiblich gelesen wird, ist strukturell benachteiligt, nach wie vor. Gezielt bessere Zugangschancen zu geben liegt da sehr nahe. Allerdings sind hierzu nicht nur Frauen aufgerufen, sondern natürlich alle Vermögenden.

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Vani Veyel, Sie sind Mitglied im Mädchenbeirat von Filia, der die Projekte auswählt, die gefördert werden. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Veyel: Jeder in Deutschland eingetragene Verein kann sich bei Filia mit einem Projekt für Mädchen und junge Frauen bewerben. Wichtig ist, dass diejenigen, an die sich die Projekte wenden, in mehrfacher Hinsicht benachteiligt sind. Der Verein, der den Antrag stellt, sollte mit den Werten und Normen, die Filia vertritt, übereinstimmen. Wir achten beispielsweise darauf, wie divers ein Team aufgestellt ist oder wo der Verein sonst Gelder herbekommt. Wenn es möglich ist, versuchen wir auch, bewusst Projekte in ländlichen Gegenden zu fördern, denn oftmals kommen die Anträge aus großen Städten.

Filia fördert unter anderem Projekte, die gegen die Tabuisierung der Menstruation in Polen kämpfen, Begegnungscafés für geflüchtete Frauen und Migrantinnen anbieten oder Selbstverteidigungskurse in einer Moschee. Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Veyel: Zum Beispiel ein Projekt aus München. Eine Gruppe von lesbischen afrikanischen Frauen hat ein eigenes Theaterstück geschrieben und gespielt, in das ihre traumatischen und schmerzhaften Erfahrungen eingeflossen sind. In Leipzig wurde 2018 ein „DJ*innen Workshop“ für Mädchen, junge Frauen und Transgender angeboten, von einer bekannten DJane aus der Clubszene. Im Rahmen einer Party gab es auch Selbstverteidigungskurse. Das Projekt fand ich auch besonders gut.

Bosch: Mir ist das große Filia-Projekt „Masakhane“ besonders nah, das Lesben, bisexuelle und Transfrauen im südlichen Afrika stärkt. Filia hat dabei durchexerziert, wie deutsche öffentliche Entwicklungsgelder für gesellschaftliche Randgruppen vor Ort fruchtbar gemacht werden können.

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Vani Veyel, die Mitglieder des Mädchenbeirats verbindet, dass sie alle selbst diskriminiert wurden, etwa weil sie Migrationsgeschichte haben, Transgender sind oder eine Behinderung haben. Warum wurden Sie diskriminiert?

Veyel: Durch meine Sexualität, die nicht hetero ist, und mein Queersein bin ich schon immer angeeckt. Ich passe nicht in eine Gesellschaft, in der heterosexuelle Menschen die Norm sind. Ich bin als Frau geboren, aber habe mich noch nie wirklich wohl mit meinem biologischen Geschlecht gefühlt und beschreibe mich heute als genderqueer, also keinem der Geschlechter zugehörig. Ich möchte deshalb auch nicht mit Frau oder Mann angesprochen werden.

Wie genau sieht die Diskriminierung aus?

Veyel: Mein Erscheinungsbild ist sehr maskulin. Bei jedem Gang auf eine öffentliche Toilette erlebe ich Widerstand. Ich werde immer gefragt, ob ich denn wüsste, dass es die Damentoilette ist, oder ich werde direkt angebrüllt, dass ich rausgehen soll. Manchmal werde ich auch gar nicht erst auf die Toilette gelassen. Ich setze mich dafür ein, dass diese Ungerechtigkeiten und Anfeindungen irgendwann ein Ende nehmen – und dass es bis dahin gute Angebote für Menschen gibt, die diese Erfahrungen machen müssen.

Wer sind die anderen im Beirat?

Veyel: Wir sind eine wild gemischte Gruppe aus elf Personen zwischen 14 und 26 Jahren, manche gehen noch zur Schule, andere studieren. Ich komme mit Mannheim aus der südlichsten Stadt, und Kiel ist der nördlichste Heimatort. So bringt jede Person auch andere Perspektiven mit. Nicht nur unsere Wohnorte unterscheiden sich, sondern auch die soziale und gesellschaftliche Herkunft , die Religionen und kulturellen Wurzeln. In keinem anderen Gremium, Verein oder Gruppe habe ich mich so willkommen und wohl gefühlt wie im Beirat. Das ist wie eine Blase, in der es friedlich, respektvoll und liebevoll zugeht – ganz anders als der eigentliche Alltag von vielen von uns.

Was ziehen Sie für sich aus der Stiftung ?

Veyel: Dass meine Stimme gehört wird und ich mit meiner Arbeit das Leben für andere zumindest ein klein wenig besser machen kann. Dieser partizipative Ansatz durch den Beirat macht Filia meiner Meinung nach zu einer besonderen Stiftung.

Bosch: Ich lerne besonders vom Mädchenbeirat: Frau kann Änderungen einfordern! Auch wenn sie jung ist und per se nicht in einer machtvollen Position. Unser Mädchenbeirat sagte nach einigen Jahren Arbeit: „Jetzt zeigt uns mal eure Statuten. Kuckt, da ist ja ein Stiftungsrat, da wollen wir hinein. Und, übrigens, in Zukunft wollen wir alle Regelwerke mitschreiben.“ Das lief dann auch so. Mir zeigt das: Hierarchien können und sollten angefragt werden. Gerade heute, wo sich so viel so schnell ändert.

Die Gesprächspartnerinnen und die Stiftung

Ise Bosch,
 geboren 1964 in Stuttgart, ist die Enkelin des Firmengründers Robert Bosch. Sie studierte Jazz im Fach E-Bass und war als Musikerin im Bereich Jazz und Weltmusik tätig. Seit den 90er Jahren spendet und stiftet sie gezielt in den Bereichen Menschenrechte, Frauen und sexuelle Minderheiten. Neben Filia gründete sie mit anderen Frauen auch das Erbinnennetzwerk Pecunia und schrieb den Ratgeber „Besser spenden“ .

Vani Veyel
kommt aus Mannheim und studiert derzeit Soziale Arbeit. Seit der Jugendzeit engagiert Veyel (20) sich in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Hilfe für Menschen mit Behinderung. Vani Veyel ist Mitglied im Mädchenbeirat von Filia, der entscheidet, welche Projekte Filia jährlich finanziell fördert. Veyel wurde als Frau geboren, möchte aber heute keinem Geschlecht klar zugeordnet werden.

Filia
ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Hamburg mit aktuell etwa 16 Millionen Stiftungskapital. Sie finanziert sich über Spenden von Frauen für Frauen, wobei die von Ise Bosch gegründete Dreilinden-Gesellschaft eine der Hauptspenderinnen ist. 2020 förderte Filia 65 Projekte für benachteiligte Mädchen und Frauen in 21 Ländern. Im Laufe der Jahre profitierten auch viele Projekte im Südwesten von den Geldern.