Regelmäßig gehen Johannes Renk (links) und Max Mutzke zusammen auf Motorradtour, zuletzt an der Côte d’Azur. Foto:  

Die Alkoholsucht der Mutter, die Behinderung der Tochter – der Musiker Max Mutzke und sein langjähriger Freund Johannes Renk erzählen sich, was sie umtreibt.

Sie kommen aus dem Schwarzwald und sind schon lange dicke Freunde: Johannes Renk (44), der gestrauchelten Jugendlichen hilft, und der Musiker Max Mutzke (44). Beim Gespräch über ihre Freundschaft sitzen sie auf einem Balkon, dahinter das Meer und die Côte d’Azur.

 

Herr Mutze, Herr Renk, Sie sind gerade zu zweit auf einer längeren Motorradtour in Südfrankreich – da kann man sich schnell auf die Nerven gehen, oder?

Mutzke: Nein, wir machen das zweimal im Jahr und fiebern richtig darauf hin. Das ist für uns eine Auszeit, die akribisch vorbereitet wird. Wir schicken uns Wochen vorher Packlisten, schreiben: Hast du Öl eingepackt, Taschenlampe, Schlafsack . . .? Für uns ist das ein Abenteuer. Während der Fahrt haben wir ein Mikro im Helm, da können wir einfach miteinander quatschen.

Renk: Für uns ist das eine Gelegenheit, stundenlang miteinander zu reden, sich gegenseitig auf Stand zu bringen und Sachen zu diskutieren, die man sich nicht erzählt, wenn man kurz einen Kaffee trinkt.

Worüber haben Sie gestern geredet?

Mutzke: Ich lebe in einer Patchwork-Situation, und das ist etwas, das kündigt sich ja an. Auch all die Ängste, die ich anfangs hatte. Darüber haben wir gestern noch einmal lange geredet. Veränderung ist immer schwierig, das kann wahnsinnig wehtun. Johannes ist schon sehr lange in einer Beziehung und hat drei tolle Kinder. Darüber redet man natürlich: Wie läuft es bei dir, wie fühlt sich das an? Und dann geht man ganz tief rein.

Braucht eine gute Freundschaft ein gemeinsames Hobby?

Renk: Nein, das hat sich so ergeben. Wir wären auch gute Freunde, wenn ich nicht Motorrad fahren würde. Wobei der Max die Eigenschaft hat, Sachen, die er gut findet, anderen schmackhaft zu machen. Brainwash ist das! (lacht)

Mutzke: Wir haben viele gemeinsame Leidenschaften. Essen zum Beispiel. Gestern sind wir angekommen und haben in dem kleinen Küstenort hier eingekauft und ganz toll gekocht. So eine richtige Männerplatte, alles, worauf wir Bock hatten. Und da war halt auch viel Fleisch dabei. (lacht)

Was verbindet Sie beide außerdem?

Mutzke: Wir sind politisch interessiert, sind informiert und können uns darüber austauschen. Warum würden jetzt 25 Prozent die AfD wählen? So etwas diskutieren wir. Sehr oft sind wir einer Meinung, das bestärkt mich. Wir haben außerdem Kinder in einem ähnlichen Alter, eine große Familie, wir wohnen auf dem Land. Wir sind im Schwarzwald aufgewachsen und haben jeweils ein eigenes Haus. Das bringt Verpflichtungen mit sich. Darüber reden wir auch: Wir müssen das Dach machen. – Machst du es selber? – Ja, wir reißen noch den Boden raus. – Wir müssen noch Rasen mähen. Wir haben viele ähnliche Themen im Alltag.

Wann und wie haben Sie einander kennengelernt?

Mutzke: Das weiß man von Freunden oft ja gar nicht mehr so genau, aber wir wissen es in dem Fall beide noch, oder?

Renk: Ja. Wir waren 18 und hatten einen gemeinsamen Freund, den habe ich an diesem einen Tag vor der Schule an einer Kreuzung getroffen. Ich bin über die Straße gelaufen, und der Freund hat aus dem Auto gerufen: Hey, Johannes! Max saß am Steuer und hat mich im Spaß halb umgefahren. Ich bin albern auf die Motorhaube gesprungen. Das war ein Moment, in dem wir beide gedacht haben: Ah, der ist ja witzig.

Mutzke: Ich bin dann ausgestiegen, und der Kumpel hat mir Johannes vorgestellt. Man muss dazu sagen, Johannes ist zwei Meter groß und war damals sehr dünn und schlaksig. Er hat gleich richtig rumgespackt, und das fand ich unglaublich sympathisch. Das wirkte so uneitel. Jeder will sich doch sonst von der besten Seite zeigen, gerade in dem Alter will man cool sein, zieht vor anderen den Bauch ein. Kenne ich auch von mir. Aber Johannes war ganz anders. Das habe ich geliebt. Ich dachte: Ich will mit dem befreundet sein. Und es kam dann so. Schon am nächsten Tag haben wir zusammen die Schule geschwänzt.

Das klingt fast wie Liebe auf den ersten Blick.

Mutzke: Ich finde, das trifft es total gut. Ich hoffe, dass jeder das mal erleben darf, in der Liebe oder bei einer Freundschaft. Das ist ein Privileg, zu lieben und geliebt zu werden. Das finde ich einen krass magischen Moment. Und bei Johannes war es genau so.

Das Motorradfahren hat Max Mutzke (links) Johannes Renk schmackhaft gemacht. Foto: privat

Wie ging es dann weiter?

Renk: Ich war fasziniert von der Welt, aus der Max kam. Die war total verrückt. Als ich das erste Mal mit seiner Familie zu Mittag gegessen habe, saßen alle um einen riesigen Tisch, die Eltern, die Haushälterin, viele Geschwister, und jeder hatte Freunde da. Das kannte ich gar nicht. Bei mir waren das Mama, Papa und Schwester. Während des Essens hat Max vor der versammelten Runde zu mir gesagt: Wie jetzt, dir schmeckt’s nicht? Ich find’s krass, du bist jetzt das erste Mal hier, mein Vater macht sich so eine Mühe! – Ich bin im Boden versunken, aber der Vater hat schon gegrinst, er kannte das. Ich habe oft bei Max übernachtet und morgens sind wir zusammen in die Schule gefahren. Es war ein Paralleluniversum, in das ich tief eingetaucht bin.

Mutzke: Ich hatte mit Johannes jemanden, der Bock hatte, Quatsch mitzumachen. Wir wuchsen in einem großen Haus auf, mit Proberaum, Werkstatt und einer Riesengarage. Da gab es einen Unimog, Motorräder, Mofas und Autos, die kein Nummernschild hatten, mit denen sind wir über die Felder geheizt. Uns wurde nie langweilig.

Mit dem Ende der Schulzeit verändert sich manche Freundschaft. Wie ging Ihr Weg weiter?

Renk: Ich habe Sozialpädagogik studiert, heute leite ich im Jugendmaßnahmevollzug eine Gruppe mit acht Jugendlichen, die zum Teil Intensivstraftäter sind und resozialisiert werden sollen.

Mutzke: Johannes hat einen krassen Beruf, und er ist genau der Richtige an der Stelle. Wenn Johannes da ist, gibt es selten Eskalationen. Das fand ich immer toll. Johannes ist durch seine Größe und seine Präsenz beeindruckend, aber diese Fähigkeit kommt auch aus seiner Familie. Das sind alles Pädagogen. Sein Vater ist jemand, über den alle sagen: Mensch, der Herr Renk war der beste Lehrer! Das fand ich inspirierend und dachte darüber nach, nach der Schule auch etwas in der Richtung zu studieren.

Es kam anders, und Sie wurden als Musiker prominent. Hat das die Freundschaft verändert?

Mutzke: Ich finde nicht, aber das musst du sagen, Johannes.

Renk: Nein, eigentlich hat der Erfolg von Max keinen Unterschied gemacht. Natürlich hat sich die Freundschaft über all die Jahre verändert, man sieht sich nicht mehr so häufig. Aber ich habe mich auch wahnsinnig gefreut und war richtig stolz, als Max so bekannt und beruflich erfolgreich wurde. Max hat sich durch seine Prominenz charakterlich nicht verändert.

Und da gibt es keinen Neid?

Renk: Nein, überhaupt nicht. Meine eigenen Talente liegen nicht in einem Bereich, mit dem ich in der Öffentlichkeit Geld verdienen könnte. Und ich glaube, das macht eine Freundschaft ganz maßgeblich aus, dass man gönnt, sich aus vollem Herzen mitfreut. Außerdem ist Max eine Person, die gerne teilt, er hat mich mitgenommen hinter die Kulissen, auf Tour oder mit zu Stefan Raab.

Mutzke: Johannes kennt mich immer schon in der Rolle eines sehr extrovertierten Musikers. Früher in der Kneipe des Nachbarorts, später halt bei großen Konzerten in Berlin. Ich komme aus einem Haushalt, in dem Musik und Kunst einen hohen Stellenwert hatten, alle haben Musik gemacht. Meine Mutter war Schauspielerin, mein Vater hatte eine eigene Band. Ich war für alle immer Max, der Musiker oder der Klassenclown, der dauernd Musik macht. Auf jeden Fall jemand, der sich in den Mittelpunkt gedrängt hat.

Erdet es, einen Freund zu haben, der gar nichts mit dem Musikzirkus zu tun hat?

Mutzke: Ja. Diese Erdung ist auch der Hauptgrund, warum ich immer im Schwarzwald geblieben bin. Alle Menschen, die dort leben, haben nichts mit meinem Beruf zu tun. Die Musikwelt ist eine Blase. Wenn ich zu Hause durchs Dorf laufe, sprechen mich die Leute auch an, aber die fragen mich, ob sie den Hänger leihen können oder ob ich ein Geländer schweißen kann. Mir war es sehr wichtig, dass meine Kinder diese Welt auf dem Land kennenlernen, dass sie sich damit identifizieren können.

Wie leben Sie Ihre Freundschaft heute?

Renk: Wir haben uns lange regelmäßig gesehen, immer dienstags. Dabei haben wir unsere Treppenbilder gemacht: Wir bauten eine Kamera vor einer Treppe bei mir im Haus auf und stellten uns davor. Wir haben schnell irgendwas Lustiges angezogen oder Grimassen gemacht. Oft war die ganze Familie mit drauf. Manchmal hatten wir gerade jeweils ein Kind bekommen. Dann nahmen wir die auf den Schoß. Da sieht man auf den Bildern auch, wie sie größer werden. Das ist rührend zu sehen, wie aus Säuglingen Kleinkinder werden. Es war ein schönes Ritual. Ich habe Max eine große Collage aus diesen Dienstagsbildern geschenkt.

Mutzke: Jetzt ist es weniger geworden. Wir haben auch kein festes Ritual mehr, meist sehen wir uns alle paar Wochen. Wir treffen uns nicht zufällig im Alltag, wir wohnen so 25 Minuten Autofahrt voneinander entfernt.

Renk: Oft ist es spontan. Max sagt: Ich habe heute Abend Zeit. – Ich auch, heute Abend ist easy. – Ich komm vorbei. Dann machen wir es uns schön. Wir kochen oder gehen in die Sauna oder ins Schwimmbad.

Sie sehen sich also nicht mehr mit der ganzen Familie?

Mutzke: Doch, der Johannes hat eine Sommerküche mit einem Pizzaofen. Wenn wir mit der ganzen Bagage anrücken, sind das 15 Leute. Wir backen den ganzen Tag Pizza, die Kinder spielen. Das gibt es zweimal im Jahr.

Freundschaften sind auch in Krisen wichtig. Wie haben Sie das erlebt?

Mutzke: Johannes erzähle ich alles, ihm kann ich mich öffnen. Er hat manchmal auch keine Antwort, dann geht es nur ums Zuhören, wir nehmen das Thema richtig auseinander. So war das beispielsweise mit der Alkoholsucht und dem Tod meiner Mutter. Johannes kannte meine Mutter noch lange. Sie war unglaublich lustig und aufgedreht, ein wunderbarer Mensch. Sie hat einfach Spaß gemacht, war eine Entertainerin. Und als ich in der Trennungsphase war, eine neue Frau kennengelernt habe, als meine Ex-Frau jemand Neues kennengelernt hat, haben wir darüber gesprochen, wie einem das wehtut und welche Ängste man hat. Da geht es dann ans Eingemachte.

Renk: Das finde ich einzigartig mit Max: Voreinander keine Geheimnisse zu haben. Wenn man sich wirklich alles erzählen kann, ohne Angst zu haben, dass das offenbart wird oder nicht akzeptiert und verurteilt. Das war für mich eine Riesenstütze. Unsere mittlere Tochter hat das Downsyndrom, und das war auch eine Phase in meinem Leben, in der erst einmal eine Welt zusammengebrochen ist. Max war der Erste, den ich angerufen habe. Wir haben zusammen geheult – und dann haben wir wieder das Positive gesehen. Max ist heute der Patenonkel dieser Tochter.

Heimatverbunden

Max Mutzke,
 Jahrgang 1981, wächst mit fünf Geschwistern in Waldshut-Tiengen auf. Die Mutter ist Schauspielerin, der Vater Gynäkologe. 2004 wird er durch eine Casting-Show von Stefan Raab bekannt und fährt als deutscher Teilnehmer zum Eurovision Song Contest, wo er achter wird. Seither hat er mehrere Alben veröffentlicht. In seiner Autobiografie „So viel mehr“ (Fischer, 2024) erzählt er unter anderem vom Tod seiner Mutter, die an ihrer Alkoholsucht starb. Mutzke ist Vater von vier Kindern und lebt wieder im Schwarzwald.

Johannes Renk,
 Jahrgang 1981, stammt ebenfalls aus dem Schwarzwald, wo er auch mit seinen drei Kindern lebt. Er studierte Sozialpädagogik und arbeitet in einem Schweizer Jugendheim, in dem jungen Menschen, die Schwierigkeiten haben oder straffällig geworden sind, geholfen wird.