Stefan Nikolaus verewigt seine Heimatgeschichte. Er teilt sein Wissen seit 19 Jahren ehrenamtlich. Warum das in Zeiten von KI besonders wichtig ist.
In den Lockdown-Phasen der Corona-Pandemie ist sie für viele Menschen ständiger Begleiter: die Langeweile. Wie nur soll man die Zeit mit sich selbst herumbringen? Manche backen in der Zeit Bananenbrot, andere nehmen ein gutes Buch in die Hand. Stefan Nikolaus hingegen reist in die alte Heimat zurück – zumindest digital.
Nikolaus lebt 2020 bereits lange bei Karlsruhe, entscheidet sich aber eines Tages, im Wikipedia-Artikel zu seiner Heimatstadt Donaueschingen zu stöbern. Dabei stößt er auf eine Erwähnung, die ihn ein wenig stutzig macht.
„Beim Lesen ist mir ein Halbsatz aufgefallen, in dem der Stadtbrand erwähnt wird, aber ohne genauere Informationen.“ Einen eigenen Artikel zum verheerenden Brand von 1908 gibt es in der größten Online-Enzyklopädie der Welt zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Verheerender Brand
Nikolaus Interesse ist geweckt. In der Folge liest sich der heute 53-Jährige in das Thema ein, organisiert mehrere Bücher dazu und tut das, was er bereits seit 2007 leidenschaftlich tut: Er schreibt einen Wikipedia-Artikel. Ungewöhnlich ist dabei für ihn eigentlich nur das Thema. Über seine alte Heimat schreibt er bis dahin eigentlich nie. Was ihn einst zur Wikipedia getrieben hat, das waren seine Hobbys. „Ich hatte damals einen Artikel über die Galaxie Centaurus A gesehen und dachte mir: Der ist aber kurz.“
Der nächste Gedanke: Mit seinem Wissen kann er den Artikel gut auffüllen. Gesagt, getan. Und so wurde eine Leidenschaft geboren. Astronomie, Raumfahrt und Biologie sind die Steckenpferde von Stefan Nikolaus. „Lexika haben mich schon immer interessiert. Mich fasziniert das Konzept, wie man Menschen möglichst kompakt Wissen weitergeben kann.“
Am Eintrag zum Donaueschinger Stadtbrand von 1908 arbeitet der 53-Jährige einen Monat. Das Ergebnis ist heute für alle sichtbar. Heute ist der Stadtbrand mit einem ausführlichen Artikel, detaillierter Chronologie der Ereignisse, Bildern, Statistiken und Übersichtskarten auf Wikipedia verewigt. Die Arbeit daran hat für ihn einen Aspekt ganz besonders hervorgehoben, der für ihn sein nun bereits 19 Jahre andauerndes Engagement als Autor bei Wikipedia auszeichnet. Er schreibt nicht nur das, was er ohnehin schon weiß. Nikolaus recherchiert zusätzlich und erweitert sein eigenes Wissen. „Ich lerne beim Erstellen von einem Artikel selbst nochmal unheimlich viel.“
Ein Autodidakt
Heute widmet er sich etwa alle sechs Monate einem neuen Thema. Dann kniet er sich über einen gewissen Zeitraum richtig rein, recherchiert und schreibt neben der Arbeit am Abend und an den Wochenenden.
25 Jahre alt geworden ist die Wikipedia im Januar 2026. Die Online-Enzyklopädie basiert auf hunderttausenden ehrenamtlichen Schreibern – Wikipedianern, wie sie sich selbst nennen. Wie Stefan Nikolaus erweitern sie die Datenbank, aktualisieren Artikel und prüfen sie auf Fehler.
Das Engagement hat sich im Laufe der Jahre allerdings gewandelt, sagt Stefan Nikolaus. Es sei schwierig geworden, Nachfolger zu finden, die Artikel schreiben. Neue Themen sprießen ebenso nicht aus dem Boden.
Wikipedia-Stammtische
Viele Basisthemen hätten nun schon ihre Artikel. „Wir bemerken ein bisschen, dass nicht mehr viele Junge nachkommen“, sagt auch Michael Karolzak. Er ist Mitorganisator der Wikipedia-Stammtische in Lörrach und Freiburg und Vorstandsmitglied der Wikimedia in Österreich. Im Großraum Freiburg schätzt er die Zahl der Wikipedianer, die regelmäßig schreiben, auf etwa 15 Menschen. Es sei allerdings schwer feststellbar, weil das Engagement rein freiwillig ist und man sich dafür nur bei Wikipedia anmelden muss.
„Bedarf haben wir aber immer noch. Es kommt Neues dazu“, so Karolzak. Diesen Bedarf gebe es nicht nur in Nischen, wie bei Stefan Nikolaus und der Astronomie. Auch Ortsartikel, die zwar bereits ausführlich angelegt sind, werden stellenweise länger nicht aktualisiert.
Ersetzt KI die Autoren?
Wer Fragen hat und diese online beantwortet haben möchte, den führt der Weg aber nicht mehr zwingend zur Wikipedia. Laut des Online-Trackers Similarweb lag die Plattform weltweit im Januar 2026 zwar auf Platz acht der meistgeklickten Webseiten. Knapp davor rangiert allerdings ChatGPT auf Platz fünf.
Dass Künstliche Intelligenz eine menschenbetriebene Plattform wie die Wikipedia überflüssig machen könnte, sieht Karolzak nicht. „Die KI arbeitet zum großen Teil mit Zeitungsartikeln und Wikipedia als Quellen. Wir sind auch da die Grundlage des Wissens.“
Trotzdem sind KI-basierte Chatbots oder Wikipedia-Klone wie Elon Musks Grokipedia ein Problem, sagt Michael Karolzak. „Wenn wir nicht mehr sichtbar sind, nimmt keiner den Bedarf an Spenden wahr, die wir brauchen, um Wikipedia weiter betreiben zu können.“ Wenn dann jeder kurz mit der ChatGPT-App spricht oder die Antwort der Google-KI nimmt, verdrängt es die Arbeit der Wikipedia-Engagierten in den Hintergrund. „Verschwunden sind wir nicht, nur versteckt.“
Mensch als Faktenchecker
Für die Wikipedianer selbst stehen wichtige Grundsatzentscheidungen im Umgang mit KI an, sagt Stefan Nikolaus. Die deutschsprachige Wikipedia lehnt komplett KI-generierte Artikel ab. Mit Blick auf Dinge wie Musks Grokipedia unterstützt Nikolaus diesen Schritt: „Da hat man als Mensch kaum noch Einfluss. Man kann auch nicht einschätzen, wie die Voreingenommenheit der KI ist, wenn sie Artikel schreibt.“ Auch die Fehleranfälligkeit der KI ist für Michael Karolzak ein großes Problem. Der Mensch sei weiter der zuverlässige Faktenchecker. Bei der Recherche für Artikel könnten ChatGPT und Co. allerdings helfen, sagt der Donaueschinger Stefan Nikolaus. Aber egal, wie die Plattform künftig damit umgeht. Für ihn ist klar: „Es muss verantwortungsvoll geschehen“.
25 Jahre online
Am 16. Januar 2001
startet die heute größte Wissensdatenbank des Internets offiziell. Etwa zwei Monate später ging dann auch die deutsche Variante der Wikipedia an den Start. Fast 3,1 Millionen Artikel wurden seitdem auf der deutschen Variante der Plattform geschrieben. Übertroffen wird der deutschsprachige Raum damit nur von der englischsprachigen Wikipedia mit etwa 7,1 Millionen Artikeln. Gepflegt wird die Online-Enzyklopädie hauptsächlich von hunderttausenden ehrenamtlichen Schreibern.