Wo hakt es politisch bei der Öko-Stromgewinnung? Jörg Bold von der Bürgerenergiegenossenschaft Ettenheim bezieht im Interview Stellung.
Ein Sonntagnachmittag: Der Autor ist mit seiner Frau auf dem Fahrrad unterwegs in Richtung Rhein. Strammer Gegenwind bläst ihnen entgegen. Beim Blick zurück Richtung Schwarzwald zeigt sich: Die Windräder stehen still, trotz Wind – nicht zum ersten Mal.
Herr Bold, ist etwas an den Windrädern kaputt?
(Bold lacht) Nein, es ist nichts kaputt. Bisweilen müssen die Windräder gewartet werden und dabei abgeschaltet werden. Aber am Sonntagnachmittag ist das eher unwahrscheinlich.
Und woran liegt es dann?
In dem von Ihnen genannten Fall liegt die Ursache für den Stillstand eher darin, dass hinter dieser Abschaltung ein „Herunterregeln“ der Stromerzeugung steckt.
Herunterregeln? Was hat der Laie darunter zu verstehen?
Dass eben die Stromproduktion von Windrädern heruntergefahren, sogar abgeschaltet wird. Nehmen wir Ihr angesprochenes Beispiel. Sonntag, Wochenenden überhaupt: deutlich weniger Strombedarf. Und wenn dann durch Sonne (bei Solaranlagen) oder Wind viel Strom produziert wird, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, dann werden diese Stromquellen halt abgeschaltet. In solch einer Situation müssten die Stromanbieter sogar noch Geld bezahlen, dass ihnen jemand den Strom abnimmt.
Kann man den Anteil des durch Wind und Sonne erzeugten Stroms, der auf diese Weise „verschenkt“ wird, also ungenutzt bleibt, hochrechnen?
Ja, auf das ganze Jahr und ganz Deutschland gerechnet, sind es etwa vier Prozent der Strommengen, die aus Sonne und Wind erzeugt werden. Das ist zwar nicht riesig, aber ärgerlich. Weil es uns in Deutschland nicht gelingt, den Strom zu nutzen, wenn er anfällt – oder ihn zu speichern. Aber statt in die weitere Entwicklung von leistungsfähigen Batterie-Speichern zu investieren (die Speicher-Entwicklung geht unglaublich schnell voran), legt die aktuelle Regierung ihren Schwerpunkt auf den Bau von Gaskraftwerken, die hoch subventioniert werden müssen.
Wer die regelmäßig Verlautbarungen Ihrer Energiegenossenschaft liest, findet da einen weiteren Wegweiser in Richtung sinnvoller Energienutzung aus Solar- und Windkraft. Flexibilisierung heißt das Zauberwort. Was hat man darunter zu verstehen?
Das bedeutet, dass wir als Stromnutzer flexibler sein sollten, was beispielsweise das Laden unseres E-Autos an der eigenen Wallbox oder an den öffentlichen Ladesäulen betrifft. Dies eben nicht in Zeiten zu tun, in denen der Strombedarf flächendeckend hoch und der Strom entsprechend teuer ist, sondern dann, wenn der Strom deutlich preisgünstiger ist. Das derzeitige Tankverhalten der Besitzer von Verbrennerautos beweist ja deutlich, dass die Menschen auf den Preis achten. Um es an einem konkreten Beispiel deutlich zu machen: Könnte ein E-Auto mittags bei entsprechendem Wetter für zehn Cents pro Kilowattstunde geladen werden, entstehen zwei Euro Kosten für hundert Kilometer Autofahrt – statt rund zwölf Euro bei einem Verbrenner. Diejenigen, die bereits eine Solaranlage auf dem Dach haben und den Strom zum Tanken nutzen, sind bereits in dieser komfortablen Situation.
Eine Menge Idealvorstellungen… Wie versuchen Sie, die Politiker von diesen plausibel erscheinenden Lösungsansätzen zu überzeugen?
Obwohl es einen breiten Konsens gibt, dass Speicher und Flexibilisierung die entscheidenden nächsten Schritte sind, spiegelt sich das leider nicht in den Gesetzentwürfen wider, die aus dem Wirtschaftsministerium vorgelegt wurden. Der Fokus liegt vielmehr zu stark auf dem Ausbau von Gaskraftwerken und der Reduzierung des Ausbaus von Solar- und Windenergie. Es macht aber wenig Sinn, mittags günstigen Wind- und Solarstrom abzuregeln, um wenige Stunden später ein hochsubventioniertes Gaskraftwerk anlaufen zu lassen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, den vorhandenen erneuerbaren Strom besser direkt zu nutzen oder zu speichern.
Und wie zuversichtlich sind Sie? Haben Sie eine Vision, bis wann ich mit meiner Frau im Gegenwind Richtung Rhein radle und sich, beim Zurückblicken auf die Schwarzwaldvorberge, dann tatsächlich die Windräder drehen?
(Bold lacht) Meine Vision wäre, dass Ihre Frau dann sagt: „Klaus, wir müssen schnell zurück nach Hause, um sehr günstig unser Auto mit sauberem Strom zu laden, damit die Windenergieanlagen wieder angeschaltet werden können.“
Hintergrund
Die Ettenheimer Bürgerenergiegenossenschaft wurde 2011 gegründet. Derzeit hat sie 380 Mitglieder. Davon wohnt der überwiegende Teil in Ettenheim. Der Vorstand besteht aus Jörg Bold, Christian Ringwald und Armin Geppert. Die Bürgerenergiegenossenschaft ist beteiligt an dem aus sieben Windenergieanlagen bestehenden Bürgerwindpark Südliche Ortenau und Eigentümer einer Windenergieanlage beim Windpark Schnürbuck, der aus drei Anlagen besteht. Beide Windparks liefern im Jahr mehr als 70 Millionen Kilowattstunden Strom. Zusätzlich betreibt die Genossenschaft mehr als zwölf Photovoltaikanlagen in Ettenheim.