Im Kräuterkasten ist Jürgen Scheff (links) Kurator der vor- und frühgeschichtlichen Sammlung. Was mit den wertvollen Stücken im Depot passiert ist, lässt ihm aber den Atem stocken. Foto: Jannik Nölke

Seit vielen Jahren kuratiert Jürgen Scheff ehrenamtlich die vor- und frühgeschichtlichen Sammlungen im Ebinger Kräuterkasten – mit wachsendem Widerwillen: Er fühlt sich von der Stadt Albstadt im Stich gelassen, wie er auf Anfrage betont.

Albstadts Gemarkung ist kulturgesättigter Boden; es gibt keine Epoche zwischen der Altsteinzeit und dem Frühmittelalter, die im Kräuterkasten nicht durch Exponate von hohem historischen Wert dokumentiert wäre.

 

Hinzu kommt ein Depot mit einer vierstelligen Zahl von Fundstücken – kein Eigentum der Stadt, sondern Leihgaben des Landes – ; das Spektrum erstreckt sich vom Faustkeil der Neandertaler bis zur alamannischen Bügelfibel.

Dieses Depot macht Jürgen Scheff derzeit die größten, wenn auch nicht die einzigen Sorgen. Bis zum Frühjahr 2023 war es im Dachgeschoss der Schlossbergrealschule untergebracht, doch dann legte der Stadtbrandmeister dagegen sein Veto ein, und das Depot wurde ausgeräumt und in Räume ausquartiert, welche die Stadt in einer Tailfinger Firma angemietet hatte – wohlgemerkt ohne dass das Landesdenkmalamt oder Scheff davon in Kenntnis gesetzt, geschweige denn an der Aktion beteiligt gewesen wären: Letzterer lag zu dieser Zeit im Krankenhaus.

Wertvolle Gegenstände stehen in Kartons herum

Also Tailfingen statt Ebingen, wo der Kräuterkasten steht – das hätte Scheff noch verschmerzen können. Viel misslicher war, dass er, der Kurator, danach monatelang keinen Zugang zu dem Depot hatte, dessen Schlüsselherr er zuvor gewesen war. Erst Anfang dieses Jahres erhielt er nach einem Gespräch mit Oberbürgermeister Roland Tralmer die Telefonnummer des Vermieters; wenn er jetzt in sein Depot möchte, muss er vorher einen Termin vereinbaren.

Das hat er seither zweimal getan – und war, gelinde ausgedrückt, konsterniert. Wie er feststellen musste, waren zwar die Regale aus der Schlossbergschule wieder aufgebaut, aber nicht eingeräumt worden: An die 60 Umzugskartons standen unausgepackt da, und beim Anblick von einigen davon stockte Scheff der Atem: Aus Scherben zusammengeklebte keltische Gefäße lagen nicht, wie es auch konservatorischen Gründen geboten gewesen wäre, waagrecht, sondern standen, desgleichen alamannische Langschwerter, rostzerfressen und entsprechend brüchig – die Kartons waren hochkant platziert worden, um Aufstellfläche zu sparen, wie er erfahren musste.

Einen Brandmelder gab es nicht, geschweige denn eine Alarmanlage – beim zweiten Ortstermin, den Scheff vor wenigen Wochen in Begleitung von Marc Heise von der Tübinger Dienststelle des Landesamts für Denkmalschutz absolvierte, stand stattdessen eine Tür offen. Theoretisch hätten Unbefugte ohne weiteres eintreten können.

Der Brandbrief ist schon unterwegs

Diese Missstände werden in einem Brief Heises zur Sprache kommen, der mittlerweile auf dem Weg nach Albstadt sein dürfte. Jürgen Scheff weiß allerdings noch weitere zu nennen, die den Kräuterkasten unmittelbar betreffen: fingerdicker Staub auf den Regalen, defekte Schrankschlösser, eine vier Jahrzehnte alte Toilette und Vitrinen, deren schwere Deckel der mittlerweile 71-jährige Scheff nicht mehr öffnen kann, weil der Glasheber, den es einst gab, spurlos verschwunden ist.

„Kein Geld“ – nicht mal 40 Euro

Die defekten Vitrinenleuchten wurden nach Scheffs Gespräch mit dem Oberbürgermeister erneuert; andere Wünsche werden von seinen Ansprechpartnern im Amt für Kultur und Tourismus regelmäßig mit einem achselzuckenden „Kein Geld!“ quittiert. Laut Scheff kostet ein Glasheber etwa 40 Euro.

Die Verantwortung für diese – so Scheff – „Verwahrlosung“ sieht er bei einer desinteressierten Amtsleitung. Langfristig fürchtet er um den Fortbestand der Albstädter Museumslandschaft in ihrer heutigen Gestalt: Kunstmuseum, Maschenmuseum, Philipp-Matthäus-Hahn-Museum und das Lautlinger Schloss seien wohl „gesetzt“ – aber um die Zukunft des Onstmettinger „Hauses der 1000 Waagen“, des Ebinger Heimatmuseums und des Kräuterkastens mit ihren bejahrten ehrenamtlichen Aktivisten ist ihm bange. Ihnen, argwöhnt er, fehlt eine stimmgewaltige Lobby im Rathaus.