Splish-splash – Berlin hat im Dauerregen besonders heftige Probleme. Foto: dpa

Schwimmen auf der Straße, tauchen im Gully und ein Schwimmbad statt ein Keller – in Berlin machen die Kanalisation, der Untergrund und der Klimawandel bei Regen besondere Probleme

Berlin - Schwimmen auf der Straße, Tauchen im Gully und ein Schwimmbad statt eines Keller – in Berlin machen die Kanalisation, der Untergrund und der Klimawandel bei Regen besondere Probleme. Wir erklären, warum.

Was ist los mit dem Berliner Untergrund?
Man muss leider sagen: Das Klischee vom Hauptstadtsumpf stimmt, zumindest in geologischer Hinsicht. Quer unter der Stadt läuft ein Urstromtal. Der Kurfürstendamm heißt nicht umsonst so – er wurde seinerseits aufgeschichtet, um auf diese Weise sicher in die Stadt zu kommen. Die Spree läuft drei Meter unter dem Straßenniveau, in dieser Tiefe beginnt auch das Grundwasser. Das alles zusammen macht Probleme – wovon jeder Bauherr ein Lied singen kann: Gebäude wie die Staatsoper wurden einstmals auf Pfählen errichtet, andere, zum Beispiel die Hochhäuser vom Potsdamer Platz, stehen in Wannen. Lang wurde der Spiegel künstlich gesenkt, dazu kamen Industriebetriebe, die Wasser verbrauchten. Die gibt es in der Dimension seit vielen Jahren nicht mehr, der Wasserverbrauch ist enorm gesunken, der Pegelstand steigt. „Wir sitzen auf einer Riesenwasserblase“, sagt auch Holger Becker vom Verband Deutscher Grundstücksnutzer. Hausbesitzer auf einer Linie quer durch die Stadt kennen das Problem vollgelaufener Keller, sobald es ordentlich regnet.
Warum drückt es bei jeder Gelegenheit Gullydeckel hoch?
Die Bundeshauptstadt hat ein Problem: Es war mit seiner Kanalisation mal ganz weit vorne. Als die Stadt im 19. Jahrhundert Reichshauptstadt wurde, wollte man nicht mehr länger mit ansehen, dass Abwasser und Fäkalien entlang des Rinnsteins in die Spree fließen. Der Mediziner Rudolf Virchow setzte sich für zwei Lösungen ein: Rund um die Stadt wurden Rieselfelder angelegt und in der Stadt wurde unter dem Stadtbaurat James Hobrecht eine damals hochmoderne Kanalisation gebaut. Das machte Berlin um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert zu einer der saubersten Städte Europas. Die damals moderne Technik der sogenannten Mischwasserkanalisation, in der Regen- und Abwasser zusammen aufgefangen werden, ist heute ein Nachteil. Sie macht fast 2000 der insgesamt 9710 Kilometer Kanalisation unter der Stadt aus, vor allem in der Mitte. Die Kapazität ist sehr begrenzt, weshalb die Rohre dann überlaufen.
Lässt sich das ändern?
Nein. „Wir müssten sonst jede Straße aufreißen, für das Geld könnte man locker 20 Flughäfen bauen“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Wasserbetriebe. Allerdings sollen außerhalb des Stadtgebiets in den kommenden sieben Jahren unterirdische Speicher für Regenwasser geschaffen werden, die die Massen langsam in die Kanalisation abgeben.
Welche Rolle spielt die Bebauung?
In Berlin werden nach Angaben des Ber­liner Naturschutzbunds in jedem Jahr 60 bis 70 Hektar Brachfläche neu bebaut und damit versiegelt – das sind etwa 100 Fußballfelder. Dort, wo der saugfähige Erdboden zu einer Betonfläche wird und wo Häuser entstehen, kann er kein Wasser mehr aufnehmen, sondern verdrängt es in die Kanalisation. Insgesamt sind in Berlin 32,8 Prozent der Fläche bereits versiegelt – in Mitte oder Kreuzberg liegt dieser Wert bei 68 beziehungsweise 62 Prozent. Eine Beschränkung des Flächenfraßes und bessere Gestaltung bei Neubauten könnten helfen.
Regnet es in Berlin denn besonders viel?
Normalerweise nicht. Besonders der Jahrhundertregen im Juni, bei dem die Stadt praktisch unter Wasser stand, war eine Ausnahme. Kurze Starkregen gab es in den vergangenen Jahren allerdings immer wieder. Die Gesamtmenge liegt normalerweise bei 580 Litern pro Jahr, in einzelnen Gebieten wurde dieser Wert aber schon jetzt erreicht.
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