Am Montag und Dienstag sollten Pendler lieber aufs Auto umsteigen. Foto: dpa

Wenn die Bahn nicht fährt: Worauf sich Fahrgäste in Stuttgart zwei Tage einstellen müssen.

Stuttgart - Die Zeichen stehen auf Streik. 7500 Beschäftigte im kommunalen Nahverkehr im Land schreiten im Tarifkonflikt zur Urabstimmung. Am Montag und Dienstag stehen die gelben Busse und Bahnen der Stuttgarter Straßenbahnen still. Womit muss gerechnet werden?

Das Cannstatter Volksfest wurde noch verschont, doch jetzt macht die Gewerkschaft Verdi im Nahverkehr ernst. Der Berufsverkehr steht am Montag vor einer Belastungsprobe, auch am Dienstag soll ganztägig gestreikt werden.

Welche Verkehrsmittel sind betroffen?

In der Landeshauptstadt bleiben 164 Stadtbahnen und 279 Linienbusse der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) in den Depots. Ausnahmen wird es wohl nicht geben: Bei einem ersten Warnstreik Anfang August verkündete Verdi "eine Beteiligung von 100 Prozent". Betroffen sind auch die Städtischen Verkehrsbetriebe Esslingen (SVE).

Fährt die S-Bahn auch nicht?

Doch. Die Bahn AG hat mit den Tarifauseinandersetzungen nichts zu tun. Deshalb werden die sechs S-Bahn-Linien in der Region am Montag und Dienstag voll gefüllt unterwegs sein. Auch die privaten Busunternehmen, die im Liniennetz des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) verkehren, sind auf ihren Kursen unterwegs. Erfahrene Busbenutzer wissen, zu welcher Uhrzeit auf ihrer Linie ein Privatunternehmen fährt. Für das breite Publikum ist dies freilich nicht zu empfehlen: Zu groß ist das Risiko, beim Umsteigen unterwegs dann doch nicht mehr weiterzukommen.

Welche Alternativen gibt es?

Mit dem Auto fahren, aber möglichst Fahrgemeinschaften bilden, auf die S-Bahn umsteigen. Alternativen sind auch das Fahrrad oder ein Taxi. Die Taxi-Zentrale erwartet erfahrungsgemäß eine verstärkte Nachfrage, mit "einem Fahrtenzuwachs, der uns guttut", wie es heißt.

Keine Ausrede für Schwänzen

Drohen Staus und ein Verkehrskollaps?

Die Erfahrung des Leiters der Integrierten Verkehrsleitzentrale lautet: "Meist kommt es nicht so schlimm wie erwartet, weil sich die Leute darauf einstellen", sagt Ralf Thomas. So sei es bei dem eintägigen Ausstand am 5. August gewesen. Allerdings war das in den Sommerferien, es war ein Freitag. "Da ist mancher eben zu Hause geblieben oder ist besonders früh losgefahren", so der Verkehrsexperte. Ironischerweise dürfte der Kfz-Verkehr an solchen Tagen besser durch die Stadt kommen, weil an den Ampelanlagen die Bevorrechtigung der Stadtbahn entfällt - es kommt ja keine. Allerdings wird das kompensiert von einem erhöhten Verkehrsaufkommen. "Ein oder zwei Tage kann man sich darauf einstellen", sagt Thomas, "über einen längeren Zeitraum würde das aber zu einem Problem."

Wie sicher ist diese Prognose?

"An einem Montag", schränkt Leitzentralenchef Thomas ein, "hatten wir das so noch nicht." Stau'n mer mal.

Was bedeutet der Warnstreik für die Schulen?

"Erfahrungsgemäß hat das immer ganz gut geklappt", sagt Fred Binder, Geschäftsführender Schulleiter der Realschulen in Stuttgart. Die Zahl der Elterntaxis und Fahrgemeinschaften habe sich an solchen Tagen erhöht. Ausreden fürs Schwänzen gibt es jedenfalls nicht: "Für den Schulweg sind die Eltern verantwortlich", stellt Binder klar. Nur wenn es keine andere Möglichkeit gebe, müssten die Eltern ihre Kinder wegen höherer Gewalt entschuldigen. "Berufstätige haben dann aber das Problem der Aufsichtspflicht zu Hause, und die Schüler müssen den versäumten Stoff nachholen." In vielen Fällen sei es auch mal zumutbar, zu Fuß zur Schule zu laufen. "Ich bin früher auch immer eine halbe Stunde unterwegs gewesen", erinnert Binder sich.

Sind auch Touristen betroffen?

Ja. Die Hop-on/Hop-off-Busse, die von Stuttgart Marketing und SSB eingesetzt werden, fallen aus. Ersatzweise gibt es an diesen beiden Tagen die Stadtrundfahrt "Stuttgart in 120 Minuten", die um 13.30 Uhr am i-Punkt/Schillerstraße startet.

Um was geht es im Tarifstreit?

"Die Neuen haben im Vergleich zu früher 30 Prozent weniger", sagt Verdi-Verhandler Rudolf Hausmann. Es bestehe Nachholbedarf: Im Manteltarif soll etwa das Weihnachtsgeld wieder 100 statt 82 Prozent betragen. Von 2012 an will man eigenständige Entgeltverhandlungen für Baden-Württemberg führen. Es geht um Schichtzeiten und Zuschläge. Ziel ist auch ein Bonus in der Altersvorsorge für Gewerkschaftsmitglieder. Die Verhandlungen scheiterten am 27. September in Runde vier. Der Kommunale Arbeitgeberverband des Landes lehnt Vorzüge für Gewerkschaftsmitglieder ab, verweist auf Zugeständnisse und den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. "Die Fahrer", so Geschäftsführer Andreas Stein, "stehen im Vergleich zu anderen Bundesländern und privaten Firmen sehr gut da."

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