Noch liegt vieles im Dunkeln, was die Vergangenheit bei HK betrifft. Aber das Unternehmen selbst lässt nachforschen. Foto: Von Dewitz

Wissensstand bislang noch überschaubar. "Wir wollen Licht ins Dunkel bringen."

War Edmund Heckler überzeugter Nazi? Historiker beleuchten derzeit die Firmen-Vergangenheit bei Heckler & Koch. Ihr Wissensstand ist noch überschaubar.

Oberndorf/Frankfurt - Es war kein einfacher September für das Traditionsunternehmen Heckler & Koch (HK). Der begehrte Großauftrag über 120.000 neue Sturmgewehre für die Bundeswehr schien verloren zu gehen - an die Konkurrenz in Thüringen. Dazu machte ein Bericht der "Bild am Sonntag" ("Bams") schon zuvor die Runde, der dunkle Details des Firmengründers Edmund Heckler ans Licht bringen sollte. Recherchen des Blatts belegten demnach, dass der gebürtige Tuttlinger in Nazi-Deutschland Karriere machte als Betriebsleiter bei der Hasag, einem der größten Rüstungsunternehmen in Zeiten des NS-Regimes. Zahlreiche KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene soll der HK-Mitbegründer für sich unter widerwärtigen Bedingungen schuften lassen haben.

"Wir wollen Licht ins Dunkel bringen"

Die Unternehmensleitung in Oberndorf (Kreis Rottweil) muss nun also abwarten, wie die Entscheidungsträger bei Bund und Bundeswehr in Sachen Großauftrag – diverse Vorwürfe gegen den Konkurrenten Haenel aus Thüringen führten derweil zu einem Vergabestopp des Auftrags – entscheiden werden. In Sachen Unternehmensgeschichte haben sich die Verantwortlichen im Schwarzwald jedoch dazu entschlossen, diese aufzuarbeiten oder vielmehr aufarbeiten zu lassen. "Es geht hier nicht darum, die Vorwürfe des ›Bild‹-Artikels zu widerlegen. Wir wollen vielmehr Licht ins Dunkel bringen, was unsere drei Unternehmensgründer (Edmund Heckler, Alex Seidel und Theodor Koch) betrifft sowie die ersten Jahre nach der HK-Gründung im Jahr 1949 genauer beleuchten", erklärt ein Sprecher von HK. Je nachdem, was über die Vergangenheit und die möglichen Verstrickungen der Gründer herauskommt, wolle man bei HK entsprechend darauf reagieren. "Wie genau das dann aussieht, können wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht sagen", stellt der Sprecher klar.

Dazu muss erst mal die von HK beauftragte Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) mit Sitz in Frankfurt ihre Recherchen zu einem Ergebnis bringen. Verantwortlich für diese Arbeit ist die Geschäftsführerin der GUG An­drea Schneider-Braunberger. Zusammen mit zwei weiteren Kollegen taucht die Historikerin schon seit Wochen ein in die damalige Zeit. Akten werden gesammelt und gesichtet.

Doch wie so oft kommt auch hier das Coronavirus in die Quere und behindert das dreiköpfige Team bei seiner Arbeit. "Viele Archive haben während der Pandemie geschlossen, einige angefragte und zugesicherte Dokumente sind noch nicht bei uns eingegangen", berichtet Schneider-Braunberger im Gespräch mit unserer Zeitung. Man hoffe, erklärt die Historikerin, dass man im Frühjahr mit der Auswertung des Materials beginnen kann.

So überrascht es nicht, dass der Wissensstand bislang noch überschaubar ist, was aber nach Einschätzung der GUG-Chefin sicher nicht so bleiben wird. Einmal sei sie schon in Oberndorf gewesen, um sich im dortigen Stadtarchiv umzuschauen, berichtet Schneider-Braunberger. Auch im Militärarchiv in Freiburg oder im Sigmaringer Landesarchiv wurde man bereits fündig. Die Spurensuche führt die Historiker sogar bis in die amerikanische Hauptstadt Washington. Von den Sammlungen in den National Archives erhofft sich die GUG weitere Aufschlüsse zu den Gründern und eventuell zur Unternehmensgeschichte von HK.

Die Spurensuche in der NS-Zeit ist für die Historiker eine besondere Herausforderung: Einerseits muss man sich durch teils belastendes und erschütterndes Material wühlen, zum anderen kommt es nicht selten vor, dass zahlreiche Spuren dem zerstörerischen Kriegstreiben zum Opfer fielen. Schneider-Braunberger jedoch ist optimistisch: "Es ist eben ein komplexes Puzzle, dass es nun gilt, wieder zusammenzustecken." Ähnliche historische Puzzles hat die GUG auch schon für den Sportartikelhersteller Adidas oder Bosch zusammengesetzt.

War Heckler also überzeugter Nazi?

Aber kann man nach jetzigem Kenntnisstand schon Genaueres etwa zu den drei Gründern berichten? Vor allem bei Theodor Koch und Alex Seidel hält sich die Historikerin in Frankfurt noch bedeckt. So ist zwar bekannt, dass sie als Ingenieur und Waffenkonstrukteur ihren Weg damals bei Mauser gingen, aber genauere Informationen lassen noch auf sich warten. Die Firma Mauser war damals der wohl bekannteste Waffenhersteller – ebenfalls in Oberndorf ansässig. Heute ist die "KRAUSE + MAUSER"-Gruppe" Spezialist für die Entwicklung und Herstellung von Werkzeugmaschinen und industriellen Anlagen, die vor allem von der Automobilindustrie eingesetzt werden. Vor Kurzem haben die Mauser-Werke in Oberndorf allerdings Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet.

Bei Edmund Heckler ist man schon etwas weiter. So geht aus Nachforschungen hervor, dass Heckler als Betriebsleiter der Hasag an den Standorten Berlin, Taucha und Altenburg tätig gewesen sein muss. Man befinde sich auch hier noch am Anfang der Recherche, jedoch müsse man schon davon ausgehen, dass Heckler darüber Bescheid wusste, wer denn in den Betriebshallen schuften musste, und unter welchen grausamen Bedingungen dies geschah, erklärt Schneider-Braunberger.

War Heckler also überzeugter Nazi? "Diese Frage können wir so noch nicht beantworten." Die genaue Einordnung der Fakten, könne ja erst erfolgen, wenn diese auch alle gesichtet wurden. Dazu gehören auch die Entnazifizierungsakten der Männer. In der Akte von Edmund Heckler, die unserer Zeitung vorliegt, ist aus dessen Angaben zu entnehmen, dass der HK-Gründer nie Mitglied der Waffen-SS oder der SA gewesen war. Die Mitgliedschaft der NSDAP kündigte Heckler im Jahr 1943 auf – so hat er es jedenfalls angegeben. Dazu soll es Hinweise geben, wonach Heckler nach einem Besuch in Auschwitz­ für sich entschieden haben könnte, das Treiben des Regimes so nicht mehr mittragen zu können. Inwieweit Edmund Heckler das NS-Regime mittrug und was alles in der Zeit des Schweigens nach Kriegsende bis zur Gründung von HK passierte, wollen die Historiker noch herausfinden und die gesammelten Ergebnisse möglicherweise in einem Buch niederschreiben. "Material wird es mit Sicherheit genug geben", sagt die GUG-Chefin.

Dann, so hoffen die Verantwortlichen bei HK im Schwarzwald, kann das Unternehmen seine inzwischen von der Homepage genommene doch eher löchrige Chronik mit den dazugewonnenen Erkenntnissen aus Frankfurt auffüllen und den Besuchern im Netz zur Verfügung stellen. Bis es so weit ist, bleiben die GUG und HK im Austausch; im Januar will Schneider-Braunberger dem Schwarzwald erneut einen Besuch abstatten, sollte es die Pandemie zulassen.