Viele erinnern sich gerne an ihre glückliche Kindheit und Jugend – aber Studien zeigen, dass wir in dieser Zeit nicht zufriedener sind. Wann und warum man besonders glücklich ist, erklärt die Forscherin Susanne Bücker.
Den größten Teil des Lebens steigt die Zufriedenheit der Menschen insgesamt an, auch wenn man etwa Glück nicht mehr so intensiv erlebt. Das hat die umfassende Studie eines Teams um die Forscherin Susanne Bücker ergeben. Hier erklärt sie, wann und warum man besonders glücklich ist.
Frau Bücker, welches Alter ist besser: 16 oder 60 Jahre?
Unseren Daten zufolge sind die Menschen um die 60 scheinbar zufriedener mit ihrem Leben, als sie das mit 16 sind.
Die jungen Jahre sind also nicht so gut?
Während der Pubertät sackt die Lebenszufriedenheit ab. Das liegt etwa an den Veränderungen des eigenen Körpers und des sozialen Lebens in dieser Zeit. Danach steigt die Zufriedenheit bis zum Alter von 70 Jahren wieder an. Wir erholen uns im Grunde genommen fast über den Rest der Lebensspanne von diesem Zufriedenheitsabfall in der Pubertät. Aber das sind immer Durchschnittswerte, die über einzelne Personen selten eine zuverlässige Aussage erlauben.
Warum sind Erwachsene zufriedener?
Im jungen und mittleren Erwachsenenalter stabilisiert sich etwa die finanzielle Situation der Menschen, das ist ein sehr großer Schutzfaktor gegen Unzufriedenheit. Und die eigene Identität entwickelt sich in dieser Lebensphase. Menschen lernen, wer sie eigentlich sein möchten. Sie ergreifen ihren ersten Beruf, entwickeln neue Interessen, führen eine romantische Paarbeziehung oder gründen eine Familie. All das sind häufig Erfahrungen, die einen zufriedener machen mit dem Leben. Das funktioniert aber auch andersherum: Wenn alle um mich herum ihr erstes Kind bekommen, ich aber noch Single bin, macht das eher unzufrieden. Aber das hängt immer davon ab, mit wem ich mich vergleiche.
Sie haben sich auch Gefühlszustände angeschaut – etwa positive wie Freude, negative wie Wut. In welchem Alter können wir die meiste Freude empfinden?
Mit etwa neun Jahren haben wir die am stärksten ausgeprägten positiven Gefühle. Dann flacht das linear über die gesamte Lebensspanne ab. Also das euphorische Erleben scheint in der Kindheit noch deutlich stärker zu sein. Möglicherweise liegt es auch daran, weil es gesellschaftlich so erwartet wird – übereuphorisch durchs Leben zu gehen wird bei Erwachsenen eher nicht als adäquat angesehen.
Wenn die positiven Gefühle weniger werden, heißt das, wir werden im Alter auch grantiger?
Die Verläufe von den positiven und den negativen Gefühlen sind nicht genau spiegelverkehrt. Es ist also nicht zwangsläufig so, dass, wenn ich viele positive Emotionen habe, ich gleichzeitig nicht etwa auch Wut und Ärger empfinde – das war überraschend. Die negativen Gefühle gehen in der Pubertät auf und ab, dann sinken sie ungefähr bis 60, aber steigen im höheren Alter wieder an: Die Gesundheit verschlechtert sich, Partner sterben, das sind tiefgreifende Veränderungen. Deswegen geht es ab 70 Jahren insgesamt mit der Lebenszufriedenheit häufig abwärts.
Die Glücksforscherin
Werdegang
Susanne Bücker forscht zu Lebenszufriedenheit, Einsamkeit und Persönlichkeit. Nach Stationen an der Ruhr-Uni Bochum und Sporthochschule Köln, wo sie die Studie zu Lebenszufriedenheit durchgeführt hat, ist sie seit Anfang Oktober Professorin für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Uni Witten/Herdecke.
Studie
Die von Bücker mit mehreren Kolleginnen und Kollegen durchgeführte Studie „The Development of Subjective Well-Being Across the Life Span“, also die Entwicklung des subjektiven Wohlbefindens über die Lebensspanne, basiert auf 443 Stichproben von Längsschnittstudien mit insgesamt 461 000 Teilnehmenden.