Wenn nur genau genug untersucht wird, dann finden sich bei jedem zweiten Erwachsenen auffällige Veränderungen der Schilddrüse. Doch Fachärzte warnen davor, vorschnell jeden Knoten und jede Fehlfunktion zu therapieren.
Gerade erst hatte sich bei Christine Klasen eine Patientin vorgestellt: Mitte 40, etwas beleibt, die von diffusen Symptomen berichtete. Sie sei oft müde, habe einige Kilos in kurzer Zeit zugenommen und fühle sich unwohl in ihrer Haut. Grund müsse sicher die Schilddrüse sein, meinte sie und bat um eine genauere Untersuchung. „Tatsächlich zeigten sich im Blut leicht erhöhte Werte des Schilddrüsenhormons“, sagt die Chefärztin der Endokrinologie und Diabetologie am Diakonie-Klinikum in Stuttgart. Doch diese erklären nicht die geschilderten Beschwerden und erfordern auch keine spezifische Therapie.
Die Schilddrüse, so erklärt es die Expertin, wird gern als Verursacherin vieler gesundheitlicher Probleme verantwortlich gemacht. Das liegt daran, dass das schmetterlingsförmige Organ essenziell für den menschlichen Organismus ist: „Die Hormone der Schilddrüse wirken überall im Körper – so steuern sie beispielsweise unseren Energiestoffwechsel, regulieren die Verdauung und die Körpertemperatur“, sagt Klasen.
Tipps für die Schilddrüse gibt es zuhauf im Internet
Kommt es zu einer funktionellen Störung – also bildet das Organ zu viele oder zu wenige Hormone –, kann es zu psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen kommen. „Aber diese sind bei weitem nicht so häufig, wie manche es vermuten“, sagt Klasen – oder wie das Internet suggeriert: Dort wird häufig nach dem Begriff „Schilddrüse“ gegoogelt. In den Sozialen Medien werden Ernährungstipps verteilt, wie sich die Schilddrüsenfunktion verbessern lasse. Ratgeber mit Titeln wie „Mach Deine Schilddrüse stark“ sind auf den Bestsellerlisten zu finden.
Endokrinologen beobachten diesen Trend mit gemischten Gefühlen. Es sei immer von Vorteil, wenn sich Patienten über ihren Körper informieren und ein Bewusstsein für gesundheitliche Probleme entwickeln, sagt Klasen. Gleichzeitig kommen viele Patienten mit einer Erwartungshaltung zur Ärzteschaft, wonach sie nur gründlich genug untersuchen müsse, um einem Schilddrüsenproblem auf die Schliche zu kommen. „Problematisch ist, dass sich die geschilderten Beschwerden durch eine Therapie mit Schilddrüsenhormonen eben nicht lösen, sondern sogar die Gefahr die besteht, eine andere Erkrankung zu übersehen“, sagt Klasen.
Fast jeder zweite Bundesbürger hat einen Knoten in der Schilddrüse
Inzwischen ist die medizinische Diagnostik technisch so weit fortgeschritten, dass sich mittels Ultraschall bei jedem zweiten Erwachsenen ein Knoten in der Schilddrüse finden lässt. Dies löst oft Ängste aus, an Krebs des Stoffwechselorgans zu leiden oder daran zu erkranken. Gleichzeitig entwickelt sich in Deutschland aber pro Jahr bei weniger als 10 000 Menschen Schilddrüsenkrebs. Dies zeigen die Daten des Robert Koch Instituts zur Häufigkeit von Schilddrüsenkarzinomen in Deutschland: Dort wurden in 25 Jahren 103 300 Fälle erfasst. Die daraus abgeleitete Krebsrate von Knoten der Schilddrüse liegt somit bei etwa einem Prozent.
Trotz der Faktenlage werden weitaus mehr operative Eingriffe an der Schilddrüse vorgenommen – nämlich pro Jahr rund 56 000 Operationen. So heißt es seitens der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Das entspricht etwa 70 Operationen pro 100 000 Einwohner. Im europäischen Durchschnitt liegen die Zahlen jedoch mit 47 Operationen pro 100 000 Einwohner deutlich niedriger.
Operationszahlen gehen im Südwesten zurück
Zwar sind die Zahlen im Südwesten in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen: So wurden im Jahr 2024 nach Datenlage der AOK Baden-Württemberg bislang 2064 Operationen bei gesetzlich Versicherten durchgeführt. Vor zehn Jahren waren es 1000 Operationen mehr. Dennoch sind hierzulande Experten überzeugt: Es wird weiterhin zu viel operiert, sagt Andreas Zielke, Chefarzt der Klinik für Endokrine Chirurgie am Diakonie-Klinikum Stuttgart.
Ende November wurde unter seiner Federführung der Fachkongress der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Endokrinologie abgehalten, bei dem mehr als 300 Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich sowie Übersee mehrheitlich zu dem Schluss gekommen sind, bei Eingriffen an der Schilddrüse zurückhaltender zu agieren. „Es hat sich erwiesen, dass die vorsorgliche Entfernung vieler Knoten überflüssig ist“, so Zielke, der anerkannter Chirurg des Referenzzentrums Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenchirurgie (DGAV) ist.
Viele Ärzte untersuchen die Schilddrüse zu oft mittels Ultraschall
Dass in Deutschland mehr an der Schilddrüse operiert wird als im Ausland, hat zwei Gründe: Zum einen untersuchen Ärzte den Hals öfter per Ultraschall, obwohl es dazu keinen Anlass gibt, so Zielke. Zudem sind die Bundesbürger einer Jodunterversorgung ausgesetzt. Fehlt es dem Körper an diesem Nährstoff, gelingt es der Schilddrüse nicht, genügend Hormone zu produzieren. Das Organ wächst, um mehr Jod aus dem Blut aufzunehmen. Es bilden sich Knoten.
Ob operiert werden muss oder nicht, sollte erst nach gründlicher Diagnostik entschieden werden. Im Diakonie-Klinikum ist man daher dazu übergegangen, die Fallberichte einzeln mit Kollegen verschiedener Fachrichtungen abzusprechen: Das ist zwar ein zeitlicher und personeller Aufwand, den sich bislang nur wenige Kliniken leisten. Er zahle sich aber für den Patienten aus, sagt Zielke: „Die Eingriffe können mit Komplikationen wie etwa der Schädigung des Stimmband-Nervs oder der Nebenschilddrüsen verbunden sein sowie eine lebenslange Einnahme von Medikamenten nach sich ziehen.“ Daher gilt es, unnötige Operationen zu vermeiden.
Für den Umgang mit Schilddrüsenpatienten gibt es neue Richtlinien
Ein ähnlich zurückhaltendes Vorgehen rät die Endokrinologin Klasen auch bei erhöhten Hormonwerten: Ein wichtiger Hinweis darauf, ob die Schilddrüse richtig funktioniere oder nicht, sei zwar der TSH-Wert im Blut. Er gibt Auskunft darüber, wie stark der Körper die Produktion von Schilddrüsenhormonen anregt. Dieser Wert kann altersbedingt schwanken. Auch Erkrankungen und Stress haben darauf Einfluss. Das berge die Gefahr, dass bei einmaligen Messungen viele Menschen zu Patienten gemacht werden, die es nicht sind.
Damit Allgemeinmediziner sicherer mit möglichen Schilddrüsenpatienten umgehen können, wurde die S2k-Leitlinie „Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis“ aktualisiert: So wird etwa kein routinemäßiges TSH-Screening bei Patienten empfohlen, die sonst keine Symptome haben. Auch sollte keine routinemäßige Sonografie bei erhöhtem TSH-Wert erfolgen. Stattdessen rät Klasen, den Hormonspiegel nach einem zeitlichen Abstand erneut zu messen. „In vielen Fällen ist der Wert wieder normal.“