Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer hat Stadtarchivar Nils Schulz in der Walther-Groz-Schule gefunden. Foto: Larissa Freudenberger

Geschichtsunterricht kann richtig spannend sein – anschaulicher als Stadtarchivar Nils Schulz ihn bei seinem jüngsten Besuch an der Walther-Groz-Schule machte, geht es nicht: Er zeigte Super-8-Filme aus dem Ebingen und Onstmettingen der Nazizeit.

Drei Filme zeigte Schulz den etwa 40 Schülern aus mehreren Klassen, einen von 1933, einen von 1935 und einen dritten von 1939. Die Streifen dokumentieren, wie das Regime im Lauf von sechs Jahren nach und nach den öffentlichen Raum okkupierte und sämtliche Lebensbereiche umgestaltete.

Im ersten Streifen, der ein Ebinger Kinderfest im Frühjahr 1933 zeigte, sah man nur vereinzelt NS-Symbole sowie paradierende Kinder und junge Erwachsene. Doch in den kommenden Wochen und Monaten machten die Nazis ganze Sache. Auf Linie gebracht erschien die letzte verbliebene Tageszeitung am 1. Mai, dem von Hitler zum Feiertag erklärten Tag der Arbeit, unter dem Namen „Der Wille“. Der Termin war mit Bedacht gewählt: Das Regime wollte die traditionell sozialistisch respektive sozialdemokratisch wählende Arbeiterschaft in diese neue Ordnung integrieren.

Adolf Hitler als Tailfinger Ehrenbürger

Vier Tage später versandte der gleichgeschaltete Ebinger Gemeinderat Dankes- und Ergebenheitstelegramme an Reichskanzler Adolf Hitler, Reichspräsident Paul von Hindenburg und den württembergischen Staatspräsidenten Wilhelm Murr; parallel dazu benannte er die ersten Straßen um: Die heutige Sonnenstraße hieß fortan Adolf-Hitler-Straße; die heutige Gartenstraße erhielt den Namen Hindenburgs, des Heros der Deutschnationalen, der bereits im Ersten Weltkrieg als Mitglied der Obersten Heeresleitung Deutschland in eine Militärdiktatur transformiert hatte.

Nur drei Tage später folgte eine weitere Ratssitzung, in der beschlossen wurde, durch die SA und Ebinger Schüler eine Hitler-Eiche vor dem Gasthof zum Sternen in der Adolf-Hitler-Straße 2 pflanzen zu lassen.

Ähnliches geschah in den anderen Stadtteilen des heutigen Albstadts. Der Tailfinger Gemeinderat hatte bereits am 1. Mai Hitler, Hindenburg und Murr zu Ehrenbürgern ernannt und die Hechinger und die Ebinger Straße sowie die an der Bauernscheuer in Hitler-, Hindenburg- und Horst-Wessel-Straße umbenannt.

Notwendiger Zweck: Jeder sollte sich unterordnen

In den folgenden Jahren legte sich der Nationalsozialismus wie Schimmel über die lokale Erinnerungskultur, die in den traditionellen Festen und Feiern ihren Ausdruck fand, nahm den öffentlichen Raum und die Gedenkkultur in Beschlag und interpretierte den Alltag in seinem Sinne um.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellte der sogenannte Kreisappell dar, der im Juni 1939 in Ebingen über die Bühne ging und dem die pompös inszenierten Reichsparteitage in Nürnberg – Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ von 1935 goss seine Choreographie in Bilder – als Vorbild und Blaupause diente. Pathetische Reden beschworen den Zusammenhalt der biologistisch-rassistisch definierten Volksgemeinschaft; in seiner Schlussansprache im Mazmann führte Kreisleiter Kurt Lüdemann den Sinn und Zweck dieses Kreisappells vor Augen: Es gelte, so der Bericht des „Willen“, „den deutschen Menschen in Haltung und Geist für die Sendung der Nation bereit und stark zu machen. […] Dazu sei aber notwendig, dass ein jeder sich unterordne. […] In dieser Zeit könne das deutsche Volk keine Schwächlinge und Spießer mehr gebrauchen, sondern […] Soldaten, die bereit sind, zu folgen, ohne zu fragen. Die Richtung sei in Ordnung, weil ein Adolf Hitler sie bestimme“.

Und so kam es auch. Drei Monate später begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Er brachte vielen Millionen Menschen Tod, Vertreibung, Zerstörung und unermessliches Leid.