Der Schauspieler Walter Sittler und das Orchester der Kulturen haben im Renitenztheater in Stuttgart ein etwas anderes Neujahrskonzert gestaltet.
Der Auftritt: ungeordnet, ungeplant. Nacheinander kommt man auf die Bühne. Doch wohin bloß mit dem Alphorn, wenn es dem Vorleser nicht in den Rücken fahren soll? Das ungewöhnliche Ensemble hat kein Anfangsritual. Selbst als der Protagonist des Abends, der Schauspieler Walter Sittler, sich gemeinsam mit den Musikern des Orchesters der Kulturen verbeugen will, klappt das nicht wirklich.
Tatsächlich ist all dies ist stimmig, denn an diesem Dreikönigsabend, beim „anderen Neujahrskonzert“ im Renitenztheater, geht es nicht um Konformität. Sondern im Gegenteil um ein lebendiges Miteinander von Kontrasten, die sich gegenseitig inspirieren und vorantreiben. Zu hören sind Gedichte und Prosa, und zu hören ist Musik, die Unterschiedliches zusammenbringt: deutsche Volkslieder und afrikanische Gesangsimprovisation, türkische Baglama, E-Gitarren und Hackbrett, Violine, Bass und Kora, Flöten, Trompete und Beatbox.
Sittler rezitiert Goethe und Hesse
Das Ergebnis ist beste Unterhaltung mit Schwung, Humor, Ironie und Tiefsinn. Die beginnt schon bei „Ein Jäger aus Kurpfalz“ sehr funky. Der am Flügel sitzende Orchestergründer und -leiter Adrian Werum ist für die Arrangements des Abends verantwortlich, und bei ihm klingt die Jägerei so lustig und so kreativ, dass keinerlei Sehnsucht nach der Walzerseligkeit traditioneller Neujahrskonzerte aufkommt. Später macht das Orchester aus Bachs C-Dur-Präludium eine Popballade mit Groove (und ein paar hübschen Kitschecken), bei „Im schönsten Wiesengrunde“ gibt das Alphorn den Ton an, die „Schwäb’sche Eisenbahn“ ist international unterwegs und erlebt überdies in der Zugabe als eine Art Orientexpress eine launige Reinkarnation.
„Sehet, das Neue findet uns neu“, rezitiert Walter Sittler aus Goethes Gedicht „Zum neuen Jahr“. Und dann, natürlich: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – „Stufen“ von Hermann Hesse. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“: Auch das steht in diesem Gedicht, und auch das passt zu diesem Abend, der den Übergang feiert und dazu auffordert, aus den Nischen herauszukommen und gemeinsam zu lauschen, zu feiern, zu leben.
Grausiges schildert er als nüchterner Beobachter
Sittlers Vortrag hat eine Leichtigkeit, Schnörkellosigkeit und Nonchalance, mit der er das Publikum im Sturm erobert. Ganz besonders bei Prosatexten, über die er weite Bögen spannt. Hebels „Kannitverstan“ gehört zu ihnen. Und Andersens Märchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern: Das rührt hier gerade deshalb sehr tief, weil Sittler nichts Sentimentales hineingibt. Den grausigen Erfrierungstod schildert er als nüchterner Beobachter – wie einer von denen, die am Leid vorbeischlendern, als ginge es sie gar nichts an.
Ganz still wird es im Saal, als Walter Sittler Liedtexte vorträgt. „Das Glück sollte sich sanft verhalten, es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten“: Zum Text von Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ streut Adrian Werum am Flügel die Melodie des Schlagers ein – einer der berührendsten Momente des Abends.
Klar, dass dieser nicht nur mit dem Neujahrsstück aller Neujahrstücke endet, also Beethovens „Ode an die Freude“, sondern dass er das „Alle Menschen werden Brüder“ außerdem als Hymne an die klangliche und kulturelle Vielfalt präsentiert.
Die einzige Frau im Orchester sorgt (spanisch) singend dafür, dass den Brüdern in Schillers berühmter Ode nun eine starke Schwester an der Seite steht.
Und am Ende bleiben Zeilen aus Mascha Kalékos Gedicht „Rezept“ im Herzen kleben. „Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.“ Was für ein Abend!