Der Dormettinger Lindenhof produziert vor allem Brennstoff für eine große Biogasanlage. Familie Steimle fürchtet, dass dessen Transport durch die geplanten Fallschirmübungen beeinträchtigt würde.
Das Kommando Spezialkräfte (KSK) soll über dem Gelände Fallschirmsprünge üben. Anwohner befürchten Fluglärm, Abgase und den Verlust von Äckern. Wer sind diese Menschen, wie nutzen sie die Flächen, womit verdienen sie ihr Geld und welche Nachteile sehen sie in den Waldhofplänen? Das fragt unsere Redaktion diesmal Karin und Ulrich Steimle, die den Lindenhof auf Dormettinger Gemarkung betreiben.
Wie weit ist der Hof vom Waldhof entfernt?
Nur der Hardtwald trennt den Lindenhof von dem prominenten Nachbarn: 1500 Meter Luftlinie, vier Kilometer auf der Straße beträgt die Distanz.
Wer betreibt ihn?
Karin und Ulrich Steimle haben ihn 1997 übernommen, nachdem der vorherige Besitzer tödlich verunglückt war. Ulrich Steimle ist Agraringenieur, seine Frau Karin wuchs in der Landwirtschaft auf. Ihr gemeinsamer Sohn Jakob macht derzeit eine Landwirtschaftslehre, ihre Tochter Lea studiert Agrarwirtschaft. Die Steimles sind daher zuversichtlich, dass ihre Nachfolge gesichert ist.
Wie viele Menschen leben dort?
Derzeit drei: die Eheleute Steimle und ihre erwachsene Tochter. Mit Thomas Koch aus Oberdigisheim beschäftigt der Hof zudem einen Mitarbeiter. Ulrich Steimles Eltern Helmut und Inge packen auch mit an.
Und wie viele Tiere?
180 Hühner, zwei Katzen und ein Hund.
Welche Fläche wird bewirtschaftet?
Die Steimles nutzen insgesamt 340 Hektar. Davon sind 280 Hektar für den Ackerbau und 60 Hektar für die Grünlandwirtschaft. 90 Hektar haben sie seit 2019 rund um den Waldhof gepachtet, nachdem der vorherige Pächter Hartmut Gindele die Schweinezucht aufgegeben hatte.
Wie wird die Hoffläche genutzt?
Auf dem Grünland wird vor allem Biomasse zur Erzeugung regenerativer Energie angebaut. Die Äcker dienen der Lebensmittelerzeugung: Aus Weizen und Dinkel wird Mehl, Fotovoltaik, Hafer wird zu Flocken gemahlen und aus Raps wird Öl. Zudem bauen die Steimles Kleegras an, um die Fruchtfolge aufzulockern und den Humus zu verbessern: Der Lindenhof ist seit 2022 einer von derzeit 88 Leitbetrieben eines bundesweiten Netzwerks zum Humusaufbau mit möglichst vielfältigem Anbau und reduzierter Bodenbearbeitung.
Was ist die wirtschaftliche Grundlage des Betriebs?
Mit drei weiteren Betrieben ist der Lindenhof Teil der Bioenergie Heuberg GmbH auf Binsdorfer Gemarkung und damit des größten Erzeugers regenerativer Energie in der Umgebung. Der Lindenhof liefert organisches Brennmaterial zur Verstromung und bringt Gärreste als Dünger auf die Felder aus. „Das ist ein toller Kreislauf“, sagt Ulrich Steimle. „Da braucht man keinen mineralischen Dünger einzusetzen.“
Den früheren Mastschweinebetrieb haben die Steimles aufgegeben und bauen jetzt Kartoffeln an. Bis zu 150 Tonnen der Knollen haben im Kühllager Platz, eine Erweiterung ist bereits geplant. Derzeit zehn Sorten liefert der Hof unter anderem an regionale Märkte. Ihren Hofladen für den Direktverkauf sehen sie als Beitrag zur Nahversorgung in Dormettingen und Umgebung. Karin Steimle bietet darin neben Kartoffeln beispielsweise Grünspargel, Eier, selbstgemachte Nudeln, Marmelade, Mehl, Sirup, Essig und saisonale Produkte wie eingelegte Kürbisse an.
Warum bedrohen die Waldhof-Pläne die wirtschaftliche Grundlage?
Erstens droht der Verlust von Anbauflächen: Die Felder um den Waldhof nutzen zu können sei „eine tolle Sache“, sagt Ulrich Steimle. Da ein Teil früherer Felder für den Schieferabbau abgegraben wurde, fand der Lindenhof dort einen Ausgleich. Doch nun wisse man nicht, ob man die Äcker am Waldhof auch in Zukunft für die Landwirtschaft nutzen könne: „Du kannst nicht planen“, ist der Landwirt verunsichert.
Zweitens könnte die Fahrt zur Biogasanlage zum Problem werden: Gras- und Maissilage müssen zur Anlage gefahren werden. „Das ist unsere Futterachse“, sagt Ulrich Steimle. Wenn an Fallschirmsprungtagen die Kreisstraße 7129 vorbei am Waldhof, die direkte Verbindung von Dormettingen nach Binsdorf, stundenweise gesperrt wäre, würde das laut Steimle hohe Zusatzkosten bedeuten: „Auf denen blieben wir sitzen.“ Mehrere Traktoren mit Anhängern sind zwischen Linden- und Heuberghof unterwegs. Jede Stunde, in der die Fahrzeuge stehen, koste etwa 500 Euro für Maschinen, Treibstoff und Personal. Besonders in der Erntezeit von Mai bis Oktober wäre mit Flügen zu rechnen: „Die können nur bei gutem Wetter springen und wir können nur bei gutem Wetter ernten“, verdeutlicht der Landwirt. „Wenn die Erntekette steht, ist das Problem da.“
Welche Pläne liegen wegen des Vorhabens auf Eis?
Zum Geräuschpegel der schweren Maschinen im Schieferabbau könnte Fluglärm kommen. Ihr Vorhaben, die gut laufende Ferienwohnung um ein Ferienhaus zu ergänzen. um dieses weitere wirtschaftliches Standbein zu stärken, steht daher in Frage. „Die Menschen kommen zu uns, um sich zu erholen“, sagt Karin Steimle. Aber man habe nun keine Ahnung, wie laut und häufig Flugzeuge von Bundeswehr und US Army tatsächlich fliegen werden. „Du kannst nicht ein paar 100 000 Euro investieren, und dann ist hier ein Tohuwabohu und die Leute bleiben weg“, ergänzt ihr Ehemann.
Was machen sie, wenn der Waldhof wie geplant Übungsgelände wird?
Die Steimles müssten das Beste aus der Situation machen: „Du kannst nicht den Hof nehmen und woanders hinsetzen“, verdeutlichen sie. Sie wollen auf jeden Fall noch 15 bis 20 Jahre weitermachen. Doch für eventuelle Nachfolger würde es schwer, ganz zu schweigen vom zu erwartenden Wertverlust des Anwesens.
Wie bewerten die Steimles die Perspektiven für die Waldhof-Umgebung?
Deren durch den Schiefertagebau und die Ausweisung von Baugebieten beeinträchtigte Entwicklung würde weiter gebremst. Die Fotovoltaikanlagen des Lindenhofs erbringen fast 160 Kilowatt Spitzenleistung. Gerne sähe der Landwirt Steimle noch mehr Stromerzeugung aus regenerativen Quellen: Die Landesregierung wolle alternative Energien stärken, dazu gehörten auch Windräder. „Doch mit dem Waldhof-Vorhaben sind wir da außen vor.“
Umgekehrt, sagt Ulrich Steimle, wäre der Waldhof sicher nicht als Übungsgelände in Betracht gekommen, wenn es in der Umgebung Windkrafträder hätte. „Hätten wir nur rechtzeitig eines gebaut!“ Die Krux aus seiner Sicht: Die Verträge, die zur Wahl des Waldhofs als Übungsgelände führten, wurden vor 15 Jahren geschlossen. Die Ernährungssituation sei damals eine andere gewesen. Am Sinn des KSK zweifle er nicht, frage sich aber , warum nicht bei seither geschlossenen Bundeswehrstandorten, etwa in Bruchsal – von Calw aus gut zu erreichen – nach alternativen Flächen geschaut werde.