Schwindsucht wurde sie früher genannt, dann Tuberkulose. Das Haus Waldeck in Nagold ist 1928 auf die Behandlung spezialisiert – doch der Erfolg ist nur mäßig.
Im Vergleich zu anderen Versorgungskuranstalten erzielt das Haus Waldeck in Nagold zum Teil deutlich schlechtere Genesungsquoten. „Ein bescheidenes Resultat“, zu diesem Fazit kommt 1928 ein Bericht. Vor allem im Vergleich zu „Davos“.
Die offene Tuberkulose ist in jener Zeit nur schwer heilbar. Die Therapie besteht aus Bettruhe, viel frischer Luft und Sonnenschein. Ein wirksames Medikament – heute gibt es Antibiotika gegen die durch Bakterien verbreitete Infektionskrankheit – ist 1928 noch nicht erfunden.
In einem Jahresbericht von 1928 ist einiges über den Alltag aber auch zu den Erfolgsquoten bei der Behandlung im Haus Waldeck zu erfahren. Und so mutmaßt der Berichtende – es ist wohl der Anstaltsleiter – dass die Luft am Haus Waldeck womöglich für manche Patienten gar nicht so heilbringend ist. Zwar fehle es an meteorologischen Beobachtungen, doch die Luft ist durch die waldreiche Umgebung „ziemlich feucht“. Sie kühlt bei Nacht stark ab und gibt „nicht selten zu nächtlichen Nebelbildungen Anlass“.
Ob das eine gut bekömmliche Luft für die Patienten ist? Bei jenen mit „unkomplizierter, wenn auch schwerer Lungentuberkulose“ berichtet der Anstaltsleiter, dass sie tatsächlich durch die „Freiluftliegekur in kurzer Zeit sehr abgehärtet und wetterfest werden“.
Bei anderen Patienten trifft dies aber nicht zu. Als Beispiele nennt der Mediziner Erkrankte, die an „Emphysem mit chronischen Bronchialkatarrhen, Bronchiektasien oder Asthma“ leiden. Diese müssten gelegentlich die Kur in Nagold sogar abbrechen.
„Besser in einem anderen Klima“
Der Bericht aus dem Waldeck legt nahe: „Solche Patienten erscheinen für die Kuren im Schwarzwald von vorneherein nicht geeignet und sollten (...) ihre Kuren besser in einem anderen Klima machen.“ Als Beispiel nennt er Reichenhall.
Aber auch das berühmte Davos kommt ins Spiel. Im Jahresbericht wird von „64 offenen Patienten“ berichtet, von denen aber nur sechs durch die Kur in Nagold die Bazillen verloren haben. „Also ca. 10 %“, wie es in dem Bericht heißt.
Fazit des Berichtenden: „Gegenüber den entsprechenden 44 Prozent des deutschen Kriegerkurhauses in Davos ist dieses nur ein bescheidenes Resultat.“
In Nagold macht man sich auch Gedanken, warum Davos so erfolgreich ist. Der dortige Chefarzt führe den Erfolg auch auf das Höhenklima zurück. Damit kann Nagold nicht dienen. Doch in Davos seien auch die Kuraufenthalte deutlich länger – „im Durchschnitt fast sechs Monate“.
Ein aufwendiges Behandlungsverfahren
Und in Davos wird die so genannte „Pneumothoraxbehandlung“ viel öfters durchgeführt als in Nagold. Diese aufwendige unangenehme Behandlungsform würde man eigentlich auch gerne in Nagold öfters anwenden. Doch verweist der Bericht darauf, wie zeitintensiv es sei, einen Pneumothorax zu legen. Der leitende Arzt sei dann gezwungen „wochenlang Tag und Nacht in der Kuranstalt anwesend zu sein“. Hier mache sich im Waldeck der „Mangel eines Assistenten“ bemerkbar.
In dem Bericht wird gar vermutet, dass der leitende Arzt womöglich auch aus diesem Grund eine „allzugroße Vorsicht und Zurückhaltung“ bei dieser Behandlungsmethode walten lasse.
Und wie lange verweilen die Patienten im Haus Waldeck? Auch hierzu gibt es Dokumente im Nagolder Stadtarchiv. 1928 ist von einer durchschnittlichen Verweildauer von 99 Tagen die Rede. 1926 kommen insgesamt 158 Patienten. Ein Großteil der Patienten hat im Waldeck damals seine erste Kur.
Interessant ist der Vergleich zu zehn Jahre später. 1936 werden 173 Kranke aufgenommen. Für die meisten ist es nicht die erste Kur. 71 kuren das zweite Mal, bei 20 Patienten ist es gar schon die fünfte Kur, und bei 19 Patienten ist von „sechs und mehr“ Kuren die Rede. Nur vier befinden sich zum ersten Mal in Kur. 45 verweilen in Nagold vergleichsweise kurz, nämlich unter drei Monaten. Die meisten (72) bleiben 1936 zwischen drei und sechs Monate, ein Patient sogar über neun Monate.
Haus Waldeck
Von der Kaltwasserheilanstalt zum Asylbewerberheim:
Seit mehr als 120 Jahren prägt das Haus Waldeck den östlichen Nagolder Stadteingang. Nun soll das Gebäude im schönen Kreuzertal abgebrochen werden. Damit verschwindet in Nagold ein Stück Stadtgeschichte. Mit Funden aus dem Stadtarchiv Nagold und alten Zeitungsberichten erinnern wir an bemerkenswerte Episoden aus der wechselvollen Geschichte dieses historischen Nagolder Bauwerks.