Seit Jahrzehnten geht die jährlich verbrannte Waldfläche in Spanien zurück. Auch dieses Jahr ist das Land bisher von Feuerkatastrophen verschont geblieben. Woran liegt das?
Madrid - Es ist immer auch Glück. Knapp 5500 Waldbrände sind dieses Jahr bis Ende Juli in Spanien ausgebrochen, fast 1400 weniger als in denselben sieben Monaten im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Verbrannt sind dabei 40 000 Hektar Wald und Buschland, 10 000 Hektar weniger als im Dekadendurchschnitt. Ein einigermaßen gutes Waldbrandjahr also. Aber das kann sich ganz schnell ändern: Gerade erlebt das Land die erste Hitzewelle dieses Jahres mit Temperaturen über 40 Grad, und das Feuer liebt die Hitze. Man wird sehen, was noch kommt.
Der Mensch steht dem Feuer nicht machtlos gegenüber
Es ist mehr als Glück: Seit Jahrzehnten geht in Spanien die jährlich verbrannte Waldfläche tendenziell zurück. In den 1980er Jahren waren es nach Zahlen der spanischen Regierung durchschnittlich 236 000 Hektar im Jahr, in den 1990er Jahren 159 000 Hektar, in den 2000er Jahren 114 000 Hektar, in den 2010er Jahren 96 000 Hektar. 96 000 Hektar sind etwas mehr als die Fläche Berlins, also immer noch eine ganze Menge. Aber der beständige Rückgang zeigt, dass der Mensch dem Feuer nicht machtlos gegenübersteht.
Lesen Sie aus unserem Angebot: „Wo Hitze und Brände Leben fordern“
„Waldbrände sind ein polyedrisches Problem“, sagt Miguel Ángel Soto, Waldexperte von Greenpeace Spanien. Will heißen: ein Problem mit vielen Seiten, das keine einfachen Erklärungen erlaubt. Wenn Soto aber gefragt wird, was Spanien in den vergangenen Jahrzehnten richtig gemacht hat, dann hebt er eine Sache hervor: „die Strafrechtsreform von 1995. Seitdem ist Waldbrandstiftung ein Delikt.“ Ungefähr zur selben Zeit trat außerdem ein neues Grund-und-Boden-Gesetz in Kraft, das den Bau neuer Siedlungen auf verbrannter Waldfläche für mindestens 30 Jahre untersagte. Und kurz darauf entstand eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Umweltdelikte, die es zuvor nicht gegeben hatte.
Die „Feuerkultur“ ist deutlich vermindert
Die gewaltigen Waldbrände, die Spanien immer wieder in den Jahren zwischen 1978 und 1995 erlebte, hatten damals wie heute die unterschiedlichsten Ursachen, aber eine davon war die bewusste Brandrodung, um Bauland zu gewinnen. Das Phänomen existiert heute nicht mehr. Noch nicht ganz ausgerottet, aber doch deutlich vermindert, ist die cultura del fuego – die „Feuerkultur“: die Angewohnheit, Gartenabfälle zu verbrennen oder ein kleines Stück Land abzufackeln, um es von Buschwerk zu säubern. Vor allem in Galicien, wo es besonders oft brennt, haben sich das viele Landbewohner noch nicht abgewöhnen können.
Lesen Sie aus unserem Angebot: „Alles verbrannt, alles verloren“
Dennoch waren die Gesetzesreformen der Neunziger auch von einem Mentalitätswandel begleitet: dem zunehmenden Bewusstsein, wie leicht eine kleine Unachtsamkeit – eine weggeschnippte Zigarette, ein Grillnachmittag auf dem Lande, ein Feuerwerk während des sommerlichen Dorffestes – eine große Katastrophe auslösen kann. Miguel Ángel Soto erinnert sich an eines der destruktivsten Feuer der vergangenen Jahre, ausgelöst vom Funkenflug bei der Installation von Solarmodulen durch zwei Privatleute in der Gegend von Valencia. Unachtsamkeit bleibt einer der Hauptanlässe für Waldbrände. Die meisten Brände bleiben klein. Fast zwei Drittel der bisher 5500 Waldbrände dieses Jahres erfassten weniger als ein Hektar Fläche. Was an besseren Frühwarn- und Kommunikationssystemen liegt. Weil Spanien ein Land ist, in dem es viel brennt, hat es auch besonders viel über das Feuer gelernt. „Wir besitzen ein großes Know-how über Brandprävention und -bekämpfung“, sagt der Greenpeace-Experte Soto.
Für Verbesserungen ist immer Raum
Wobei die Prävention wichtiger ist als die Bekämpfung. „Wenn du so große Feuer hast wie jetzt in Griechenland und der Türkei, bleibt dir oft nichts anderes übrig, als auf einen Wetterumschwung zu warten.“ Spanien hat eine professionell organisierte Waldbrandbekämpfung, die gut mit Löschflugzeugen und Helikoptern ausgestattet ist – auch wenn Soto über Kürzungen während der schweren Rezession nach dem Immobiliencrash 2008 klagt. Für Verbesserungen ist immer Raum.
Worauf Soto und alle Experten als Erstes pochen, ist auf verbessertes Waldmanagement. Da gibt es noch einiges zu tun. Damit die kommenden Hitzewellen, die ziemlich sicher heißer und trockener sein werden als die diesjährige, nicht die Verheerungen vergangener Jahrzehnte zurückbringen.