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Waldachtal Steht das Ökosystem vor dem Kollaps?

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Stefan Greza ist Vorsitzender des Nabu Waldachtal und setzt sich für die Natur ein. Foto: Maier

Waldachtal - Die Alarmglocken schrillen: Das Öko-System ist am Zusammenbrechen und gefährdet die Existenzgrundlagen von Pflanzen, Tieren und letztlich von den Menschen. Die Entwicklung ist dramatisch: Um 80 Prozent ist laut Agrarbericht die Insektenmasse zurückgegangen. Wo sind sie nur geblieben, all die vielen Singvögel, die bunten Schmetterlinge, die Vielfalt der Insekten, die für Menschen so überlebenswichtigen Bienen? Droht Artensterben? Wir sprachen mit Waldachtals Naturschutzbund (Nabu)-Vorsitzendem Stefan Greza, einem Kenner des Szenarios.

Öko-Kollaps: Ist es auf der Erde nicht schon fünf nach Zwölf?

Wenn man die vielen schlechten Nachrichten vom Insektensterben, der Meeresverschmutzung, der mancherorts nur noch schwer herzustellenden Trinkwasserqualität, des Klimawandels und seinen Folgen sowie der Schadstoffbelastung in den Städten liest, kann es schon nahe liegen, dass es für eine Umkehr zu spät ist. Das Artensterben sehen wir als dramatisch an, jedoch geht diesem zunächst ein mehr oder weniger schneller Schwund der einzelnen Populationen voraus. Dies ist der Zustand, den wir bei vielen Tieren, von den Wildbienen über die Rebhühner bis zu den Feldhasen, wahrnehmen. Andere Arten wiederum sind möglicherweise widerstandsfähiger und vermehren sich – dieses Gefühl habe ich zum Beispiel bei den Zecken.

Wie konnte es soweit ­kommen?

Wir Menschen leben seit Jahrzehnten auf Kosten der Natur und Umwelt und damit auch auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder. Es zählt das schnelle Geld, billige Produktion. Wir produzieren Nahrungsmittel, aber keine Lebensmittel mehr, und setzen dafür auf sehr intensive Weise Ressourcen ein, die wie Boden, Luft und Wasser nur begrenzt vorkommen und mittlerweile extrem ungleich verteilt sind. Diese Ressourcen sind auch Lebensräume. Je weniger Leben darin vorkommt, desto enger wird es für uns alle.

Welche Rolle spielen ­Wiesen und Äcker?

Zum Beispiel werden große Teile der Landwirtschaft von unserer Gesellschaft einem ungeheuren finanziellen Druck ausgesetzt. Um zu überleben, holen viele Landwirte aus ihren Äckern, aus ihren Wiesen und ihren Tieren heraus, was nur geht. Und so stehen unter dem Strich güllebedingte Nitratlasten im Grundwasser, eine Ausräumung der Landschaft und jährlich alleine in Deutschland 140 000 Tonnen ausgebrachte Pestizide. Eine Studie von Greenpeace beweist, dass über Schweinegülle multiresistente Keime auf den für die Nahrungsproduktion vorgesehenen Flächen massenweise ausgebracht werden. Die für uns lebenswichtigen Antibiotika-Medikamente werden dadurch zunehmend wirkungslos. Man macht es sich aber viel zu einfach, alleine den Landwirten die Schuld zuzuweisen.

Wie bedrohlich ist die ­Lage?

Das kommt auf die Sichtweise an. Die Umwelt- und Naturschutzverbände empfinden die Lage weltweit als bedrohlich, zuständige Minister beschwichtigen und verharmlosen. Die Nachhaltigkeit ist in vielen Bereichen nicht mehr gegeben. Vergessen wir nicht, dass wir Menschen nur ein Glied in einer langen Kette sind. Wir sind auf eine Umwelt angewiesen, die uns gesund ernährt und saubere Luft zum Atmen gibt.

Was ist in Sachen Bienen schief gelaufen?

Ein Drittel von dem, was wir essen, gäbe es nicht ohne Bienen – und dazu zähle ich auch Wildbienen und Hummeln. Nun bin ich bin kein Imker, aber der Film "More than Honey" des Schweizer Regisseurs Markus Imhof aus dem Jahr 2012 über das weltweite Bienensterben von Kalifornien bis China hat mir brutale Wahrheiten gezeigt. Nicht nur, dass eingeschleppte Milben den Bienen massenhaft den Tod bringen, wir vergiften sie mit Spritzmitteln oder mit in der Saatgutbeize enthaltenen Langzeitgiften. Mehrfach im Jahr wird bei uns zum Beispiel ein ganzes Tal voll Blumenwiesen mit einem einzigen Traktor mit drei Mähwerken in wenigen Stunden abgemäht. Wo sollen die Bienen hin?

Bienen im Hausgarten?

Die Gärten in den Neubaugebieten bestehen vielerorts nur aus kurzem Gras, Schotter und Beton. Blühende Weg- und Straßenränder werden in kurzen Abständen gemulcht. Dazu kauft sich auch der Normalbürger das Massenvernichtungsmittel Glyphosat (Roundup) im heimischen Bau- und Gartenmarkt und verseucht damit noch sein eigenes Grundstück. Mit käuflichen Sprays werden alle möglichen Insekten einfach und bequem totgesprüht.

Welche Maßnahmen müssen schnell greifen?

Schnell greift hier gar nichts, das sehen wir in der Dieselaffäre. Den Naturschutzverbänden stehen übermächtige Verbände der Landwirte, oligopolistische Handelsriesen und Weltkonzerne gegenüber, letztlich aber auch wir Mitbürger, die nicht bereit sind, für nachhaltig produzierte Lebensmittel den Erzeugern einen gerechten Preis zu bezahlen. Schnell ließe sich der Einsatz von Pestiziden durch Privatpersonen verbieten, doch das bekommt man dann leicht auch im Ausland.

Was kann die Politik tun?

Die Politik kann sich dieser Probleme annehmen, doch wird deren Tagesordnung durch "wichtigere" und wahlkampfwirksamere Probleme beherrscht. Ich vermisse hier klare Standpunkte und einen nachhaltigen Einsatz zu diesen Themen vor allem der Grünen Minister und Fraktionen in den Landesregierungen und im Bund.

Wie kann jeder Einzelne vor Ort dazu beitragen?

Wenn man will, ist viel möglich. Halten Sie Ihr Umfeld giftfrei, kaufen Sie Waren von anerkannten Biobetrieben oder bauen Sie selbst einen Teil der Lebensmittel an. Machen Sie Balkon und Garten zu einer beliebten Nahrungsquelle für Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge. Engagieren Sie sich vor Ort mit den Umweltthemen in der Politik und in Natur- und Umweltschutzverbänden. Und vor allem: Informieren Sie sich und eignen Sie sich relevantes Wissen an. Auch hier bieten Umwelt- und Naturschutzverbände vieles an, aber auch die Umweltakademie Baden-Württemberg.

Welche Aktivitäten plant der Nabu Waldachtal?

Wir suchen schon seit Jahren aus den Reihen unserer Mitglieder und Mitbürger Menschen, die sich zum Beispiel mit den Themen gesunde Ernährung, nachhaltiges Gärtnern und Öko-Landwirtschaft auseinandersetzen und diese Themen in der Nabu-Gruppe sowie bei den Mitbürgern interessant platzieren. Da die Natur- und Umweltbildung an den Schulen oft viel zu kurz kommt, werden wir eine Kindergruppe gründen und dafür eine Fachkraft beschäftigen.

Besteht noch Hoffnung?

Natürlich – Hoffnung besteht immer. Denn viele kleine Menschen, die an vielen kleinen Orten kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern, sagt eine afrikanische Weisheit. Wenn dann noch diejenigen, die an den großen Schalthebeln sitzen, positive Veränderungen herbeiführen wollen, dann ist vieles möglich.

Welche Themen liegen Ihnen sonst noch am Herzen?

Wenn man Kinder und Enkel hat, Verantwortung im Unternehmen und Verein trägt, dann liegen einem viele Dinge am Herzen. Soweit es geht, möchte ich diesen Anliegen so begegnen, dass nachhaltig positive Verhältnisse in Natur, Umwelt und Gesellschaft erhalten werden oder sich anderenfalls zum Positiven entwickeln.

 Die Fragen stellte Walter Maier.

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