Martin Semmelrogge setzte sich sofort in Szene, wofür er von den Gästen in der Schenke&Mehr wie ein Rockstar gefeiert wurde. Foto: Wagner

Schauspieler begeistert sein Publikum in der Schenke&Mehr mit "Rock & Lyrics".

Waldachtal-Tumlingen - "Wir haben fast immer ein ausverkauftes Haus bei unseren Events, aber der heutige Abend schlägt alles", stellte die Vorsitzende vom Bürgertreff Carla Dikkers in der "Schenke&Mehr" in Tumlingen fest.

In der Tat hätte der Verein weitaus mehr Karten für "Rock & Lyrics" mit Martin Semmelrogge verkaufen können, jedoch war das Platzangebot in Tumlingens Schenke auf 85 Personen begrenzt. Wer sich frühzeitig eine Karte ergattern konnte, der durfte den berühmt-berüchtigten Schauspieler aus unmittelbarer Nähe live erleben.

Dieser holte die beiden Musiker Jürgen "Boxer" Braun und Klaus-Peter Schöpfer mit an Bord, welche die unterhaltsamen Auszüge aus seinem Buch "Ein wilder Ritt durch 50 Jahre Paragraphistan" musikalisch umrahmten und thematisch unterstrichen.

"Man weiß ja nicht, ob er tatsächlich kommt. Er ist ja immer noch in der Findungsphase", schockte Braun das Publikum amüsiert. Doch der Star kam und setzte sich und sein vorlautes Mundwerk – wie von den Gästen erwartet und erhofft – sofort in Szene, als er zu dem Song "Honky Tonk Women" (Rolling Stones) wie ein Rockstar vom Publikum gefeiert durch die Stuhlreihen der Gäste einlief.

Sehr zur Überraschung von Dikkers, die Semmelrogge gleich die erste eindeutig zweideutige Vorlage lieferte: "Ich wusste ja nicht, dass du von hinten kommst", worauf der Schauspieler lässig und breit grinsend entgegnete: "Ich bin ein höflicher Mensch. Ich komme immer von vorne."

Dankend nahmen die Gäste jeden seiner frechen Sprüche entgegen, die zum festen Bestandteil seiner Lesung gehörten. "Ich möchte noch kurz was sagen, Martin", bat Dikkers den Star des Abends, der ihr verständnisvoll den Vortritt ließ: "Na, dann sach doch wat, Schätzchen." Auch das "Ständer-Problem" auf der Bühne konnte mittels eines Mikrofon-Stativs schnell gelöst werden, womit der wilde Ritt beginnen konnte. "Na, da hätt ich auch gleich meinen Hund mitbringen können. Der trägt die Rute auch immer oben", legte Semmelrogge noch mal nach, bevor er aus seinem Buch eine Jugendgeschichte aus dem Jahr 1969 verlas.

"Ich wäre so gerne ein Hippie gewesen oder Gunter Sachs: Aber ich musste stattdessen in München auf die Waldorfschule", verriet Semmelrogge hierbei. Wem die Geschichten eines "Michel aus Lönneberga" gefallen, der dürfte sich auch an den Geschichten aus Semmelrogges Jugend erfreuen.

So sorgte unter anderem die Erzählung von der ersten unerlaubten Spritztour mit Papas "BMW 1800 ti", den Semmelrogge in einer "Nacht und Nebel-Aktion" zusammen mit seinem Kumpel Uli und Freundin Frauke aus der Garage entwendete, für beste Unterhaltung bei den Gästen. "Ich hatte den Wagen erstaunlich gut im Griff", resümierte der Schauspieler, weshalb der Jungsporn auf dem Parkplatz eines Krankenhauses gleich mehrere Schleudertests mit dem Fahrzeug wagte.

"Der Wagen hatte Heckantrieb. Ich übte begeistert Gegensteuern. Eine Kunst, die heute nur wenige Fahrzeugführer beherrschen", erzählte die Ikone. Dies setzte sich auch in den kommenden Nächten so fort. Allerdings musste der Wagen auch irgendwann wieder betankt werden, weshalb die Jugendlichen damals beschlossen hatten, einen Kaugummiautomaten auszuräumen, um an das Kleingeld heran zu kommen. "Das Teil erwies sich als außerordentlich resistent. So sägten wir einfach den Zaun ab, an dem das Teil hing und nahmen den Automaten samt Zaunstück einfach mit", lautete die Lösung.

Ebenso erfuhr das Publikum von der ersten Begegnung des Schauspielers mit der uniformierten Zunft, welche die nächtlichen Ausflüge der drei Teenager eines Tages beendete: "Mich erwartete zum ersten Mal der ganze Quatsch mit ›Hände aufs Dach‹ und so weiter", verriet Semmelrogge. Dies zog auch seinen ersten Auftritt vor Gericht nach sich, der ihm eine Strafe von zehn D-Mark und zwei Verkehrsunterrichtsstunden einbrachte.

"Sie werde ich mit Sicherheit vor Gericht noch mal wieder sehen", sagte der Richter am Ende der Verhandlung zu jener Zeit zu dem 13-jährigen. "Damals war ich beleidigt, aber er war ja schließlich Richter und die behalten ja bekanntermaßen immer Recht", lautete Semmelrogges Fazit.

Zur musikalischen Entwicklung seiner Lieblingsbands äußerte er sich kritisch in seinen Anekdoten. "Die neue Beatles-Platte gefiel mir überhaupt nicht. Komisches psychedelisches Zeug", verriet der Schauspieler, der sich immer mehr für die Rolling Stones begeisterte. Diese stylten sich gut und die jungen Damen fielen bei ihren Konzerten reihenweise in Ohnmacht, was Semmelrogge imponierte.

"Außerdem waren sie politisch und erweiterten ihr Bewusstsein mit Drogen. Das war in diesen Zeiten schwer modern", erinnert sich der Schauspieler. Unterhaltsam und aufschlussreich ging der Autor auf seine Erfahrungen ein, die er während seiner Karriere in den USA machte. Hierbei erfuhr das Publikum unter anderem von Zahlencodes, die einem die Türen zu Wellness-Oasen öffnen sowie von den gesellschaftlichen Unterschieden in amerikanischen Großstädten.

Die besten Geschichten schreibt wohl das Leben selbst, was Semmelrogge in seinen Ausführungen bewies. Lachsalven und ironisches Kopfschütteln sowie stehende Ovationen am Ende der Show belohnten die gnadenlose Ehrlichkeit des Schauspielers. Auch die professionelle Leistung und dass beeindruckende Können der beiden Musiker sorgte für große Begeisterung bei den Gästen.

Offensichtlich fühlte sich der Schauspieler in Tumlingen sehr wohl: "Ich war hier mit dem Mountain-Bike unterwegs", bestätigte Semmelrogge, was ihm auch die Sympathie einiger Fahrradfahrer im Publikum einbrachte. Der Behauptung, dass diese Betätigung auf die Knie gehe, entgegnete der Schauspieler verschmitzt: "Was macht ihr denn falsch? Wenn die Bettdecke zu hart ist, dann geht das natürlich auf die Knie."

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