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Waldachtal Früherer Pfarrer sieht sich als Opfer einer Hexenjagd

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Die Kirche in Waldachtal-Tumlingen ist mit Besuchern gefüllt, als Prälat Christian Rose (links) und Dekan Werner Trick Ende Juli 2018 Stellung zum Thema Pfarrer nehmen. Foto: Lück

Waldachtal - Es war ein feierlicher Gottesdienst. "Sein Dienst soll zum Segen für die Gemeinde und ganz Waldachtal werden", erklärte Dekan Werner Trick zur Begrüßung des neuen Pfarrers in der evangelischen Kirchengemeinde Waldachtal (Kreis Freudenstadt) am 15. September 2019. Seit über einem Jahr war die Stelle unbesetzt. Doch warum, das kam bei der Einsetzung des neuen Pfarrers nicht zur Sprache.

Aber unter dem Mantel des Schweigens brodelt es in der Gemeinde. Eine Familie klagt an und stößt dabei vor Ort überwiegend auf Widerstand. Der ungeheuerliche Vorwurf: Gab es einen sexuellen Missbrauch? Im Fokus: der frühere Pfarrer Markus A. Im Juli vergangenen Jahres war sein Engagement in der Gemeinde abrupt beendet.

In einem Gottesdienst hatte Prälat Christian Rose nebulös erklärt: "Es war nicht nichts. Das heißt: Da war was."

Pfarrer von Landeskirche abgestraft

Die Landeskirche Württemberg strafte den Pfarrer wohl ab. Ihm wurden die monatlichen Dienstbezüge um ein Fünfzehntel gekürzt. Außerdem wurde ihm befristet auf fünf Jahre "die dienstliche Tätigkeit in den Arbeitsbereichen Jugendarbeit, Religionsunterricht und Konfirmandenunterricht mit Jugendlichen und Heranwachsenden zwischen 13 und 21 Jahren untersagt. Ein starker Einschnitt. Doch was sind die Vorwürfe?

Andreas B. (Name von der Redaktion geändert) fällt es schwer, darüber zu sprechen. Der junge Mann hat in den vergangenen Jahren viele therapeutische Behandlungen bekommen. Nach den "schrecklichen Erlebnissen", wie er betont, denn ihm sei vorgeworfen worden, schon vorher psychische Probleme gehabt zu haben.

Pfarrer A. und dessen guter Freund Daniel F. (Name von der Redaktion geändert), ein Religionslehrer an einer Schule im Kreis Freudenstadt, sollen mit dem Heranwachsenden und seinen Geschwistern einen sehr engen Kontakt gepflegt haben. Einen zu engen? Andreas B. erzählt: "Herr A. hat mich konfirmiert. Das erste Mal zu Sauna und Fitness hat er mich eingeladen, als ich 17 war. Er war auch mein Religionslehrer am Gymnasium." Auch andere junge Männer soll er für gemeinsame Saunagänge angefragt haben, so der Vorwurf. Auch bei den Saunabesuchen fast immer dabei laut B.: der Lehrer F., zu dem Pfarrer A. ein enges Verhältnis pflegt.

Was geschah im Hotel in Eilat?

Die gemeinsamen Aktivitäten der beiden mit Andreas B. nehmen zu. Sie möchten ihn auch unterstützen, Pfarrer zu werden. Als B. in Israel ein Freiwilliges Soziales Jahr macht, besuchen A. und F. den damals 18-Jährigen. Sie buchen in einem Hotel in Eilat ein Doppelzimmer mit Beistellbett. In dem Ort verbringen sie alle drei mehrere Tage. Dort soll es laut Andreas B. zu "erzwungenen sexuellen Übergriffen" gekommen sein. Doch die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren mittlerweile eingestellt. Rein rechtlich bleiben die Vorwürfe haltlos.

Kann es nur eine juristische Bewertung dieses Falls geben? Oder auch eine moralische? Wolfgang Vögele, früherer Jugendrichter und heute Vorsitzender der "Unabhängigen Kommission für die Gewährung von Leistungen in Anerkennung erlittenen Leids", die die Landeskirche für Missbrauchsfälle eingesetzt hat, kommt zu einem klaren Ergebnis: "Herr Pfarrer A. hat sich einer Verletzung seiner Dienstpflichten schuldig gemacht, weil er über lange Zeit sexuelle Nähe zu dem ihm anvertrauten Jugendlichen, Konfirmanden und später von ihm betreuten Theologiestudenten suchte und verwirklichte."

A. bestätigt "gemeinsame Freizeitaktivitäten"

Die Einstellung des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens ändere daran nichts, "denn strafrechtliche Bewertung und dienstrechtliche Beurteilung haben unterschiedliche Voraussetzungen". Die Landeskirche spricht deshalb B. einen Geldbetrag "in Anerkennung des Ihnen entstandenen Leids" zu. Dies geschiehe ohne Anerkennung einer Rechtspflicht, schreibt Stefan Werner, Direktor im evangelischen Oberkirchenrat. Auch im Namen von Landesbischof Frank Otfried July spricht er in einem Schreiben an B. "tiefes Bedauern über die von Ihnen erfahrene Lebenssituation" aus.

Und was sagt Pfarrer A. heute zu den Vorwürfen? Mittlerweile ist er als Pfarrer im Bereich der Erwachsenenbildung in einem anderen Landkreis tätig. "Wenn man ständig etwas behauptet, wird es nicht wahrer", kommentiert er im Gespräch mit unserer Zeitung. Es sei um zu große Nähe gegangen, wo er hätte Distanz wahren müssen. "Mir wurde vorgeworfen, dass ich mit Gemeindemitgliedern eine Freundschaft unterhalten habe." Er bestätigt Saunagänge, als B. 18 Jahre alt war, aber auch andere "gemeinsame Freizeitaktivitäten". Der Israel-Besuch sei als Freund und nicht als Pfarrer geschehen.

Auch A. sieht sich als Opfer, spricht von einer "Hexenjagd" gegen ihn. Doch gegen die Entscheidung seines Arbeitgebers legte er keinen Widerspruch ein. Warum? Er habe die Gemeinde schützen wollen. "Ich habe freiwillig die Stelle gewechselt", lautet seine Version. "Ich habe deshalb keine Rechtsmittel eingelegt, damit alles schneller geht. Ich hätte es aber wohl lieber tun sollen." Die neuen Feststellungen der Landeskirche überprüfe er aber derzeit mit seinem Rechtsanwalt.

Lehrer unterrichtet weiter Schüler zwischen zehn und 18

War der Wechsel wirklich freiwillig? Ein Insider sagt: "Es stimmt, dass er zu dem Wechsel nicht gezwungen wurde. Aber seine bisherige Aufgabe hätte er nicht mehr ausführen dürfen." A. kam also seinem Arbeitgeber wohl entgegen.

Und der Lehrer F.? Er unterrichtet weiter Schüler zwischen 10 und 18 Jahren, begleitet sie auf Klassenfahrten und ist auch Verbindungslehrer, also Ansprechpartner, wenn es Probleme mit Lehrern oder Mitschülern gibt. Doch mittlerweile gibt es Bewegung. "Das Regierungspräsidium prüft derzeit die Einleitung eines Disziplinarverfahrens", sagt eine Pressesprecherin des RP in Karlsruhe.

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