Die Burg Rötteln bekommt einen Garten mit 39 mittelalterliche Heil-, Gewürz- und Symbolkräutern sowie Gemüse aus dieser Zeit.
An einem kühlen Vormittag zeigte Heiner Mues vom Röttelnbund unserer Reporterin den fertig angelegten Garten, in dem nur noch die Pflanzen fehlen. Die Fläche ist in unterschiedlich große Parzellen eingeteilt. Hier werden schon bald 39 Kräuter wachsen und blühen, die im Mittelalter alle ihre Bedeutung hatten: Gewürzkräuter wie Bohnenkraut, Liebstöckel, Wiesenkümmel. Heilkräuter wie Kamille, Baldrian, spezielle Frauenheilkräuter wie Frauenmantel. Auch „Symbolpflanzen“, die in der mittelalterlichen Frömmigkeit eine wichtige Rolle spielten, sollen hier wachsen, zum Beispiel Erdbeeren, deren dreigeteilte Blätter damals die Dreifaltigkeit Gottes symbolisierten. In der größten Parzelle werden „Kraut und Rüben“ gedeihen, wie Mues schmunzelnd berichtete: also Kohlsorten und zudem Gelbe, Rote und andere Rübengewächse.
Mittelalterliche Kräuter und Gemüsepflanzen
Wer Heiner Mues zuhört, merkt schnell: Da hat einer akribisch und mit Begeisterung für das Mittelalter recherchiert und geplant. Diese Begeisterung vermittelt der Röttenbund seit vielen Jahren auch seinen Besuchern: unter anderem mit einem „Knechtvesper“. Dafür werde er in Zukunft auch Zutaten aus dem Garten verwenden, sagte Mues. Vor allem aber ermögliche der Garten Schulklassen einen „fächerübergreifenden“ Unterricht, lud der Projektleiter ein. Denn im Burggarten steckt neben den Pflanzen noch weit mehr.
Gartenanlage mit Badischer Elle und Goldenem Schnitt
Alle Parzellen sind sorgfältig eingehegt – und zwar mit fünf verschiedenen Zäunen. Rechts am Hang bilden Mauern aus Bruchsteinen von der Burg kleine Terrassen, auf denen etwa Lorbeer wachsen soll. Auf der Rückseite befindet sich ein Staketenzaun aus Kastanienholz und Draht. Draht im Mittelalter? Selbstverständlich, sagte Mues: das Kettenhemd eines Ritters habe aus bis zu 60 000 kleinen Drahtringen bestanden. In einer Hecke kann sich zwischen abgelegten Zweigen Humus bilden, und Kleintiere wie Igel, Vögel und Insekten finden dort Verstecke und Lebensraum.
Die größeren und kleinen Parzellen fügen sich harmonisch zusammen. Auch das ist kein Zufall: Er habe ihre Größe so berechnet, dass ihre Seitenlängen sich im Verhältnis eins zu 1,6 gemäß dem Goldenen Schnitt zusammenfügen, einem Maß für Harmonie, das schon seit der Antike gebräuchlich sei, erklärt Mues. Ausgemessen ist der Garten nicht in Metern, sondern in Badischen Ellen. Dieses Längenmaß, das im Großherzogtum Baden zwischen 1810 und 1871, galt, beträgt 0,6 Meter.
Akribische Planung und 650 Arbeitsstunden
An einem Abend im Jahr 2016, nachdem die Aktiven des Röttelnbundes den Tag über Pflegearbeiten auf der Burg erledigt hatten, brachte Heiner Mues seinen Traum vom Burggarten zum ersten Mal zur Sprache. Die „Pestilenz“, wie er die Corona-Zeit schmunzelnd nannte, nutzte er dann für vertiefte Planungen. Die ersten praktischen Arbeiten erledigte er noch fast alleine. Doch schon bald packten die Aktiven des Röttelnbundes mit an. Mit
Mit Spitzhacke und Schaufel hoben sie die Gartenfläche 30 Zentimeter tief aus, entfernten Schutt, Steine, Müll und retteten schöne Kachelofen-Scherben, die jetzt im Burgmuseum zu sehen sind. Den Hang mussten sie sichern und 40 Kubikmeter Muttererde, gemischt mit Kompost, wieder in den Garten schaufeln. 650 Arbeitsstunden leistete die burgbegeisterte Truppe insgesamt.
Der Aufwand hat sich gelohnt, davon ist Heiner Mues überzeugt. Er freut sich am Samstag, 11. April, ab zehn Uhr auf die ersten Besucher im Burggarten.