So enden viele Seiten aus den Wahlprogrammen von Parteien. Foto: dpa

Zwischen Flugzeugflügeln, Brückenpfeilern und Parteiprogrammen gibt es unerwartete Parallelen. Unser Kolumnist erläutert, was all das mit zerknüllten Papierbögen zu tun hat.

Stuttgart - In Wahljahren werden traditionell besonders ambitionierte Partei- und Wahlprogramme verfasst. Natürlich sind diese umfangreichen Werke heutzutage alle in digitaler Form erhältlich. Dennoch wird nach wie vor ein erheblicher Teil davon auf unzählige Seiten Papier gedruckt. Und das, obwohl eine alte realpolitische Weisheit besagt, dass die meisten Parteiprogramme das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. In aller Regel überdauern diese Glanzstücke zeitgenössischer Polit-Prosa den Wahltermin allenfalls um Tage – bevor sie unter dem Druck von Koalitionsverhandlungen und knappen Budgets grundlegend überarbeitet werden müssen. Von den ursprünglichen Forderungen bleiben am Ende meist nur Fragmente erhalten, der Rest landet in der Abteilung „War ja nur so ’ne Idee“.

 

Stellen wir uns also einen Realpolitiker nach der Wahl vor, der das Programm seiner Partei im Lichte der Mehrheitsverhältnisse durchackert. Am Ende liegt eine überschaubare Anzahl an Seiten auf seinem Schreibtisch, während der Papierkorb vor mehr oder weniger energisch zerknüllten Blättern überquillt. Natürlich werden die überzähligen Seiten am Ende ordnungsgemäß recycelt, um danach als Klopapier oder Amazon-Versandkarton einer sinnvollen Verwendung zugeführt zu werden.

Faltenbildung nach mathematischen Gesetzen

Doch wie Wissenschaftler der Harvard University herausgefunden haben, grenzt es geradezu an Frevel, zerknüllte Papiere achtlos in die Tonne zu werfen. Denn wer diese Gebilde genauer unter die Lupe nimmt, kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen. Das berichtet das Forscherteam um den Modellierungsexperten Christopher Rycroft im Fachblatt „Nature Communications“. Demnach ist das komplizierte Netz von Falten, das sich auf zerknüllten Papierbögen bildet, keineswegs ein Produkt des Zufalls. Vielmehr sei das Zerknittern von Blättern ein vorhersehbarer, reproduzierbarer Prozess, der mathematischen Gesetzen unterliegt.

Die Forscher entwickelten dazu ein Modell, das beschreibt, was im Detail passiert, wenn dünne Blätter zerknittert, aufgefaltet und erneut zusammengeknüllt werden – und das in mehreren Durchgängen. Diese Frage kann durchaus von praktischer Relevanz sein – etwa wenn die Verhandlungen mit einem möglichen Regierungspartner scheitern und man am Ende doch mit einer anderen Partei koalieren muss. In diesem Fall werden manche der zunächst verworfenen Seiten aus dem Parteiprogramm dann ganz überraschend doch wieder gebraucht. Den Erkenntnissen aus Harvard zufolge bleiben allerdings selbst dann winzige Spuren der Verformung erhalten, wenn man die Papiere mit größter Sorgfalt glättet. Auch die sprichwörtliche Geduld von Papier hat offenbar ihre Grenzen.

Fortschreitende Materialermüdung

Allerdings ging es in den Experimenten und Modellrechnungen der Forscher nicht um Parteiprogramme, sondern generell um die Haltbarkeit von Materialien, die immer wieder verformt werden – und unter dieser Belastung irgendwann brechen können. Handelt es sich dabei um Flugzeugflügel oder Brückenpfeiler, kann das verheerende Konsequenzen haben. Doch auch bei Politikern und Parteien, die sich im Ringen um Wählerstimmen und Regierungsämter zu stark und zu oft verbiegen, droht mit der Zeit eine fortschreitende Materialermüdung. Das könnte erklären, warum manche Polit-Profis, die einst vor jugendlichem Idealismus strotzten, mit der Zeit immer zerknitterter aussehen. Dagegen helfen selbst die schönsten Parteiprogramme nicht.