Weil die CDU für die neue Landesregierung in Stuttgart Personal aus Berlin abzieht, kommt der Pfarrer Christoph Naser als Nachrücker zum Zuge. Für ihn eine Überraschung.
Es war eine Enttäuschung, für die CDU und für Christoph Naser. Mit 31,7 Prozent der Stimmen gewann der designierte Nachfolger von Annette Widmann-Mauz bei der Bundestagswahl 2025 deutlich den Wahlkreis Tübingen-Hechingen. In den Bundestag zog er dennoch nicht ein. Nach der Wahlrechtsreform sind nicht mehr alle Wahlkreissieger automatisch gesetzt, sondern nur dann, wenn die Partei auf genügend Zweitstimmen kommt. Insgesamt gab es nach der Wahl 23 Wahlkreissieger ohne Mandat, fünf davon kamen aus Baden-Württemberg, alle fünf waren CDU-Kandidaten, einer davon Christoph Naser.
Schon bisher gut eingebunden
Naser, der im Hauptberuf als Pfarrer in Bodelshausen arbeitet, nahm seine Rolle als Wahlkreissieger aber ernst. Er vernetzte sich mit den anderen gekappten Wahlkreissiegern im Land, wurde kooptiertes Mitglied in der Landesgruppe der Abgeordneten aus Baden-Württemberg und ist somit auch in die Arbeit der Fraktion eingebunden. Er eröffnete ein Bürgerbüro in der Geschäftsstelle in Tübingen für Sprechstunden. Die Rolle eines Abgeordneten, den Wahlkreis zu vertreten, übernahm Naser ehrenamtlich – ohne Mandat im Bundestag.
Das wird sich jetzt ändern. Weil die CDU für die Regierung in Stuttgart Personal aus Berlin abzieht, werden Sitze im Bundestag frei. Andreas Jung, seit 2005 CDU-Bundestagsabgeordneter aus Konstanz, wird Kultusminister im Kabinett Özdemir. Ronja Kemmer, Abgeordnete aus Ulm, wird in der neuen Landesregierung Chief Digital Officer unter Innenminister Manuel Hagel. Die beiden Personalien hinterlassen also zwei freie Sitze im Bundestag.
Naser: „Für mich überraschend“
Nach neuem Wahlrecht sind als Nachrücker zunächst die sogenannten „ungedeckten Wahlkreissieger“ derselben Landespartei an der Reihe, und zwar in der Reihenfolge ihres Erststimmenanteils. Auf dieser Liste stünde an vorderster Stelle Moritz Oppelt aus Heidelberg, der 2025 zwar seinen Wahlkreis gewann, aber, wie Naser, nicht einzog. Oppelt aber wird im neuen Kabinett Minister für Migration und Justiz, und damit dürfte sein Interesse am Bundestagsmandat gering sein. Auf Platz zwei der Nachrücker steht Stefan Glaser, der bei der Bundestagswahl seinen Kreis Lörrach-Müllheim mit 33,2 Prozent der Zweitstimmen holte. An dritter Stelle folgt Christoph Naser.
Damit werden Glaser und Naser künftig Bundestagsabgeordnete, sofern Oppelt und Kemmer in ihren neuen Ämtern bestätigt sind, was nur noch eine Formalie ist. Dass er nachrückt, hat Naser am Samstag beim Landesparteitag erfahren, auf dem das Personaltableau für Stuttgart vorgestellt wurde. „Für mich war es überraschend“, so Naser gegenüber unserer Zeitung. Auf dem Landesparteitag habe er noch den Gottesdienst abgehalten, erzählt er. Währenddessen muss die Nachricht durchgesickert sein. Als er den Segen gesprochen hatte und von der Bühne ging, gratulierten ihm Leute, erzählt Naser.
Bodelshausen braucht Pfarrer
Seine Arbeit als evangelischer Pfarrer in Bodelshausen wird Naser aufgeben. „Das tut auch weh, wenn ich eine mehr als liebgewonnene Arbeit aussetzen muss, um ein Mandat anzunehmen, für das ich brenne“, so Naser: „Ich habe mich in diese Arbeit hier total verliebt.“ Noch am Sonntag habe er mit der Gemeinde einen „wunderschönen Gottesdienst mit Alphorn“ gefeiert. „Wenn man zwei Leidenschaften hat, schlagen auch zwei Herzen.“ Für ihn sei es eine große Freude und Ehre, das Mandat in Berlin anzutreten. „Es waren rund 55.000 Menschen, die mir das Vertrauen geschenkt haben. Dem möchte ich auch entsprechen.“
Seit der Wahl 395 Petitionen bearbeitet
Er habe nicht das Gefühl, in Berlin von vorn anzufangen, sagt Naser. Wie erwähnt hat er seinen Wahlkreis im zurückliegenden Jahr ehrenamtlich betreut. Unterstützung hatte Naser von den Abgeordneten der Nachbarwahlkreise erhalten. „Ich freue mich, dass wir nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben, sondern sagten: Wir stellen uns der Verantwortung.“ In seiner Freizeit habe er seit der Wahl 395 Petitionen bearbeitet.
„Der Dienst geht natürlich immer vor“, sagt Naser. Jeden Tag sei er im zurückliegenden Jahr aber auch mit Politik beschäftigt gewesen, „mal mehr, mal weniger“. Seine Kritik am neuen Wahlrecht wiederholt er nun nochmal: „Es zeigt sich deutlich, dass wir das Wahlrecht jetzt reformieren müssen“, so Naser: „Es ist aus meiner Sicht absurd, was in den letzten zwölf Monaten hier los war.“
Wann genau er in Berlin anfängt, ist noch nicht klar. „Das wird aber zügig sein“, sagt Naser. Wenn die Personalien Kemmer und Oppelt geklärt sind, bekommt Naser Post von der Wahlleitung. „Dann werde ich das Mandat annehmen.“