Vor der Landtagswahl und dem Bürgerentscheid zum Freibad: Zwischen Obst- und Gemüseständen haben die Stimmenfänger auf dem Marktplatz buchstäblich einen ziemlich schweren Stand.
Frisches Gemüse, leckeres Obst und obendrauf noch das eine oder andere Schwätzchen: Auf dem Wochenmarkt gibt’s bekanntlich alles, was das Herz begehrt. Ab und zu ist allerdings noch etwas ganz Spezielles im Angebot. Denn wenn sich unter der Lenkplastik die Sonnenschirme ballen, sich die Luftballons aufplustern und die bunten Fähnchen wehen, weiß der geneigte Marktbesucher: Da gibt’s zwischen Kartoffeln, Karotten und Kohlrabi noch was im Sonderangebot: Wahlkampf nämlich, und das ganz umsonst.
Das ist derzeit auch an den Samstagen vor dem 8. März, dem Tag der Landtagswahl, der Fall. Haben die Wahlberechtigten in der Markgrafenstadt dank dem Bürgerentscheid über die Sanierung des Schwimmbads doch noch eine Qual der Wahl mehr als jene im Rest von Baden-Württemberg. Heißa, da tobt er doch, der Wahlkampfbär – oder etwa nicht?
Wer beim Marktbummel an den zwei zurückliegenden Samstagen auf ein Wahlkampfschnäppchen hoffte, musste allerdings mit leerem Einkaufskorb von dannen ziehen. Sicher, es gab Prospekte und Gratis-Kulis zum Mitnehmen, doch von Menschentrauben und echtem Wahlkampfgetümmel unter Emma Herwegh auf der Kanone und dem Revoluzzer Fritz Teufel kaum eine Spur.
Hauch von Wahlkampf an der Schwimmbad-Front
Mit einer Ausnahme: Zumindest an der Schwimmbad-Front flackerte bisweilen ein Hauch von Wahlkampf auf. An den Ständen der Naturbad-Befürworter von Stadt und Gemeinderat und der Naturbad-Gegner von der IG Sport- und Familienbad blieb zumindest der eine oder andere Marktbesucher stehen – und konnte durchaus ein Pfündchen Wahlkampf mit nach Hause nehmen.
Standen sich Bad-Wahlkämpfer doch sozusagen in Wurfweite gegenüber – und da ging’s dann schon mal zur Sache. Es flogen zwar keine faulen Tomaten oder blaue Bohnen hin und her, doch die Fronten waren klar abgesteckt.
„Etwas mehr Resonanz“ an ihrem Marktstand hätte sich Maria Brokatzky von der IG Sport- und Familienbad dennoch gewünscht. In den Wochen zuvor waren es nach ihren Worten vor allem die Hauptnutznießer des Freibads, ältere Menschen und Familien, die an dem Stand mit blauen Bade-Entchen und aufblasbaren Wasserbällen zum Mitnehmen vorbeigeschaut hätten. „Klarer Nachteil“ eines Naturbads seien nicht so nicht so sehr die Algen, meint sie, sondern die vergleichsweise niedrigen Wassertemperaturen. Die IG mache sich vor allem Sorgen um die Schwimmkurse, sagt Maria Brokatzky und zeigt sich mit Blick auf den Ausgang des Bürgerentscheid zuversichtlich: „Die Schopfheimer wissen, was sie wollen.“
Auf der anderen Seite klingt es ähnlich: „Ich sehe der Abstimmung optimistisch entgegen“, gibt Bürgermeister Dirk Harscher zu Protokoll und verspricht, dass sich die Stadt unabhängig vom Wahlausgang mit „Herzblut und Leidenschaft“ an die von den Bürgern favorisierte Sanierungsvariante des Freibads machen werde, um das „allerbeste Ergebnis“ zu erzielen. Das Stadtoberhaupt ist mit Blick auf den Bürgerentscheid denn auch guter Dinge, dass sich bereits alle Wahlberechtigten eine Meinung gebildet haben. Inhaltlich will er auf die Behauptungen der IG so kurz vor dem Bürgerentscheid denn auch gar nicht weiter eingehen. Ihn störe vor allem deren „aggressive Haltung“ und „emotionales“ Vorgehen, erklärt Harscher und verweist darauf, dass immer mehr Städte auf Naturbäder setzen, weil diese auch in Bezug auf den Klimawandel eine „gute Alternative darstellen.
Tja, und plötzlich flackert da doch heiße Wahlkampfstimmung auf. Fritz Lenz ist es, der im Stile eines Ritters ohne Furcht und Tadel die schmale Gasse zwischen den beiden Bad-Wahlkampfständen im Sturmschritt überwindet und mit der verbalen Keule zum Rundumschlag ausholt. „Ihr lügt doch alle, ihr habt keine Ahnung“, geht er den Bürgermeister, die unter dem großen Schirm dicht gedrängt stehenden Stadträte sowie die DLRG-Vertreter frontal an, wettert über die Wassertemperaturen und die angeblich zu kurzen Schwimmbahnen in einem Naturbad – und zieht, nach seinem ultimativen Ausbruch an die Adresse der verdutzten Wahlkämpfer: „Für den ersten Toten im Naturbad mach ich euch verantwortlich!“, wieder von dannen.
Stimmungsmäßig können die Stimmenfänger an den Parteiständen da bei weitem nicht mithalten. An ihren Ständen geht’s im Windschatten der Freibad-Kampfschwimmer deutlich leiser zu. Präsenz zeigen ohnehin nur drei Parteien – Grüne, SPD und Linke, von CDU, FDP oder AfD ist – zumindest an diesem Samstag – keine Spur auf weiter Flur.
Landtagswahlkampf im Windschatten des Bades
Doch auch das wackere Trio, das bunte Prospekte, Kugelschreiber, Papiertaschentücher und sogar frisch gebackene Waffeln unters spärlich vorbeischauende Volk bringen will, schiebt im Vergleich zu den Gladiatoren an den beiden Schwimmbad-Ständen doch eine eher ruhige Kugel. „Die meisten“, erklärt ein versierter Wahlkämpfer, „haben ihr Kreuzchen per Briefwahl eh schon gemacht“. Ein anderer gewinnt der mageren Resonanz sogar etwas Gutes ab: „Wir bekommen kaum blöde Kommentare zu hören“, erzählt er. Aufgeben gilt gleichwohl nicht. Auch an den beiden kommenden Samstagen wollen alle Bad- und Partei-Stimmenfänger erneut unverdrossen auf Wählerfang gehen. Einer hat dafür sogar eine Geheimwaffe in der Hinterhand – Thomas Jost aus Raitbach. Er will den SPD-Stand am Samstag nämlich mit einer Gulaschkanone aufrüsten. Gut möglich, dass sich daran sogar Gegner und Befürworter eines Naturbads friedlich den Bauch vollschlagen – und vielleicht darf’s dann vom Wahlkampffutter nicht nur ein Pfund sein, sondern sogar ein bisschen mehr.