Gelungenes Wahlkampfpodium: 200 Interessierte im Kleinen Saal der Balinger Stadthalle, 9700 Zuschauer bei YouTube, Instagram und TikTok.
Der Linken-Kandidatin Elena „Loo“ Krein, die es in jedem Schnellsprech-Wettbewerb mit ihrer Parteichefin Heidi Reichinnek aufnehmen kann, verschlug es auf dem Podium für einen Moment die Sprache: „Was habe ich denn mit Wölfen zu tun?“ Großes Amusement im 200-köpfigen Publikum im Kleinen Saal der Balinger Stadthalle! Die 19-Jährige war von einem Livestream-Zuschauer gefragt worden, ob sie dafür sei, den Hornisgrinde-Wolf abzuschießen: „Ja oder nein?“ Als sich die junge Hechingerin wieder gesammelt hatte, lautete ihre klare Antwort: „Nein.“
„Windräder nicht das Böse“
Auf der anderen Seite des Podiums atmete der Grünen-Kandidat Maurice Rössler erleichtert auf, dass er diese Frage nicht gestellt bekam. Schließlich war es seine Parteifreundin, die Umweltministerin Thekla Walker, die den angeblichen Problemwolf zum Abschuss freigegeben hat.
Rössler zog derweil den Zorn der Windkraftgegner im Publikum auf sich, nachdem er mit Verve dafür plädierte, die leeren Kassen der Kommunen mit Pachteinnahmen für Windräder zu füllen.
Einer Kritikerin, die Argumente wie Abrieb von Rotorblättern, Bodenversiegelung und Abholzung gegen Windparks ins Feld führte, hielt der Burladinger entgegen: „Das meiste, was Sie sagen, stimmt einfach nicht. Windräder sind nicht das Böse schlechthin.“
Ja, die anderthalbstündige Podiumsdiskussion fünf Tage vor der Landtagswahl war mal amüsant, mal konfliktträchtig, durchweg aber ein spannender argumentativer Schlagabtausch der Kandidatinnen und Kandidaten der sechs aussichtsreichsten Parteien im Wahlkreis Balingen.
„Etwas sehr Besonderes“, gar „für uns noch nie Dagewesenes“ war der Abend aus der Sicht von Tim Hager, dem Geschäftsführer des im Zollernalbkreis marktführenden Medienhauses.
In seiner Begrüßungsansprache freute er sich über das erste Wahlpodium, das „die drei starken Stimmen aus der Region“, Südwest Presse, Hohenzollerische Zeitung und Schwarzwälder Bote, gemeinsam veranstalten.
Spritpreise über zwei Euro
Das Moderatorenduo aus der Redaktionsleitung, Julia Gern und Ernst Klett, stieg mit dem Thema ein, das aktuell alle bewegt: dem Krieg in Nahost, der die Spritpreise phasenweise über die Zwei-Euro-Marke getrieben hat.
Während Nicole Hoffmeister-Kraut, Wirtschaftsministerin und CDU-Kandidatin, das als „ganz kurzfristige Entwicklung“ bezeichnete („Aktuell können 20 Prozent der Ölexporte nicht stattfinden“) und auf eine nachhaltige Stärkung der Wirtschaft durch „Reformen, Deregulierung, Bürokratieabbau und Innovation“ setzte, gab AfD-Kandidat Hans-Peter Hörner dem populistischen Impuls nach und forderte, der Staat möge vorübergehend auf Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer und CO2-Abgabe verzichten.
Dominik Ochs, SPD-Ersatzkandidat für die aus gesundheitlichen Gründen verhinderte Katja Weiger-Schick, betonte: In einer Zeit der Trumps und Putins werde es „nicht das letzte Mal sein“, dass man Preisschocks bei Öl und Benzin erlebe. Der „beste Schutz“ dagegen sei, „auf Elektromobilität zu setzen und grüne Energie vor Ort zu produzieren“.
Der Grüne Maurice Rössler pflichtete bei und forderte, die Energiewende „konsequent durchzuziehen“. Leider sei das neue Heizgesetz der Bundesregierung „ein riesiger Schritt nach hinten“.
Elena Krein (Linke) empfahl als nachhaltige Lösungen „einen sinnvollen Ausbau des ÖPNV und eine anständige Friedenspolitik“. FDP-Kandidat Albrecht Raible plädierte ebenfalls für Prozesse „weg von Öl, hin zu Wasserstoff“.
„Katastrophe“ auf der Bahn
Die nachhaltige Mobilitätswende scheitert in der Neckar-Alb-Realität an der „völligen Verkehrskatastrophe“ auf der Bahn, die ein Zuschauer monierte.
Kurzfristige Lösungen konnte aber auch Maurice Rössler, der Vertreter der Partei, die den Verkehrsminister im Land stellte, nicht in Aussicht stellen, „weil unser Schienennetz eingleisig ist“. Nachdem man 20 Jahre lang „verpennt“ habe, die Infrastruktur auszubauen, könne nur das Warten auf die Regionalstadtbahn helfen.
„Anschluss geschafft“
Für die provokanten Einzelfragen war auf dem Podium Ernst Klett zuständig. Die CDU-Wirtschaftsministerin fragte er, ob man die von ihr verlangten Reformen im Ländle nicht hätte früher machen können. Hoffmeister-Kraut konterte mit einer persönlichen Amtszeitbilanz und dem Fazit: „Baden-Württemberg hat die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft sehr gut entwickelt und wieder den Anschluss geschafft.“
Ob der wundersame Aufschwung der Grünen in den Umfragen nicht allein an Cem Özdemir liege, aber nicht an der Partei, „die keine Heizungsgesetze kann“, wurde Maurice Rössler gefragt. Der 30-Jährige ignorierte den Seitenhieb und startete ein Loblied auf den Spitzenkandidaten, auf dessen „Ausstrahlung und Erfahrung“, wohingegen Friedrich Merz „einer der schlechtesten Kanzler seit langem“ sei, „weil er keine Erfahrung hat“.
Und was bleibt von der SPD, „außer einem missglückten Streichwurstkauf ihres Spitzenkandidaten in Frankreich“? Die Sozialdemokraten seien schon oft totgesagt worden, konterte Dominik Ochs. „Doch es gibt keine andere Partei, die Sozialpolitik so konsequent auf die Tagesordnung hebt wie wir.“
Die FDP wiederum, „die nicht mal Schraubenkönig Würth wieder im Landtag haben will“ (Klett), muss sie sogar in ihrem Stammland vor der Fünf-Prozent-Hürde zittern? „Ich mache mir keine Sorgen“, sagte Albrecht Raible. Er rechne mit mehr als sechs Prozent. „Würth sei eine Einzelmeinung, nicht repräsentativ“.
Wer in Rommelsbach war
Noch ein aktuelles Thema: der Auftritt des Rechtsextremen Björn Höcke in Rommelsbach. AfD-Kandidat Hörner erklärte auf Nachfrage, er selbst sei nicht dort gewesen. Dass der prominente AfD-Mann aus Thüringen rechtsextrem sei, bestritt der Balinger im Übrigen. Höcke, so Hörner, „setzt sich ein für das Land, das er liebt“. Was die Linke Elena Krein nicht unkommentiert lassen wollte: „Höcke lebt im Deutschland von 1930 und ist gesichert rechtsextrem.“ Sie sei in Rommelsbach gewesen, „um antidemokratische Kräfte zu bekämpfen“.
Wie die bildungspolitischen Fronten im neuen Landtag verlaufen könnten, illustrierte die Debatte um die verbindliche Grundschulempfehlung, die Julia Gern aufrief. Die Kandidaten von CDU, FDP und AfD plädierten dafür, die von Grünen, SPD und Linken dagegen. Dominik Ochs berief sich gar auf einen Nobelpreisträger: „Eine Trennung der Kinder nach vier Jahren ist viel zu früh. Das hat schon Albert Einstein gesagt.“
9700 Online-Zuschauer
Nach anderthalbstündiger Debatte, die auf den Online-Kanälen der Zeitungen von 9700 Zuschauern verfolgt wurde, zogen die Moderatoren ein positives Fazit: „Sehr spannend, sehr viele ehrliche Antworten.“ Was die auf dem Podium vertretenen Politiker einte, war der Appell, am Sonntag wählen zu gehen.