Wenn Wahlkampf ist, verwandeln sich Straßen und Laternenmasten in eine Bühne politischer Selbstinszenierung, findet unser Leser Alexander Pick aus Jungingen.
Oh, tatsächlich, sie ist wieder da: Die Zeit der Grinsegesichter auf bunten Plakaten, die mir als buntes Spalier meinen Weg durch unseren Landkreis weisen. Unwillkürlich nehme ich eine leicht geduckte Haltung an, um nicht erschlagen zu werden von all den tiefsinnigen Parolen, welche von den Laternenmasten links und rechts der Straße auf den Autofahrer herniederprasseln.
Ein junger Lockenkopf vor düster-rotem Hintergrund wirbt um meine Stimme, „weil es um mich geht“. Was für eine fürsorgliche, idealistische Haltung! Obwohl er mich ja überhaupt nicht kennen dürfte. Sollte er ein Mandat für den Landtag erringen, werde ich ihm meine Kontonummer zukommen lassen, damit wir die üppigen Diätenzahlungen an ihn und seine Genossen unter uns aufteilen können.
Dann die Plakate mit hellblauem Farbton. „Lesen Schreiben Rechnen“ ist darauf zu lesen. Auch nicht schlecht, denke ich. Sollten deren Kandidaten tatsächlich diese Fähigkeiten besitzen? Zweifel sind angebracht. Denn in unseren Parlamenten tummeln sich so einige Politiker, die nicht gerade mit mathematischer Kompetenz glänzen und in puncto Staatsverschuldung immer mal wieder die Bremse mit dem Gaspedal verwechseln. Auch um das akute Problem mit unserem Weltklima wird sich nicht herumgedrückt. Ein kurzes, eingängiges Wort in weißen Großbuchstaben soll sich tief ins Wählerbewusstsein einbrennen: „HAGEL“.
Mission Weltrettung
Apropos Klima. Natürlich darf das Thema auch auf den vielen grünstichigen Plakaten nicht fehlen. Ein potentieller Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten gibt hier den absoluten Experten. Mission Weltrettung, „weil er´s kann“. Nun ja, ich finde dies etwas begründungsschwach. Aber vielleicht hat er aufgrund seiner persönlichen Erfahrung eine gute Idee in petto, wie sich steuergeldfinanzierte Bonusmeilen von reisefreudigen Politikern für den Erwerb von CO2-Zertifikaten oder die Anpflanzung von klimaresistenten Hainbuchen auf der Schwäbischen Alb nutzen lassen.
Propagierter Bürokratieabbau
Dagegen wirken die Plakate mit hohem Gelbanteil auf mich eher irritierend. „Zurück, dann vorwärts“ oder so ähnlich heißt es da. Klingt für mich eher nach Tanzkurs. Eigentlich nicht mein Ding. Aber immerhin dürfte ich wohl mit dem Verbrenner dorthin fahren. Und für den von den Gelben als dringlich propagierten Bürokratieabbau nutzt ihnen bestimmt ihre Regierungserfahrung als Teil der Christlich-Liberalen Koalition in Baden-Württemberg von 1996 bis 2011. Das groß angekündigte Vorhaben, die jährliche Grabsteinrüttelpflicht abzuschaffen, ist damals allerdings nach langem Hin und Her gescheitert.
Von wuchtiger Entschlossenheit
Und dann sind da ja noch die tiefblauen Plakate. Oft großformatig, von wuchtiger Entschlossenheit. Wirklich imposant, wie sie eine ewig unerfüllte Wählersehnsucht bedienen. „Ehrlich“. Wow, wie lange haben wir alle darauf gewartet, dass sich endlich ein Spitzenkandidat mit dieser einzigartigen, allen Politikerklischees widersprechenden Primärtugend schmückt! Und dann soll – so eine andere Parole – sein entschlossener Blick auch noch „allen Illegalen Angst machen“. Ich bin da etwas skeptisch. Denn ich denke, dass sich die furchterregende Wirkung dieses Erscheinungsbildes durchaus auf einen weit größeren Personenkreis erstrecken könnte. Der Mann wird dies bestimmt am eigenen Leib erleben, wenn die von den Tiefblauen geforderte Grenzschließung kommen sollte. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ihm die deutsche Grenzpolizei die Einreise ohne intensive Personenkontrolle gestatten wird.
Politische Glücksverheißungen
So irren mein Auto und ich einfacher Wähler durch den großen Plakatdschungel mit seinen unendlich vielen politischen Glücksverheißungen. Verzweifelt suche ich in dem Chaos nach einem sicheren Hafen für meine beiden Stimmzettelkreuzchen am 8. März. Dann die Erlösung! Auf meiner Fahrt durchs untere Killertal gewahre ich plötzlich ein Plakat von nie dagewesener Überzeugungskraft. Darauf ein stilisierter Uhu. Ohne dümmlichen Slogan, ohne manipulativen Schnickschnack. Ein Geschenk des Himmels! Ja, mein Entschluss steht nun fest. Diese Partei werde ich unbedingt wählen: die Narrenzunft Schlatt!
Alexander Pick, JungingenSchreiben Sie uns: leserbriefe@schwarzwaelder-bote.de. Mit der Übersendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihr Leserbrief in der Printausgabe, im E-Paper sowie im Onlinedienst des Schwarzwälder Boten veröffentlicht wird. Wir behalten uns Kürzungen vor. Leserbriefe entsprechen nicht notwendig der Meinung der Redaktion.