50 Jahre „Wagnerstüble“: Renate und Roy Kieferle blicken zurück. Sie wissen: „Man braucht für Erfolg Zeit, viel Arbeit und Durchhaltevermögen.“
Lamborghinis und andere Edelkarossen haben ihre Besitzer in der Wildbader Straße „ausgespuckt“, Radio, Fernsehen und Boulevardzeitschriften haben deutschlandweit über das kleine Lokal berichtet, das dort, von außen fast unscheinbar, in den vergangenen Jahrzehnten für Furore sorgte. Genau am 1. Juni vor 50 Jahren haben Renate und Roy Kieferle, gerade Mitte 20, die Garni-Pension ihrer Eltern übernommen und zu einem Lokal mit außergewöhnlichem Ruf gemacht. Sie führen es bis heute.
Vorspeise: „Kleine Einstimmung mit ofenfrischem Dinkelbaguette“
Kieferle, gebürtig aus Stuttgart, kam nach der Kochlehre in der Oberen Kapfenhardter Mühle als erster Lehrling von Walter Mönch auf die Sonneninsel ins renommierte Hotel Funk von Patronin Luise Uttenreuther. Feinschliff erhielt er da von Küchenchef Werner Rawiel, später Traube Tonbach, in der klassischen, gehobenen Küche.
Mit Renate Bott lernte er, keine 20 Jahre alt, seine künftige Ehefrau kennen. Die mit der Gastronomie bis dahin nichts zu tun hatte: „Was den Service betrifft, bin ich Autodidaktin!“ Aber sie hatte Eltern, die im Zuge des Kur- und Tourismusbooms der 1960er-Jahre eine Pension Garni in Dobel bauten und sie nach dem Beruf von Stellmacher Otto Bott „Wagnerstüble“ nannten.
Radikales Umdenken
Schwiegersohn Kieferle kochte ab und zu während seiner Bundeswehrzeit. Die kleine Familie, um den ersten Sohn verstärkt, zog es aber zunächst nach Wildbad ins Hotel Rassmann. Der junge Koch hatte – trotz Kochkunst und deftiger Speisen - immer wieder Magenprobleme. Sein Schwiegervater Bott empfahl ihm, den Homöopathen und Anthroposophen Karl Buchleitner in Pforzheim aufzusuchen – und damit begann ein radikales Umdenken.
Zwischengericht: In kretischem Olivenöl gebratenes Gemüse mit mediterranen Kräutern
Am 1. Juni 1975 übernahm das Ehepaar Kieferle, zunächst zur Pacht, das „Wagnerstüble“. Knapp 40 Plätze plus Gastzimmer. Bis heute. Sechs Tage die Woche hatte das Lokal geöffnet. Oma Lore und Uroma Berta Bott unterstützten bei den beiden Söhnen wie auch im Betrieb, denn auch Renate Kieferle war voll eingespannt als stets perfekte Gastgeberin. Gehobene Küche, zunächst konventionell, brachte Gäste aus dem Raum Karlsruhe, Pforzheim und Stuttgart. Dann kam sukzessive die Idee von Vollwertkost und vegetarischen Menüs. „Was für mich gut ist, tut auch meinen Gästen gut!“, folgerte der Koch, dem vollwertiges Korn, Biogemüse und weniger Fleisch selbst wohl taten. Etwas sensationell Neues, was die Gäste nicht alle gleich so sahen.
Skepsis mischte sich mit Interesse und zunehmender Begeisterung. Kieferles vervollkommneten ihr Wissen, er ging „Klinken putzen“ bei Höfen auf der Suche nach biologisch erzeugten, regionalen Produkten, nach artgerechter Haltung. Als echter Pionier konnte er Landwirte und Mühlen ins Boot holen. Parallel zu einem allgemeinen Umdenken in der Bevölkerung in den 1980er-Jahren wurde das „Wagnerstüble“ zum Trendsetter. Kieferles hatten Kontakt zum französischen Pflanzenheilkundler Maurice Mességué, zum schweizerischen Naturheilkundler Alfred Vogel. Roy testete Kräuter statt Salz aus, reduzierte auf fifty-fifty statt Vollkorn. Das „Wagnerstüble“ florierte, es gab eine Serviererin und Auszubildende als Hotel- und Gaststättengehilfinnen, einen Kochlehrling sowie immer wieder interessierte Hospitanten in der Küche.
Hauptgericht: Rückensteak vom Weidekalb, Champignons, Spargel, Sauce béarnaise, Kartoffeln
Zeitungsartikel, Kolumnen, Radiosendungen und Fernsehauftritte folgten. Bis heute.
Der Gastronom und Koch aus Dobel mit der Naturkostküche wurde deutschlandweit bekannt, als Kräuterpapst, Fernsehkoch. Er lernte Leute vom Fernsehen kennen, aus der Politik – und auch solche aus dem Sport. Nach dem Motto „Müsli macht weiche Knie hart!“ wurde Kieferle dank Christoph Daum zum Fußballkoch der Nation: VfB Stuttgart und Bayer Leverkusen nutzten über Jahre seine Expertise, nahmen ihn mit auf Trainingslager. Zuhause blieb das „Wagnerstüble“ an solchen „Ausflugstagen“ geschlossen, die Stellung vor Ort hielt Renate Kieferle. An allen anderen Tagen waren beide im Restaurant im Einsatz. Ausfälle nicht geplant: „Wir waren nie krank!“
Viele Glanzpunkte
An Ruhetagen oder nach dem Mittagsgeschäft gab’s immer einmal Filmaufnahmen und Interviews. Prominenz speiste im feinen kleinen Lokal in der Wildbader Straße. Von vielen Glanzpunkten ist dem Ehepaar etwa ein Abend mit den Bayreuther Wagnersängern samt Sangeskostproben in bestem Gedächtnis. Auch Dobel selbst wusste seinen berühmten Einwohner in helles Licht zu stellen: Von Gerhard Westenberger bis Wolfgang Krieg entstanden gemeinsam mit den Bürgermeistern Vermarktungsformate wie etwa Wanderungen mit Einkehr im „Wagnerstüble“ als echte Win-Wins. Unvergesslich das Model aus den Staaten, das sich für Filmaufnahmen im Gemüse im Dobler Kurhaus räkelte! „Durststrecken im Lokal gab es aber immer“, betont Renate Kieferle. Die Zeiten zwischen dem Winterhoch und der Wandersaison etwa und die Wochentage im Vergleich zu den Wochenenden. Trotz Berühmtheit und In-der-Welt-Herumkommen blieb Roy Kieferle immer auch Dobler Gastronom. Den Wirte-Stammtisch, den er früh gründete, hat er viele Jahre am Leben gehalten, das Wir-Gefühl unter den Gastronomen war ihm wichtig: „Bis sie nach und nach buchstäblich wegstarben. Es mangelte an Nachfolgern.“
Dessert: Käse-Sahne-Mousse, Erdbeeren, Mandeln, Schokolade
„Nach Corona haben wir begonnen aufzuhören“, sagt das Gastronomenehepaar, mittlerweile 77 und 78 Jahre alt, ehrlich. Seit der Wiederöffnung ist das „Wagnerstüble“ noch an drei Tagen geöffnet, jeweils auf Vorbestellung. Der Gastraum ist stets tipptopp, Terrasse und Kräutergarten selbst gepflegt – samt Bärlauch, Roy Kieferles ganz speziellem Kraut. Komplett aufhören fällt dem eingeschworenen Team schwer. Aber ihnen ist bewusst, wenn sie es tun, gibt es keine Nachfolger. Schon jetzt, stellt Roy Kieferle fest, sende Dobel keine gastronomischen Signale mehr aus. Beide erzählen von dem Gast aus der Schweiz, den sie kurzfristig vor Wochen bewirteten, weil er in seiner Unterkunft kein Essen, in einem anderen Betrieb ebenfalls keines bekommen, weil er dort keine Unterkunft gebucht hatte, und ansonsten nur geschlossene Lokale in Dobel vorfand.
„Man braucht für Erfolg Zeit, viel Arbeit und Durchhaltevermögen“, sagen zwei, die es wissen müssen: „Solange wir können, machen wir hier weiter. Die Zukunft ist offen.“