Russische Kämpfer stellen in der Zentralafrikanischen Republik die Leibgarde des Präsidenten Faustin-Archange Touadéra. Foto: AFP/Florent Vergnes

Die Wagner-Truppe ist vor allem Moskaus verlängerter Arm in Afrika – und für ihre Brutalität berüchtigt. Jetzt wird die Miliz auch im Kampf gegen die Ukraine gebraucht. Mehr als 1000 Söldner sollen entsandt worden sein, heißt es aus britischen Geheimdienstkreisen.

Verkehrte Welt. Während in Europa Hunderttausende auf die Straße gehen, um gegen die russische Invasion in der Ukraine zu protestieren, drücken in Bamako, der Hauptstadt Malis, Tausende von Demonstranten ihre Genugtuung über die „Militäraktion“ aus. Auf dem Platz der Märtyrer halten sie Poster mit dem Gesicht Wladimir Putins in die Höhe, schwenken das Banner Russlands und verbrennen die Flaggen Frankreichs. Auf Schildern steht „Merci Wagner“, und irgendwo kommt auch ein Bild des Komponisten Richard Wagner zum Vorschein. Was nur hat der Tannhäuser mit dem westafrikanischen Unruhestaat zu tun?

 

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Dimitry Utkin, ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier, hat seiner Söldnertruppe den Namen des nationalistischen Künstlers verpasst: Utkin werden Nazisympathien nachgesagt, und Wagner war Hitlers Lieblingskomponist. Die angeblich von „Putins Koch“, der grauen Eminenz Jewgeni Prigoschin, finanzierte Truppe ist in zahlreiche Konfliktherde der Welt verwickelt: einst in Tschetschenien, dann im Donbass, schließlich in Syrien und Libyen. Das britische Verteidigungsministerium geht davon aus, dass Kombattanten des Militärunternehmens inzwischen auch in der Ostukraine eingesetzt werden: Nach Geheimdienstinformationen sollen mehr als 1000 Söldner, darunter hochrangige Führer, für Kampfeinsätze in den Osten der Ukraine entsandt worden sein.

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Wie die agieren, damit hat man auch in Mali Erfahrung: Seit Anfang des Jahres sind hier rund tausend Kämpfer aktiv, weswegen Frankreich die 5000 Fremdenlegionäre seiner Barkhane-Mission jetzt aus Mali abzieht. Die Militärherrscher des Staats, der von islamistischem Terror heimgesucht wird, bestreiten die Präsenz der russischen Profikämpfer: Es handele sich lediglich um „militärische Ausbilder“, heißt es.

In der legendären Wüstenstadt Timbuktu zog die Wagner-Truppe in das von den Franzosen verlassene Quartier ein. Weiter südlich sollen die überwiegend blonden und blauäugigen Söldner bereits in Kämpfe mit den islamischen Extremisten verwickelt sein. Dabei hätten sie ihren Ruf als gewissenlose Haudegen unter Beweis gestellt, meldeten französische Fernsehsender Anfang des Monats: In der Region um die Provinzstadt Segou hätten sie Dörfer überfallen und Zivilisten exekutiert, bei einem besonders brutalen Überfall hätten sie mehr als 30 Dorfbewohner, darunter auch Kinder, gefesselt, mit Benzin übergossen und angezündet. Die UN sollen den Übergriffen nachgegangen sein, doch der Bericht wird unter Verschluss gehalten. Das deutsche Kontingent der UN-Mission Minusma muss seine Drohnenflüge inzwischen mit dreitägigem Vorlauf in Bamako anmelden. So solle verhindert werden, dass den Aufklärern Bilder von russischen Söldnern in die Hände geraten, ist ein deutscher Beobachter in Mali überzeugt.

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Der Wagner-Truppe kommt ihr Terminator-Ruf gerade recht: Jetzt kann sie sich in Bamako als effiziente Antiterroreinheit feiern lassen, die schon in Wochen erreicht habe, was den Franzosen in einer Dekade nicht gelang. Dass die tausend Söldner den Staat tatsächlich befrieden können, gilt allerdings als ausgeschlossen. Darauf käme es ihren Hintermännern auch gar nicht an, meint der deutsche Mali-Kenner: Der Kreml wolle vor allem seinen Einflussbereich in Afrika vergrößern. Um anzudocken, pflegen die Kreml-Strategen afrikanische Staaten ins Visier zu nehmen, die entweder von Militärs regiert werden oder in Trümmern liegen. Wie Libyen, wo die Wagner-Truppe den Rebellengeneral Khalifa Haftar unterstützte; oder die Zentralafrikanische Republik (ZAR), in der sie den umstrittenen Präsidenten Faustin-Archange Touadéra im Sessel hält. Im Sudan stärken die Kämpfer die Junta, die mit brutaler Gewalt gegen die demokratische Opposition vorgeht.

Schürfrechte statt Bargeld

Diesen Trümmerstaaten ist zudem gemein, dass sie vom Westen gemieden werden. Womit Putins Truppe fürs Schmutzige weniger Probleme hat: Den Kämpfern kommt es auf ihren Ruf als effiziente „Sicherheitsprofis“ an, auf die Etablierung russischer Brückenköpfe in Afrika – sowie auf ihre Bezahlung. Weil die meisten Staaten über kein Bargeld verfügen, lässt sich die Wagner-Truppe über Schürfrechte honorieren: Der Geologe Sergei Laktionow reist meist schon vor der Vertragsunterzeichnung in das anvisierte Land, um dessen Bodenschätze zu inspizieren. In Mali und im Sudan locken Gold, in der ZAR Diamanten, in Mosambik Edelsteine und Erdgas. In Zentralafrika sollen die Söldner außerdem Abgaben auf Kaffee-Exporte erheben, wie das vor ihnen die heimischen Rebellentruppen taten – ihrem Ansehen hat das nicht geholfen.

Dabei ist den Russen die Reputation dermaßen wichtig, dass sie sich mit den Vertretern westlicher Staaten regelrechte PR-Schlachten liefern. 2019 schaltete Facebook zwei russische Netzwerke und ein französisches ab, weil sie „Manipulationskampagnen“ geführt hätten. Wie schon 2016 in den USA mischt sich die russische Trollarmee gerne in Wahlkämpfe ein: Laut Facebook soll sie bei den Abstimmungen in acht afrikanischen Staaten „mitgewirkt“ haben. Der Name, der in diesem Zusammenhang am häufigsten fällt: Jewgeni Prigoschin und seine „Agentur für Internet-Erforschung“. In der ZAR ließ sich der Unternehmer, der als Caterer unter anderem die russische Armee versorgt, etwas Besonderes einfallen. Er finanzierte zwei Kinofilme, in denen die Wagnerianer als selbstlose Helfer, aber ausgestattet mit beachtlicher Feuerkraft, verherrlicht werden: Als größte Filmproduktionen, die in der ZAR jemals verwirklicht wurden, verursachten „Tourist“ und „Granit“ einiges Aufsehen. Die Premiere von „Tourist“ fand mit mehr als zehntausend Zuschauern und im Beisein des Präsidenten im Stadion der Hauptstadt Bangui statt.

Mali will alle westlichen Soldaten loswerden

Die Botschaft der russischen PR ist simpel: Die Bösen sind die ehemaligen Kolonialnationen, allen voran Frankreich, die Afrika nur ausplündern wollten, während den Erben der sozialistischen Sowjetrepubliken an der Entwicklung des Kontinents gelegen sei. Mit der Wirklichkeit hat solche Propaganda nicht viel zu tun: Wenn es ein Gebiet gibt, in dem Russland in Afrika führend ist, dann der Waffenhandel. Rund ein Drittel des auf dem Kontinent verbreiteten Kriegsgeräts stammt aus dem Reich Putins: Dessen afrikanischen Freunden – Militärherrschern und Kriegsfürsten – liegt das Wohl der Bevölkerung kaum mehr am Herzen als dem russischen Präsidenten die Zukunft der Ukraine.

Wie Putins Krieg seine Beziehungen in Afrika verändern wird, ist noch offen. Auch nach dem Überfall auf die Ukraine reiste der sudanesische Milizenführer und Vizepräsident Mohamed Hamdan Dagalo noch nach Moskau – gefolgt vom malischen Verteidigungsminister Sadio Camara und Luftwaffenchef Alou Boi Diarra. Ihr Ziel ist, sämtliche noch in Mali stationierten westlichen Soldaten so schnell wie möglich loszuwerden. Vergangene Woche landeten drei malische Raketen direkt neben einem britischen Militärlager – „eine Warnung“, meint der deutsche Beobachter in Bamako. Noch sind auch mehr als 1000 Bundeswehrsoldaten in Mali stationiert: Ihre Zukunft wird sich spätestens im Mai entscheiden, wenn der Bundestag über die Fortsetzung der Beteiligung an der UN-Mission Unisma abstimmt.

Wie sich die malische Bevölkerung selbst ihre Zukunft vorstellt, bleibt im Dunkeln. Eine Umfrage soll ergeben haben, dass sich „mehr als 87 Prozent“ der Malier von der Wagner-Truppe beschützen lassen wollen: Die Umfrage hatte jedoch Prigoschins PR-Armee durchgeführt. Auch die prorussischen Demonstrationen in Bamako werden Medienberichten zufolge von Malis Militärs inszeniert. Vermutlich wird der Ruf der Wagner-Truppe ungefähr jener Kurve folgen, die der Reporter der „Financial Times“ aus der ZAR beschrieb: „Erst herrschte riesige Hoffnung, dann Ehrfurcht vor der Professionalität der Truppe, gefolgt von Enttäuschung und schließlich: Entsetzen.“