Er tritt als Adolf Hitler mit Hakenkreuz-Binde auf, ruft „Sieg Heil“. Ein altes Video hat für einen AfD-Mann aus dem Südwesten Konsequenzen. Jetzt ist er nicht mehr in der Partei.
Verstörende Szenen auf einem etwa 20 Jahre alten Video haben für einen AfD-Mann aus Baden-Württemberg späte Konsequenzen: Rouven Brechlin, bis kürzlich Lokalpolitiker der Rechtsaußen-Partei im Stadtverband Waghäusel-Philippsburg (Kreis Karlsruhe), betritt in einem offenbar stillgelegten Munitionsbunker der Bundeswehr ein Podium – und tritt dort als Adolf Hitler ans Mikrofon. „Ein Hoch auf den Führer, Sieg Heil“, ruft ein anderer aus dem Raum, die versammelte Menge antwortet „Sieg Heil“. Am Rednerpult hängt eine Hakenkreuz-Flagge, Brechlin selbst trägt Hitler-Bart, Scheitel-Frisur und am Arm seiner Uniform eine Hakenkreuz-Binde. Letztere tragen auch einige andere im Raum, manche sind mit Tarnkleidung der Bundeswehr zu sehen. Sogar Kinder sind auf der Aufnahme zu hören.
Gelächter begleitet die Rede, die Brechlin in Anlehnung an Hitler wild gestikulierend hält. „Ich habe mir ein Ziel gesteckt, nämlich alle Parteien aus Deutschland hinauszufegen“, sagt er etwa in typischer Hitler-Rhetorik. Oder er brüllt ins Mikrofon: „Für dieses Volk werden wir kämpfen, ab heute Nacht 0 Uhr wird nun zurückgeschossen.“ Etwa 20 Jahre nach diesem Auftritt hat das Video Folgen für seine politische Aktivität: Brechlin war 1. Vorsitzender der AfD Waghäusel-Philippsburg und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion im Gemeinderat von Waghäusel, auch als Ersatzkandidat für die Landtagswahl am 8. März war Brechlin im Gespräch.
Anwalt des Beschuldigten will gerichtlich gegen den Hinweisgeber vorgehen
Ein ehemaliges Mitglied aus dem dortigen Stadtverband hat unserer Zeitung die Aufnahme zugespielt. Brechlin selbst habe damit noch im vergangenen Jahr geprahlt, das Video auf gemeinsamen Treffen gezeigt, auch im Nachgang noch zumindest an ihn per Whatsapp verschickt. Der Darstellung widerspricht Brechlins Anwalt, der das ehemalige Mitglied beschuldigt, die Aufnahme von Brechlins Handy auf seines – ohne Kenntnis von Brechlin – rübergezogen zu haben. Hintergrund seien interne Streitigkeiten im Stadtverband Waghäusel-Philippsburg, der Hinweisgeber wolle jetzt zum Rundumschlag ausholen, auch gegen seinen Mandanten, so der Vorwurf des Anwalts.
Man werde deshalb gerichtlich gegen den Mann vorgehen – wegen der Verbreitung des privaten Videos sowie der Behauptung, Brechlin stehe dem Nationalsozialismus nahe. „Mein Mandant hat es niemandem weitergeschickt“, sagt der Anwalt. Dieser Darstellung wiederum widerspricht der Hinweisgeber und zeigt einen Screenshot eines Whatsapp-Verlaufs zwischen ihm und Brechlin mit Download-Link für das Video, der beweisen soll, dass er die Aufnahme direkt von Brechlin Anfang Juli 2025 erhalten habe.
Auch AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier wurde das Video gezeigt
Zwei Monate zuvor sah sich jener AfD-Stadtverband unter der Führung von Brechlin Kritik der Stadt Philippsburg ausgesetzt, da die AfD am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, zu einem Stammtisch unter dem Motto „Gemeinsam für unser Deutschland“ eingeladen hatte – obwohl am selben Abend die Gedenkveranstaltung der Stadt stattfand. Sätze wie „Wir stehen Schulter an Schulter (...) gegen Bevormundung und den Ausverkauf unserer Heimat“ in der Ankündigung im Stadtanzeiger hätten bei manch Bürgern den Eindruck erweckt, als seien es Zeilen aus dem „Völkischen Beobachter“ der NSDAP, war seinerzeit im Philippsburger Gemeinderat moniert worden. Die AfD bedauerte, diese Assoziationen bei den Lesern des Stadtanzeigers geweckt zu haben, wehrte sich aber gegen den historischen Vergleich.
Der Hinweisgeber gibt an, den Eindruck zu haben, dass ein Verhalten wie das Brechlin vorgeworfene in der AfD geduldet werde. Auch deshalb habe er die Partei vor kurzem verlassen. Die AfD hingegen beteuert, sofort nach Bekanntwerden des Videos Konsequenzen gezogen zu haben – dies passierte jedoch erst, als die Sache von oberster Stelle angestoßen wurde: Denn am Rande einer Veranstaltung im vergangenen Jahr hatte der Hinweisgeber das Video auch dem AfD-Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Markus Frohnmaier, gezeigt.
AfD: „Mit seinem Austritt ist er einem Verfahren zuvorgekommen“
Jener berichtet unserer Zeitung, dass er anschließend sofort Maßnahmen für ein Parteiausschlussverfahren gegen Brechlin in die Wege geleitet habe. Auch Tobias Dammert, der Direktkandidat für die Landtagswahl aus dem dortigen Wahlkreis Bruchsal, bestätigt den Vorgang: „Das ging über den Landesvorstand.“ Bei der Nominierungsveranstaltung war Brechlin noch zu Dammerts Ersatzkandidat gewählt worden. Dieser Aufgabe habe Brechlin aber nicht formal zugestimmt, deshalb gebe es nun gar keinen Ersatzkandidaten, sagt Dammert. In der Mitteilung über die Nominierung wurde Brechlin noch mit den Worten zitiert: „Ich freue mich, Tobias im Wahlkampf unterstützen zu dürfen. Wir stehen für Klartext und Bürgernähe – und genau das werden wir gemeinsam zeigen. Die Menschen verdienen echte Mitbestimmung statt ideologischer Vorgaben.“
Jetzt heißt es aus der Partei, Brechlin sei bereits Anfang Dezember 2025 aus der AfD ausgetreten. „Bevor ein falsches Licht auf die Partei fällt, ist er lieber raus“, erklärt Brechlins Anwalt. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens in Prüfung gewesen, informiert die AfD-Landesgeschäftsstelle: „Mit seinem Austritt ist er einem Verfahren zuvorgekommen, sodass ein solches nicht weitergeführt wurde.“ Auch sein Amt im Gemeinderat der Stadt Waghäusel werde Brechlin niederlegen, teilt sein Anwalt mit.
Auch die Kriminalpolizei beschäftigt sich mit dem Video
Das Video aber beschäftigt nicht nur die AfD, auch die Kriminalpolizei Karlsruhe führt in diesem Fall ein Ermittlungsverfahren. „Die Auswertung des Videomaterials hat einen Anfangsverdacht wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB) ergeben“, heißt es in der Begründung. Man müsse nun erst einmal alle darauf zu sehenden Personen identifizieren.
Die Tat selbst dürfte aber wohl bereits verjährt sein, wie auch Brechlins Anwalt klar macht. Er sagt: „Das ist ein uraltes Video, eine Faschingsfeier vor 20 Jahren, eine Hitler-Parodie und jugendliche Dummheit, die mein Mandant nicht mehr machen würde.“ Eingeholt hat sie ihn nun aber doch.