Der Schuss, die Flucht der Täter, das blutende Opfer: Wie ein Film erscheint im Rückblick der Vorfall im Weiler Stadtteil Friedlingen. Unsere Redaktion hatte exklusive Einblicke.
Die Szene wirkt wie aus einem Hollywood-Streifen: Ein Mann in weißer Jacke auf der Flucht läuft durch die Regalreihen eines Lebensmittelgeschäfts; er schaut sich suchend um, er hält sich die rechte Seite. Auf der weißen Jacke breitet sich ein roter Fleck aus, am Boden eine Lache aus Blut.
Der Verletzte dreht sich mehrfach panisch nach links und rechts. Dann verlässt er den Laden wieder. Wenig später, so berichtet es die Polizei am Tag danach, wird er schwer verletzt mit einem Helikopter ins Krankenhaus geflogen.
Nur eine Person, die gerade am Putzen war, befindet sich zu dieser Zeit noch im Laden, der unter der Woche um 20 Uhr abends schließt, erst später werden die Inhaber eintreffen. Das Opfer hatte in dem Geschäft offenbar Schutz gesucht.
Das Geschehen vom Dienstagabend im Weiler Stadtteil Friedlingen – ein Mann, der in einem Café an der Hauptstraße saß, wurde auf offener Straße angeschossen – ist in Echtzeit auf dem Überwachungsvideo des nahe gelegenen Ladens festgehalten.
Zwei Männer fuhren laut Augenzeugenberichten auf einem E-Scooter ans Café heran, als einer unvermittelt eine Schusswaffe auf den 44-jährigen Mann richtete – und abdrückte. Danach seien sie in zwei verschiedene Richtungen geflüchtet, berichtet eine Frau unserer Redaktion. Andere Zeugen berichten von zwei Schüssen, auf dem Video sei aber nur einer zu sehen.
Nichts weit am Mittwoch auf die turbulenten Ereignisse hin
Am Morgen danach ist das Café geschlossen. Der Rollladen ist heruntergelassen bis zum Boden, die schwarzen Stühle und Tische stehen so da, wie sie verlassen wurden. In weißer Schrift auf goldenem Grund steht der Name des Cafés, darüber ein kleines Vordach aus Glas.
Nichts weist auf die turbulenten Ereignisse vom Vorabend hin, als nach der schockierenden Tat die Retter eintrafen und die Polizei das Gebiet weit um das Café herum absuchte und Spuren sicherte.
Die Betreiber der umliegenden Geschäfte und Restaurants halten sich auf Nachfrage bedeckt. Einige der Befragten machen deutlich, nicht gut Deutsch zu sprechen. Sie sei am Abend nicht dagewesen, sagt eine Barkeeperin, und wisse nicht, wer Dienst hatte.
Bleiben Kunden wegen der Gewalttat weg?
„Schauen Sie sich das an!“, ruft der Betreiber eines nahen Friseurgeschäfts, das schon seit vielen Jahren in Friedlingen ansässig ist, aus – und zeigt auf die leeren Stühle vor einer langen Spiegelwand in seinem Geschäft. Bleiben die Kunden wegen der Gewalttat vom Vortag weg? Der Mann hebt vielsagend die Schultern.
Tatsächlich ist auf der Straße am Mittwoch gegen Mittag wenig los. Passanten sind kaum zu sehen, wenn doch, dann kommen sie aus Basel zum Einkaufen. Sie haben vom Geschehen am Abend nach eigenen Angaben noch gar nichts mitbekommen.
Anwohner in Sorge
Eine Verkäuferin macht aus ihrer Sorge keinen Hehl. Erst vor drei Jahren sei sie mit ihren Eltern aus einem Dorf im Hotzenwald nach Friedlingen gezogen, wo sie neben einem Lebensmittelladen auch ein Restaurant betrieben. Die Familie sei hier gebunden, doch sie sei nun dringend auf der Suche nach einer Wohnung anderswo.
Der Vorfall vom Vorabend – nicht der erste, den sie in dem Weiler Stadtteil erlebt – mache ihr Angst. Sie fühle sich hier nicht sicher. Und sie zeigt auf ihren 13-jährigen Sohn: „Es hätte auch ihn treffen können“, sagt sie.
Als er von der Ratssitzung am Dienstagabend zurückkam, musste Stadtrat Andreas Rühle an Polizeiabsperrungen vorbei, um in seine Wohnung in der Hauptstraße zu gelangen. Bedroht gefühlt habe er sich aber nicht, versichert er. „Schrecklich, dass so etwas passiert“, lautet sein Kommentar am Tag danach. Er hoffe, dass der Täter bald dingfest gemacht werde. Die Kriminalität sei in der Grenzlage eine Realität, eine starke Polizeipräsenz sei wichtig, betont er.
Noch keine Erkenntnisse zum Tatmotiv
Die Polizei hatte zunächst weder Erkenntnisse zur Identität des Täters und dessen Begleiters noch zum Tatmotiv. „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren“, berichtet Polizeisprecher Christoph Efinger. Die Zahl der Einsatzkräfte sei aufgestockt worden.
Auch am frühen Mittwochnachmittag sicherte die Kriminalpolizei noch einmal Spuren im Umfeld des Tatorts, so Efinger. In den kommenden Tagen sei am Tatort noch mit weiteren Ermittlungsaktivitäten zu rechnen.
Es gehe darum, abschließend alle Spuren zu sichern. Die Auswertung von Überwachungsvideos von Anwohnern und eine Nachbarschaftsbefragung seien grundsätzlich Maßnahmen, die in einem solchen Fall durchgeführt werden könnten.
Zeugen gesucht
Das Kriminalkommissariat Lörrach
hat die Ermittlungen aufgenommen und sucht Zeuginnen und Zeugen, die den Sachverhalt beobachtet haben oder im genannten Bereich verdächtige Personen auf einem E-Scooter wahrgenommen haben.
Anwohner werden gebeten ihre Videoüberwachungsanlagen zu sichten und Verdächtiges der Kriminalpolizei mitzuteilen. Ein Hinweistelefon wurde eingerichtet und ist unter Tel. 076/882 5990 erreichbar. Der Kriminaldauerdienst nimmt Hinweise rund um die Uhr unter Tel. 0761/882 2880 entgegen.