Oberndorf - Es war der 31. Juli 1811, als Friedrich, der König von Württemberg, seine Unterschrift unter einen Erlass setzte, mit dem er anordnete, dass im ehemaligen, 1806 säkularisierten Augustinerkloster in Oberndorf am Neckar die Königlich Württembergische Gewehrfabrik einzurichten ist. Warum war die Wahl ausgerechnet auf das kleine Städtchen gefallen?
 
Zum einen war da der Neckar. Die Lage an einem Wasserlauf galt als Grundbedingung für den Aufbau einer Industrie. Zum anderen stand das leerstehende Klostergebäude als Fabrik zur Verfügung. General Karl Friedrich von Kerner wurde erster Direktor der Waffenfabrik. Damals ahnte wohl niemand, dass mit dieser Unterschrift das kleine, von Handwerkern und Bauern geprägte Städtchen Oberndorf am Neckar, rund 20 Kilometer entfernt von der stolzen ehemaligen Reichsstadt Rottweil, relativ rasch zu einer mittleren Industriestadt heranwachsen würde.
 

Billigkonkurrenz setzte Produzenten im Schwarzwald zu

Der 31. Juli 1811 war der Startschuss für die Industrialisierung, deren Kern bis heute die Waffenproduktion ist. Es gibt in Baden-Württemberg einige Beispiele von Regionen, in denen die Industrialisierung jeweils eng mit dem Aufschwung einer Branche verbunden war. Beispiele hierfür sind die Textilindustrie auf der Schwäbischen Alb und im Markgräfler Land oder die Uhrenindustrie im Schwarzwald. Aber gerade diese beiden prägenden Industriezweige wurden mit Beginn der 1970-er Jahre Opfer eines rasch einsetzenden Niedergangs. Beide Industriezweige konnten sich größtenteils nicht gegen die Billigkonkurrenz aus dem Ausland behaupten. Textilfirmen verlagerten ins Ausland, als Massenware gelieferte Uhren aus Japan setzten den Produzenten im Schwarzwald zu.
 

Sportschützen und Wahnsinnstäter

Mit der Waffenherstellung in Oberndorf verhält es sich anders. Noch heute ist der größte Arbeitgeber am Ort, Heckler & Koch, ein weltweit führender Hersteller hauptsächlich von Handfeuerwaffen. Die Mauser-Nachfolgefirma Rheinmetall-Defence produziert Bordkanonen für den Eurofighter. Mit den Sportwaffen von Westinger & Altenburger schießen nicht nur deutsche Schützen um Weltmeistertitel und Olympiamedaillen. 200 Jahre also hängen Auf und Ab dieser Stadt und ihr Selbstverständnis nicht zuletzt mit einem Geschäft zusammen, das durch alle Zeitenwirren auskömmlich bis prosperierend scheint. Das freilich immer auch angreifbar, der Kritik ausgesetzt ist, der moralischen Fragwürdigkeit geziehen wird. Da sind Kriegsjahre und Nachkriegszeiten, Abschreckungspolitik und Friedensbewegung, olympisches Edelmetall der Sportschützen und Schlagzeilen wie jetzt wieder: Könnten schärfere Waffengesetze Wahnsinnstäter wie den Massenmörder von Utøya stoppen?
 
Oberndorf erlebt solche Debatten immer ein wenig anders als andere Städte der Republik. Abwehrreflexe? Ja, auch. Bisweilen aber auch aufrichtiger, realitätsnäher.
 

Wohl der Stadt hängt von der Konjunktur bei Schießeisen ab

Doch wie begeht die Stadt ihre 200 Jahre Waffenbruderschaft? Erst mal unaufgeregt. Am 200. Jahrestag des königlichen Befehls gibt es einen Aktionstag im Museum und rund um den Schwedenbau. Die Ausstellung dort ist überarbeitet worden. Veranstaltungen und Vorträge unter anderem am Tag des offenen Denkmals im September runden die Jubiläumsaktivitäten ab. Der Titel lautet ganz nüchtern »200 Jahre Waffenindustrie 1811 – 200 Jahre Industrie 2011 in Oberndorf«. Museumsleiter Andreas Kussmann-Hochhalter sieht die Geschichte der Waffenindustrie denn auch ganz pragmatisch als ein Stück »faszinierender Technikgeschichte«.
Führt dann Waffenkenner Georg Egeler militärkritische Besuchergruppen durch die Waffenausstellung, deutet er schon mal auf die Parabellum aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts. Ihren Namen hat die Ordonnanzwaffe von dem alten römischen Satz »Si vis pacem, para bellum«. Übersetzt: »Wenn Du den Frieden willst, bereite Dich zum Krieg«. Damit ist für Egeler wohl das meiste gesagt.
 
Rückblende: In den ersten Jahren nach ihrer Gründung dümpelte die Oberndorfer Gewehrfabrik vor sich hin. Mit dem benachbarten Schramberg konnte Oberndorf in Sachen Industrialisierung in keiner Weise mithalten. Die Mitarbeiterzahlen in der Gewehrherstellung schwankten zwischen 55 (1853) und 150. Die Schramberger Strohwarenfabrik beschäftigte zu jener Zeit bereits an die 1900 Mitarbeiter.
 
Erst als die Brüder Wilhelm und Paul Mauser 1874 die Königlich Württembergische Gewehrfabrik übernahmen, sollte der steile Anstieg der Oberndorfer Waffenproduktion beginnen. Bis Ende der 1980er-Jahre war die konjunkturelle Entwicklung Oberndorfs untrennbar mit Wohl und Wehe der Mauser-Werke verbunden, nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit dem von Heckler & Koch.
 

Pioniergeist führt zu schnellem Aufstieg

Der Erfinder- und Pioniergeist der Brüder Mauser in Verbindung mit einer Tradition hochpräziser Wertarbeit in der Metallbearbeitung führte zum rapiden Aufstieg der Mauser-Werke. Die politischen Ereignisse in den gerade auf dem Balkan unruhigen Zeiten Ende des 19. Jahrhunderts ergaben starke Ausschläge in der Waffenpro­- duk­tion. So stieg die Beschäftigtenzahl 1895 auf 2500 bei einer Wohnbevölkerung Oberndorfs von knapp 4000, um dann wieder kurzzeitig unter 1000 zu fallen. Der später geadelte Paul Mauser indes knüpfte Verbindungen ins Ausland. Herrscher und Regierungen des osmanischen Reichs, von Serbien und von Schweden ließen sich von Qualität und technischem Vorsprung der Oberndorfer Gewehre und Pistolen überzeugen. Die exportorientierte Geschäftspolitik schlug sich im Stadtbild nieder: Es entstand der im osmanischen Stil errichtete Türkenbau. Hier hielten sich die Abnahmeoffiziere des türkischen Heeres auf. Und es wurde ein mächtiger Schwedenbau errichtet, in dem die schwedischen Offiziere die Waffen begutachteten. Der stattliche Bau beherbergt heute unter anderem das Heimat- und das Waffenmuseum. Der Türkenbau hingegen wurde im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer beschädigt und 1961 abgerissen.
 
Der Beginn des Ersten Weltkriegs läutete für Mauser eine Zeitspanne von vier Kriegsjahren ein, in der Gewehr- und Pistolenproduktion heiß liefen und bis zu 6800 Mitarbeiter beschäftigt waren. Der Frieden von 1918 und das Verbot, in Deutschland Rüstungsgegenstände herzustellen, trafen die Mauser-Werke und damit die Stadt Oberndorf hart.
 

Mit Messwerkzeugen hält sich Mauser nach dem Krieg über Wasser

Mauser fasste aber dank seiner infolge der Waffenproduktion an höchst präzises Arbeiten gewohnten Beschäftigten rasch in der zivilen Produktion Fuß. Die 1920 auf den Markt gebrachten Messwerkzeuge entwickelten sich zu Verkaufsschlagern. Gemäß der Erkenntnis des Paul Mauser, »jedes Teil muss gleich sein«, hatte Mauser intern zur Kontrolle der Einzelteile schon lange selbst konstruierte Messwerkzeuge eingesetzt. Das Unternehmen stieg zudem in die Nähmaschinen- und sogar in die Autoproduktion ein. Die Waffenfabrik Mauser AG firmierte ab 1922 als Mauser-Werke AG. Bald entdeckten die Oberndorfer aber wieder ihre Fähigkeiten in der Waffenherstellung, und schon 1925 erwirtschaftete die Waffenabteilung 62 Prozent des Gesamtumsatzes.
 
Mit der Machtergreifung der kriegslüsternen und nach Waffen gierenden Nazis erlebten die Mauserwerke einen Boom ohnegleichen. 1939 waren mehr als 9800 Menschen bei Mauser beschäftigt, Oberndorf zählte gerade 8250 Einwohner.
 
Schon die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache: Etwa 70 000 Militär-Karabiner wurden während des Zweiten Weltkrieges monatlich produziert. Die Konsequenz des Regimes: Immer mehr Zwangsarbeiter müssen die Produktivität aufrechterhalten. Zeitweise sind mehr als 5000 Menschen aus von den Nazis besetzten europäischen Ländern zur Kriegswaffenproduktion in Oberndorf gezwungen. An deren Schicksal erinnern heute Mahnmale wie das vom Rottweiler Künstler Jürgen Knubben geschaffene »Buch der Erinnerung«.
 

Werkhallen nach 1946 demontiert

Das Ende des Zweiten Weltkriegs stoppte die Waffenproduktion bei Mauser nicht sofort, da die Franzosen selbst durchaus Gefallen an den Karabinern aus Oberndorf fanden. Ab 1946 war damit Schluss, die Maschinen und Werkhallen wurden zum großen Teil demontiert. Aber erneut bewies das Unternehmen Überlebensfähigkeit: Man stellte Messwerkzeuge und Jagdwaffen her, baute Maschinen und dann ab Mitte der 1950er-Jahre wieder Waffen. In dieser Zeit erhielt auch das von Mauser-Ingenieuren gegründete Unternehmen Heckler & Koch den Auftrag, für die Bundeswehr das Standard-Sturmgewehr G 3 zu entwickeln.
 
In der Industriegeschichte der Stadt tauchen jetzt auch andere Namen auf. Firmen wie die Oberndorfer Gardinen- und Spitzen-Webereien GmbH – Mitte der 50er-Jahre Europas größte Gardinenfabrik mit 1963 fast 1400 Mitarbeitern. Oder die Vasenol-Werke, später Ponds – sie nahmen in der Nachkriegszeit rasch einen ungeheuren Aufschwung, stürzten aber ebenso schnell wieder ab.
 
Die beiden Waffenhersteller Mauser sowie Heckler & Koch hingegen profitierten nicht zuletzt vom »Kalten Krieg«. Mitte der 1980er-Jahre beschäftigten die beiden Unternehmen jeweils um die 2500 Mitarbeiter, allerdings auch in zivilen Sparten. Der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs sollte aber auch für diese beiden Firmen den Beginn wirtschaftlich schwerer Zeiten markieren. Sie verloren einen Großteil ihrer Aufträge, die Mitarbeiterzahlen schmolzen dahin.
 

Oberndorf hat kaum Arbeitslose

Mit neuen Inhabern stabilisierten sie sich aber einmal mehr: Heckler & Koch produziert heute mit rund 700 Mitarbeitern Handfeuerwaffen von Weltruf. Der Rheinmetallkonzern hat in die Modernisierung des Standorts Oberndorf für Mittelkaliber viel Geld investiert. Hier finden derzeit knapp 300 Menschen Arbeit.
 
Freilich: Oberndorfs Industrielandschaft ist inzwischen weit weniger auf Waffenfertigung fixiert. Es hat sich eine zukunftsfähige Struktur mit leistungsfähigen Unternehmen vor allem im Metall verarbeitenden Gewerbe etabliert. Namen wie die Paul Bippus GmbH, Mafell, Parker Hannifin, Exeron, ITS, OPW und Chrom Müller stehen dafür.
 
Museumsleiter Andreas Kussmann-Hochhalter kann der Industriegeschichte der Stadt am Neckar neue Kapitel hinzufügen. Und dabei die Statistik bemühen: Oberndorf weist eine der geringsten Arbeitslosenquoten auf – in ganz Europa.