Wärmenetze sind in Albstadt nur bedingt realisierbar. Doch bei steigenden Heizkosten werden sie interessanter. Was geht und wo, darüber haben die Albstadtwerke und die Stadtverwaltung informiert – und sich zuvor in Chambéry ein Wärmenetz angeschaut.
Bis 2040 will Albstadt klimaneutral sein. Einen kleinen Beitrag können Wärmenetze leisten, wie sie bereits rund ums Ebinger Hallenbad – von den Volksbank-Türmen bis zum Gasthaus Linde – sowie rund um die Hochschule in Ebingen, rund um die Landessportschule und am Lammerberg in Tailfingen existieren, wie Simon Stüve, Klimaschutzmanager der Stadt Albstadt, am Informationsabend im Schulzentrum Lammerberg berichtet hat.
Energie aus Wasserstoff – das sei „unfassbar unplanbar“, erklärte Stüve und musste weiteres Wasser in den Wein gießen: Aus Holz und Pellets könne in Albstadt maximal je fünf Prozent des Energiebedarfs gedeckt werden. Seit 2018 gebe es in deutschen Wäldern „praktisch keine Vorratszuwächse“ mehr, und nachhaltige Waldbewirtschaftung sei außerhalb Deutschlands unbekannt.
Mit Fernwärme ließen sich höchsten zwölf Prozent des Energiebedarfs in Albstadt decken, sagte Stüve und mahnte: „Auch diese Energie muss irgendwo erzeugt werden. Wärme kommt nicht aus der Heizung und Strom nicht aus der Steckdose!“ Simon Spreter von den Albstadtwerken nannte die Faktoren für die Eignung von Fernwärme – zuvorderst die Bebauungs- und die Anschlussdichte, die in Ebingen die höchste im Zollernalbkreis sei. In Burgfelden etwa sei Fernwärme nicht möglich.
Für Wärmepumpen sieht er in Albstadt ein Potenzial von 74 Prozent. Außerdem würden im Zuge der Transformationsplanung – weg von fossilen, hin zu klimafreundlicheren Energien – Erdwärme sowie Ab- und Prozesswärme untersucht, wie sie etwa am Klärwerk oder bei großen Produktionsfirmen entstehen. Weitere Potenziale untersuchen die Albstadtwerke, die Betreiber der Wärmenetze sind – und das auch bleiben wollen. Spreter betonte, dass Betriebe überschüssige Abwärme seit Anfang 2024 auf dem Markt anbieten müssten.
Probebohrungen zur Nutzung von Thermalwasser haben die Albstadtwerke vor einigen Wochen gemacht – und doppelt so warmes Wasser gefunden wie erwartet.
Über Heizungstausch informierte Matthias Schlagenhauf von der Energieagentur Zollernalb, die kostenlos berät – vor allem über Wärmepumpen, die in Deutschland sieben Prozent der Energie für fast zwei Millionen Haushalte lieferten – in Norwegen seien es 65 Prozent. Aber: 28 Prozent aller verkauften Heizungen in Deutschland waren 2023 Wärmepumpen, sagte er und erklärte die Funktionsweise – das umkehrte Prinzip eines Kühlschranks: sie nutze Luft, Boden oder Wasser als Wärmequelle und heize damit das Haus.
Den Zuhörern empfahl er, die Strom- und Wärme-Verbrauchszahlen der zurückliegenden drei Jahre herauszusuchen und zur Beratung zu kommen. Am 9. November finde in der Balinger Volksbank-Messe außerdem ein Tag der Wärmepumpe statt.
Geeignet seien Wärmepumpen für Altbauten mit Heizkörpern und Vorlauftemperaturen bis maximal 55 Grad, für Neubauten und Altbauten mit Flächenheizung. Der Idealfall sei eine Kombination mit Photovoltaik, aber kein Muss.
Die Kosten für die Anschaffung seien über die Betriebsjahre hinweg niedriger als für eine mit Gas oder Öl betriebene Heizung, zumal die Bundesregierung den Umstieg fördere. Die Kosten für die Installation einer Luft-Wasser-Wärmepumpe bezifferte Schlagenhauf auf 29 000 bis 38 000 Euro, wobei die Förderung bei bis zu 70 Prozent liege.
Abgucken in Chambéry
Eine Heizzentrale
in Bissy, einem nördlichen Stadtteil von Chambéry, hat eine Albstädter Delegation um Oberbürgermeister Roland Tralmer, Kulturamtsleiter Martin Roscher, Ronja Schumacher vom Stadtplanungsamt sowie Stadträtin Manuela Heider beim Treffen zum 45-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft besichtigt. Sie gewannen den Eindruck, dass Chambéry Albstadt in puncto Wärmenetze mehr als eine Nasenlänge voraus ist – und dass manche Dinge in Frankreich leichter fallen als in Deutschland.
Beim Brennstoff
fängt es an. Wie die Gäste erfuhren, stammen 41 Prozent der in Bissy erzeugten Energie aus Resten der Holzverarbeitung im gesamten Departement Savoie, fünf Prozent aus Gas, weitere fünf Prozent aus der Rückgewinnung der Rauchgaswärme und fünf Prozent aus industrieller Wärmerückgewinnung. Der wichtigste mit 45 Prozent ist Abfall. Die Albstädter wollten wissen, ob es dagegen Bürgerproteste gegeben habe. Nein, wieso?, habe die Antwort gelautet.
Die Zukunftspläne
der Franzosen sind ehrgeizig. Für das Jahr 2030 peilen sie eine Wärmenetzlänge von 93 Kilometern an. Über dieses Netz sollen 44 000 Haushalte mit Energie – 350 Gigawattstunden – versorgt werden. Was das kostet, fragten die Albstädter und mussten schlucken, als sie Antwort vernahmen: 245 Millionen Euro, in denen die Kosten der Erneuerung des bestehenden Netzes inbegriffen sind.
Woher kommt das Geld?
Hinter dem Umbau der nationalen Wärmeversorgung steht der französische Staat, der einen großen Teil der Finanzierung übernimmt und ihn durch gesetzliche Auflagen forciert. In Deutschland sieht das anders aus: Das Ja zum Wärmenetz ist jedermanns private Entscheidung, die nicht notwendigerweise durch Förderung erleichtert, sondern durch Erschließungsbeiträge zusätzlich erschwert wird.