Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter des Landes Baden-Württemberg spricht in der Hohenzollernhalle in Bisingen. Foto: Kauffmann

Vortrag: Antisemitismus-Beauftragter spricht in Bisingen über Verschwörungsmythen / Vernetzung über Theorien wird einfacher

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Und warum sollen immer die Juden schuld sein? Fragen, die der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Baden-Württemberg beantwortet hat.

Bisingen. Im Corona-Impfstoff sind Computer-Chips und Juden halten Kinder im Verließ? Alle Geimpften werden sterben? Und eine germanische Heilsteinbehandlung soll Krankheiten heilen? Das klingt für die meisten völlig abstrus, für wenige scheint so etwas jedoch bitterer Ernst zu sein. Mit den Mythen, an die solche Menschen glauben, beschäftigt sich Michael Blume als Antisemitismus-Beauftragter des Landes hauptberuflich.

Dabei müssen Mythen nicht per se schlecht sein, denn sie geben auch Orientierung. Zum Beispiel, dass jeder Mensch eine Würde hat oder dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. All das wird geglaubt, ohne, dass es wissenschaftlich belegbar wäre. Kurzum: Alle Menschen glauben an Mythen, sagt Blume, doch es gibt nicht nur die guten Mythen. Woher kommt es zum Beispiel, dass der Judenhass immer wiederkehrt? Warum werden immer die Juden hingestellt, als hätten sie an scheinbar allem, was schlecht ist, Schuld?

Die gute Nachricht ist, dass nicht die Anzahl der Antisemiten steige, aber die Vernetzung unter den Antisemiten nehme zu. Das Internet wirke wie ein Beschleuniger für absurde, gegen Juden gerichtete Vorstellungen. Manche Menschen würden immer tiefer hineingezogen. Konsequenz: "Einzelne werden sich radikalisieren und losschlagen", sagt Blume. Nur drei Wochen vor dem Anschlag auf die Synagoge von Halle habe das Land Sicherheitskonzepte für jüdische Einrichtungen erstellt.

Blume vergleicht den Hass auf Juden und ihre Einrichtungen so: "Es ist ein Canyon, der so tief gegraben ist, dass jedes Wasser reingeht." Soll heißen: Egal, was Juden machen, Schuld haben sie in den Augen einiger Weniger immer. Woran das liegt? Blume: "Das Geheimnis ist Bildung." Bereits in der Antike hätten jüdische Gemeinden ein vergleichsweise höheres Bildungsniveau gehabt, Juden waren es, die das Alphabet erfunden haben; Bildung: scheinbar eine Konstante, die sich bis heute erhalten hat: So seien 20 Prozent aller Nobelpreise an Juden gegangen, rechnet Blume vor. Juden würde vorgeworfen, dass sie "besonders schlau" seien und ihr Wissen gegen andere einsetzten. Dass die Muslimbrüder den Staat regierten, darauf würde man zum Beispiel nicht kommen.

Verschwörungstheoretiker, die dann doch ein Einsehen haben, reagierten laut Blume auf zwei Arten: Sie ziehen sich zurück und geben ihren Fehler kleinlaut zu oder sie steigern sich immer weiter in ihre Vorstellungen hinein und eskalieren. Das sind dann auch die Menschen, die sich radikalisieren und zur Gefahr für die Gesellschaft werden. Antisemitismus ziehe sich durch die ganze Gesellschaft, ein großer Teil der Übergriffe komme aus dem "migrantischen Milieu".

Und doch lohne es, sich gegen Antisemitismus einzusetzen – schließlich ist es immer noch die Mehrheit, die den Antisemitismus gar nicht mehr will.

Michael Blume macht fünf Phasen aus, in denen die Menschen auf Verschwörtungsmythen reagieren. Erstens: Sie wehren das Beängstigende ab, denn nicht jeder kann den ganzen Tag an Krisen denken. Die zweite Phase: Die Menschen spalten das Beängstigende ab und schieben es auf Verschwörer, ordnen sich dem Guten zu und die anderen dem Bösen. Drittens: Für die angebliche Verschwörung werden weltweite Erklärungen gesucht, jeder Einwand dagegen wird abgewehrt. Die vierte Phase nennt Blume "Tyrannophilie", den Glauben an eine Erlöserfigur, eine Person, der zugetraut wird, die angenommene Weltverschwörung zu zerschlagen. In der fünften Phase steigerten sich manche Menschen in einen "Wahn", in dem einzelne Menschenleben nicht mehr zählen. Anschauliches Beispiel dafür ist das ehemalige KZ Bisingen, wo die Häftlinge völlig sinnfrei Ölschiefer abbauen mussten.

n Der Referent

Michael Blume wurde 1976 in Filderstadt geboren. Nach einer Bankausbildung studierte er Religions- und Politikwissenschaften in Tübingen, wo er auch zu Religion und Hirnforschung promovierte. Blume arbeitet seit 2003 im Staatsministerium Baden-Württemberg und leitete von März 2015 bis Juli 2016 die Projektgruppe "Sonderkontingent für besonderes schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak". Bis Juni 2020 war er Leiter des Referats "Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten, Projekte Nordirak".

n Zeichen setzen

Blume sprach auf Einladung des Vereins KZ Gedenkstätten Bisingen und der vier Gemeinderatsfraktionen in der Hohenzollernhalle: Gemeinsam wollten sie nach Anschlägen und Anschlagsversuchen auf Synagogen ein politisches Zeichen gegen Antisemitismus setzen.