Willy Schoch ließ die Zeit um das Kriegsende wieder lebendig werden. Foto: Reinhard Mahn

NS-„Euthanasie“, Zwangsarbeit, Bombenangriffe, willkürliche Erschießungen – über die Schrecken der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges in Schenkenzell referierte Heimatforscher Willy Schoch bei einem Vortrag.

Heimatforscher Willy Schoch referierte über „Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Schenkenzell“, wobei er zum besseren Verständnis auch in frühere Jahre zurückblickte. Als Quellen dienten ihm das Gemeindearchiv sowie Zeitzeugengespräche des Historischen Vereins aus dem Jahr 2011, aus denen er gerne Anekdoten einstreute.

 

Schoch betrachtete zunächst das Verhältnis der örtlichen Pfarrer zum Nationalsozialismus. Der Witticher Pfarrer Behringer wurde wegen seiner Kritik öffentlich verwarnt, sein Schenkenzeller Amtsbruder Bihler 1938 gar zwangsversetzt. Auch dessen Nachfolger Alois Siegel widersetzte sich den Machthabern, verpackte seine Kritik aber so geschickt, dass er unbehelligt blieb.

Schon 1934 wurde den beiden Industriellen J. und S. Wertheimer, die im Ort eine Baumwollfabrik betrieben, ihr jüdischer Glaube zum Verhängnis. Obwohl sie 50 Mitarbeiter beschäftigten, wurde die Firma aufgelöst, sie selbst zur Flucht gedrängt. Auch wurden drei Mitbürger aufgrund geistiger Behinderungen und Depressionen Opfer der NS-„Euthanasie“. Zur Zwangsarbeit berichtete Schoch, dass in der Fabrik hauptsächlich Sowjetbürger, auf den Höfen Arbeitskräfte aus Polen eingesetzt waren.

Das Haus „des Richtigen“ getroffen

1944 setzten Luftangriffe ein und im Februar 1945 fielen die ersten Bomben. Getroffen wurden die Bahngleise, Industrieanlagen und das Wohnhaus eines überzeugten Parteigenossen, in dessen Keller Flüchtlinge Schutz fanden. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben, getuschelt wurde aber, dass die Bombe das Haus „des Richtigen“ traf. Der Beschuss durch Tiefflieger nahm zu, Mitte April wurde täglich mit dem Einmarsch von Besatzungstruppen gerechnet. Schoch beschrieb drastisch: „Selbst die Einfältigen sehen nun plötzlich das tausendjährige nationalsozialistische Reich zusammenstürzen“.

An sinnlosem Kampf festgehalten

Trotzdem wurde am sinnlosen Kampf festgehalten und die Eisenbahnbrücke über die Kinzig gesprengt; die Panzersperre im Tös konnte dagegen vor Ablauf eines Ultimatums beseitigt werden. Tragisch war das Schicksal einer Einwohnerin, die des Französischen mächtig, sich vermittelnd einschalten wollte, dabei von einem französischen Soldaten aber versehentlich erschossen wurde.

Die Ungewissheit über das Schicksal der noch nicht heimgekehrten Soldaten lastete schwer auf der Gemeinde. Schließlich waren es 97 Soldaten aus Schenkenzell, die gefallen oder vermisst waren. Ihre Namen sind auf dem Friedhof festgehalten.

Die 70 Zuhörer dankten Schoch für die bewegende Reise in dunkle Zeiten mit anhaltendem Applaus.

Der Vortrag kann unter www.geschichte-schiltach-schenkenzell.de nachgehört werden.